Streit an Zürcher Tankstelle artet aus - Frauen weisen Wildpinklerin zurecht – sie versucht, das Trio anzufahren
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Streit an Zürcher Tankstelle artet aus Frauen weisen Wildpinklerin zurecht – sie versucht, das Trio anzufahren

Eine Wildpinklerin, welche von drei Frauen zurechtgewiesen wurde, beleidigte das Trio und bedrohte es mit dem Auto. Nun muss sie für sechs Monate ins Gefängnis.

von
Stefan Hohler
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Laut Anklageschrift beleidigte und bedrohte eine heute 56-jährige Frau im Februar 2019 drei Frauen bei einer Tankstelle. 

Laut Anklageschrift beleidigte und bedrohte eine heute 56-jährige Frau im Februar 2019 drei Frauen bei einer Tankstelle.

20min/Stefan Hohler
Bei dieser Tankstelle in Zürich-Altstetten kam es zum Vorfall. 

Bei dieser Tankstelle in Zürich-Altstetten kam es zum Vorfall.

20min/Stefan Hohler
Das Bezirksgericht Zürich sprach die Frau vom Hauptvorwurf Gefährdung des Lebens frei. Sie muss aber für sechs Monate ins Gefängnis, weil sie alkoholisiert und trotz Entzug des Billetts am Steuer sass. 

Das Bezirksgericht Zürich sprach die Frau vom Hauptvorwurf Gefährdung des Lebens frei. Sie muss aber für sechs Monate ins Gefängnis, weil sie alkoholisiert und trotz Entzug des Billetts am Steuer sass.

20min/Stefan Hohler

Darum gehts

  • Eine Frau urinierte im Februar 2019 unmittelbar bei drei jungen Frauen bei einer Tankstelle in Zürich-Altstetten.

  • Es kam zu massiven Beschimpfungen. In der Folge ging die 56-Jährige zum Auto zurück, setzte sich ans Steuer und fuhr auf die Frauen los.

  • Das Bezirksgericht Zürich sprach die Frau vom Hauptvorwurf Gefährdung des Lebens frei. Sie muss aber für sechs Monate ins Gefängnis, weil sie alkoholisiert und trotz Entzug des Billetts am Steuer sass.

Das Wildpinkeln bei einer Tankstelle hat für eine 56-Jährige happige Folgen: Im Februar 2019 fuhr die Beschuldigte aus dem Limmattal mit ihrem Freund zur Tankstelle an der Hohlstrasse unter der Europabrücke in Zürich-Altstetten. Während ihr Partner in den Tankstellenshop ging, begab sich die IV-Rentnerin zu den Parkplätzen unweit der Tankstelle und fragte gemäss Anklageschrift drei anwesende junge Frauen, ob sie dort pinkeln dürfe. Obwohl diese verneinten, zog die IV-Rentnerin in Hose runter und begann zu urinieren. Es kam zu einer verbalen Auseinandersetzung und die Frauen beschimpften sich massiv.

Danach kehrte die 56-Jährige zum Auto zurück und setze sich an Steuer. Sie fuhr einmal um den Häuserblock und soll dann auf die Frauen losgefahren sein. Diese erschraken und brachten sich in Sicherheit. Der Staatsanwalt schrieb von einem «absolut gewissen- und rücksichtslosen Fahrmanöver». Er klagte die Beschuldigte wegen Gefährdung des Lebens an und forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 31 Monaten. Sie war mit 1,2 Promille betrunken und hatte auch Psychopharmaka konsumiert. Der Führerausweis war ihr schon zehn Jahre zuvor entzogen worden.

Mit Sprung zur Seite in Sicherheit bringen

Am Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich am Montag sagte die Mutter zweier Kinder, dass sie einen Seich gemacht habe, als sie sich ans Steuer setzte, verneinte aber, aggressiv gewesen zu sein. Ansonsten will die ehemals drogen- und alkoholabhängige Beschuldigte keine Aussagen machen. Sie hat acht Vorstrafen wegen Diebstahl, Hausfriedensbruch und Vergehen gegen das Strassenverkehrsgesetz und leidet gemäss psychiatrischem Gutachten unter einer Borderline-Störung. «Das stimmt nicht, ich werde auch nicht in eine Klinik gehen und Chemie schlucken», antwortete sie dem Richter auf die Frage, ob sie sich nicht psychiatrisch behandeln lassen wolle.

Für den Staatsanwalt waren die drei jungen Frauen nur knapp einer Kollision entgangen – «mit verheerenden oder gar tödlichen Folgen.» Sie hätten sich nur mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen können. «Ich muss überleben», sei der einzige Gedanke einer der jungen Frauen gewesen. Bestätigt werden die Aussagen der Frauen von zwei jungen Männern, welche von aufheulendem Motor und quietschenden Reifen sprachen.

Der Tat war ein Streit mit massiven gegenseitigen sexistischen und rassistischen Beleidigungen vorangegangen. «Aber ausgelöst wurde der Streit durch das ungebührliche Verhalten der Beschuldigten, direkt neben den drei Frauen zu urinieren», sagte der Staatsanwalt. Die Strafe von 31 Monaten soll vollzogen werden, nicht zuletzt wegen der vielen Vorstrafen: «Sie kann und muss die Strafe absitzen.» Eine stationäre Massnahme wäre zwar das Beste, aber dazu bestehe bei ihr keine Bereitschaft.

Verteidigerin verlangt einen Freispruch

Die Anwältin der Beschuldigten will einen Freispruch vom Hauptdelikt, nur eine Verurteilung wegen Fahren im fahrunfähigen Zustand sowie Beschimpfung. Zudem fordert sie für die dreimonatige Untersuchungshaft eine Entschädigung von 18’000 Franken. «Die Aussagen der drei Frauen sind mit Vorsicht zu geniessen.» Sie hätten sich abgesprochen.

Auch hinter die Aussagen der beiden Zeugen, welche Sympathien zu den drei Zwanzigjährigen hatten und als Retter und Beschützer dastehen wollten, müsse man ein Fragezeichen machen. Ihre Mandantin habe dringend urinieren müssen, dabei sei sie von den drei Frauen beleidigt worden. Nachher habe sie mit dem Auto eine Spritztour um den Häuserblock gemacht, weil ihr Freund immer noch im Tankstellenshop wartete. «Es war kein Drama und kein Horror», so die Anwältin. Die Frauen hätten sich in der Gruppendynamik einfach in etwas hineingesteigert.

Sechs Monate ins Gefängnis

Für das Gericht bestand Zweifel, ob eine unmittelbare Lebensgefahr bestand. «Vermutlich wollte die Beschuldigte ihnen nur Angst machen», sagte der Vorsitzende Richter. Deshalb gab es bezüglich des Hauptvorwurfs der Gefährdung des Lebens einen Freispruch. Das Gericht verurteilte die Frau aber wegen Beschimpfung und Fahrens unter Alkohol und ohne Führerausweis zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Weil sie schon drei Monate in Untersuchungshaft sass, muss sie noch drei Monate ins Gefängnis. «Sie sind haarscharf vom Hauptvorwurf freigesprochen worden», sagte der Richter und empfahl der Frau dringend, eine Therapie zu machen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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