Fussball und Feminismus - «Frauen werden diskrimiert» – Feministischer Fussballverband will helfen
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Fussball und Feminismus«Frauen werden diskrimiert» – Feministischer Fussballverband will helfen

Meret Böhni (23) und Luisa Gfeller (23) sprechen über die Gründung des Feministischen Fussballverbandes (FFV) und den Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten.

von
Erik Hasselberg
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Sie haben den Feministischen Fussballverband (FFV) mitgegründet: Luisa Gfeller (l.) und Meret Böhni (r.). 

Sie haben den Feministischen Fussballverband (FFV) mitgegründet: Luisa Gfeller (l.) und Meret Böhni (r.).

20min/Erik Hasselberg
Meret Böhni (l.) und Luisa Gfeller (2. v. l.) posieren mit weiteren Mitgliedern: Seraina Kaufmann (2. v. r.) und Petra Fässler.

Meret Böhni (l.) und Luisa Gfeller (2. v. l.) posieren mit weiteren Mitgliedern: Seraina Kaufmann (2. v. r.) und Petra Fässler.

FVV
Gfeller und Böhni spielen gemeinsam Fussball beim FFC Wiedikon. 

Gfeller und Böhni spielen gemeinsam Fussball beim FFC Wiedikon.

FFC Wiedikon

Darum gehts

  • Anfang Jahr wurde der Feministische Fussballverband (FFV) gegründet.

  • Zwei der Gründerinnen sprachen mit 20 Minuten über die Pläne und Vorhaben des FFV.

  • Sie sagen: «Frauen werden systematisch diskriminiert.»

«Viele Leute haben die Nase voll von Fussball», stellt Meret Böhni klar. «Die Kreise, in denen ich mich bewege, halten Fussball für primitiv und problematisch. Manchmal ist es mir fast peinlich zu sagen, dass ich selber spiele. Ich habe das Gefühl, viele Personen denken dann gleich an Cristiano Ronaldo, die Fifa oder Homophobie», sagt die 23-jährige Studentin. Ihre Freundin Luisa Gfeller ergänzt: «Mit unserem Vorhaben haben wir ein mega Potential, all diejenigen abzuholen, die noch nie Fussball geschaut haben oder nicht mehr schauen.» Und schliesslich stehe ihr Projekt auch für eine neue Fussballkultur, mit der sie sich endlich identifizieren könnten. Das Projekt? Die Gründung des Feministischen Fussballverbandes (FFV).

Seit Anfang 2021 gibt es den FFV, seit Ende April wird der dazugehörige Instagram-Kanal mit Content bespielt. Eine Website mit weitergehenden Informationen sucht man noch vergebens, lediglich eine Mail ist auf dem Kanal des FFV hinterlegt. «Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir schon so kontaktiert werden», gibt sich Meret Böhni erstaunt. Noch sei alles erst am Anfang, der FFV in den Augen der beiden jungen Frauen keine grosse Sache. Die Anliegen und Interessen, für die die beiden stellvertretenden Kollektivmitglieder einstehen, sind es hingegen schon.

Gemeinsam im Kreis 3 in Zürich direkt neben einem Fussballplatz aufgewachsen, wird den gleichaltrigen Freundinnen schon früh bewusst, welche Priorität der Frauenfussball geniesst. Weil der FC Wiedikon keine Mädchenabteilung führt, müssen sie zum FC Blue Stars. Jahre später, 2017, kommen sie zu ihrem Quartierverein zurück und beheben diesen Missstand, gründen nach Überzeugungsarbeit beim Vorstand eine Frauenabteilung. Der Entscheid zur Gründung des Feministischen Fussballverbands wächst aus ihrer Arbeit beim FC Wiedikon heraus. «Wir haben gesehen, dass viele Frauenvereine die gleichen strukturellen Probleme haben. Die Vernetzung der Vereine untereinander, um diese Probleme zu beheben, ist eines der zentralen Anliegen des FFV», so Luisa Gfeller.

Prioritätenordnung gibt zu denken

Das grösste Problem? «Die systematische Diskriminierung von Frauen, wenn es um die Zuteilung von Ressourcen wie Geld, Trainingszeiten oder Fussballplätzen geht», antwortet Meret Böhni umgehend. Dabei sei es der Artikel 28 des Wettspielreglements des Schweizer Fussballverbands (SFV), der diese Benachteiligung «schwarz auf weiss» festhalte. Besagter Artikel regelt die «Prioritätenordnung bei der Benutzung von Spielfeldern». «Wie kann es sein, dass 4. Liga Männer und 1. Liga Frauen gleichgestellt auf dem 14. Platz stehen?», fragt Meret Böhni. So werden auch U-18, U-16 oder U-15 Spiele höher als jene der Frauen aus der 1. Liga gewichtet. «So kann es vorkommen, dass Frauen nicht trainieren können, weil ein Junioren-Match stattfindet.»

Auf Anfrage beim SFV wird auf die neue Prioritätenordnung verwiesen, die an der letzten Verbandsratssitzung im April 2021 genehmigt wurde und bereits in Kraft sei. Gemäss der neuen Prioritätenordnung machen beispielsweise die NLA-Frauen einen Sprung und folgen direkt nach der Challenge League. Auch der 1. Liga der Frauen wird eine höhere Priorität eingeräumt als zuvor.

Links die alte, rechts die neue Prioritätenordnung mit den Änderungen in rot.

Links die alte, rechts die neue Prioritätenordnung mit den Änderungen in rot.

SFV

Klischierte Rollenbilder dominieren

Es gebe aber noch weitere Probleme. «Weil es nur wenige Funktionärinnen gibt, wurde beispielsweise während der Corona-Pandemie vergessen, Schutzkonzepte für Frauentrainings zu erstellen.» Die wenigen Frauen, die im Vorstand seien, würden zudem oftmals klischierte Rollenbilder erfüllen und sich entweder um Finanzen oder Gastronomie kümmern. Und nicht zu vergessen sei schliesslich ein «gesellschaftlich völlig überholter Aspekt», den Luisa Gfeller sogleich ausführt: «Es gibt immer noch Clubs, die ihren Frauenteams für Trainingslager nur finanzielle Unterstützung zusichern, wenn sie beim Abschlussevent der Männer abwaschen.»

Eine Spielerin, die lieber anonym bleiben möchte, sagt gegenüber 20 Minuten: «Bei Hallenturnieren bei uns im Verein muss sich immer das Frauenteam um das Buffet kümmern. Wenn wir das nicht machen würden, hätten wir kein Budget für Teamevents.» So etwas würde natürlich das Klischee der Rolle der Frau in der Küche verstärken. Grossen Widerstand gebe es jedoch nicht – vor allem aber deshalb, weil es sonst kaum eine Möglichkeit gäbe, an finanzielle Mittel zu kommen.

Dass Frauen kaum finanzielle Unterstützung hätten, sondern hingegen auf Kosten der Spielerinnen versucht würde, den Sport zu professionalisieren, sagt Seraina Kaufmann, die für den FC Winterthur aufläuft und auch Teil des FFV ist. «In Winterthur haben wir Frauen eine eigene Fankurve und viele Zuschauerinnen und Zuschauer, aber von den Erlösen aus den Ticketverkäufen sehen wir nichts. Wir müssen wie die Männer unsere Trikots waschen lassen, zahlen das aber aus der eigenen Tasche. Physio-Betreuung an Spielen? Fehlanzeige.» Die Leute wüssten nicht, wie es in den Vereinen aussehe, nennt die 21-Jährige ihren Antrieb zur Teilnahme am FFV. «Wir bekommen zwar immer mehr Anerkennung, weil wir fast gleich oft trainieren wie die Männer, müssen uns aber mit den schlechtesten Trainingszeiten begnügen und zudem 100 Prozent arbeiten.»

Inklusion als Ziel

Die Ungerechtigkeiten zwischen «cis-Mann und cis-Frau», also Männern und Frauen, die sich mit ihrem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, zu beseitigen, ist nicht das primäre Ziel des FFV. «Mit dem Feministischen Fussballverband wollen wir alle FINTA (Frauen, Intergeschlechtliche Menschen, Nichtbinäre Menschen, Trans Menschen und Agender Menschen) erreichen. Beim SFV ist der Fussball binär aufgebaut, eine Inklusion diverser Geschlechter ist nicht angedacht», sagt Meret Böhni.

«Gemäss dem Wissensstand des SFV gibt es seitens Fifa-Vorgaben nur Mann/Frau. Uns ist nichts bekannt, weder vom europäischen noch vom Weltfussballverband, bezüglich non-binär», sagt Adrian Arnold, Leiter Unternehmenskommunikation beim SFV, auf Anfrage von 20 Minuten. Er hält fest: «Wir erörtern zurzeit, wie diese Fragen im Rahmen unserer Strategieplanung 2021-2025 beantwortet werden können.»

Bereits jetzt gegen Rassismus und Homophobie vorgehen will der FFV, auch die bestehende Leistungskultur aufbrechen, den Spass am Sport zurückbringen, politisieren. Der Name ist dabei «bewusst frech» gewählt und soll vor allem als eine Kritik an den SFV und die bestehende Fussballkultur verstanden werden. «Wir haben uns beim Namen einiges überlegt. Die Idee war, dass es was Grosses werden kann, aber momentan ist es noch ganz klar ein Meta-Konstrukt», so Meret Böhni. Denn eine Liga, Teams, eine Meisterschaft – all das gibt es beim FFV noch nicht. «Von meiner Arbeit bei den FCZ-Frauen weiss ich, wie viel Ressourcen es für einen Spielbetrieb braucht», sagt Laura Kaufmann, die ebenfalls beim FFV mitmacht.

«Uns dürfen alle unterstützen»

Bis Ende Jahr will das Kollektiv dennoch ein Turnier und die eine oder andere Aktion durchführen – sofern es die aktuellen Corona-Bestimmungen und die epidemiologische Lage erlauben. Und wachsen wollen sie sicherlich nächstes Jahr, wenn man sich von der Frauen-EM einen Schub verspreche und der FFV «kein Hobbyprojekt» bleiben solle, so Laura Kaufmann. Auch mit männlichen Mitgliedern? «Diese Frage steht für uns nicht im Zentrum, da es uns darum geht, diskriminierte Menschengruppen zu stärken und mit ihnen einen Safe Space zu schaffen – nicht darum, Personen auszuschliessen. Bei unserem Projekt dürfen uns alle unterstützen, die sich unserem Anliegen anschliessen», so die diplomatische Antwort des FFV.

LGBTQI+: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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