Zürich, Mittwoch 4.10.: Frauenfreunde
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Zürich, Mittwoch 4.10.Frauenfreunde

Eltern müssen ihre pubertierenden Kinder nicht verstehen – dafür gibt es Rockbands, Billy Talent zum Beispiel.

Eine heroinsüchtige Hure muss im Regen anschaffen gehen, und der beste Freund hat gerade Multiple Sklerose diagnostiziert bekommen. Für eine solche Situation liefern Billy Talent genau den richtigen Soundtrack, denn die vier Kanadier haben immer ein Grund zum Jammern.

Wenn es um die Themen in seinen Songtexten geht, greift das Quartett fast ausschliesslich zur Zapfsäule der Alltagstraurigkeiten eines jungen Menschen. Und entsprechend krachend, wütend und zügig prescht der Sound denn auch aus den vier Jungs heraus.

Mit Emo-Punk-Pop, in zehn Buchstaben ausgedrückt, müsste man Billy Talents Sound beschreiben. «Emo», weil die Welt von Billy Talent nur aus Jungs besteht, die mit ihren Mädchen Schluss machen. Und Ex-Freundinnen, die sich spätnachts mit einer Rasierklinge Muster in die Oberschenkel ritzen. «Punk», weil heutzutage alles diesen Stempel aufgedrückt bekommt, sobald es irgendwie laut und verzerrt klingt und der Gitarrist am Unterarm tätowiert ist. Und schliesslich «Pop», weil Billy Talent fast schon obszön erfolgreich sind. Ihr im Juni veröffentlichter LP-Zweitling «Billy Talent II» thronte in Kanada und Deutschland auf Platz 1 der Charts. Von den Hunderttausenden von Plays auf ihrer Myspace-Site ganz zu schweigen.

Die bisherige Tour gerät zu einem einzigen Triumphzug der geballten Fäuste. Es ist der bisherige Höhepunkt einer Karriere, die mittlerweile selbst im Teenageralter ist. Nach 13 Jahren und anfänglichen Prog-Rock-Experimenten klingen Billy Talent heute wie eine zugeschlagene Tür, wenn sich Pubertierende mit ihren Eltern streiten. Und auch wenn Billy Talent noch meilenweit davon entfernt sind, befindet sich das Quartett aus Mississauga damit auf den heiseren Spuren von Nirvana und den Sex Pistols.

Nur gilt es heutzutage keine Regierungen mehr zu stürzen. Oder mit stinkigen Flanellhemden gegen den Strom zu schwimmen. Manchmal genügt es, einfach nur der Ex-Freundin nachzuweinen und damit gegen den Rest der Welt zu sein. Auch wenn das die Eltern nicht verstehen.

INTERVIEW:

Vor zwei Jahren wurdet ihr als «Next Big Thing» gefeiert, jetzt seid ihr es. Wie fühlt sich das an?

Ben Kowalewicz: In Kanada spielen wir ja schon länger in den grossen Hallen. Doch auch Europa kommt langsam auf den Geschmack. (Lacht) Aber wir waren schon immer eine hungrige Band. Und wir sind nie ganz zufrieden.

Auch nicht, als ihr erfuhrt, dass ihr in Deutschland auf der Nummer eins der Charts wart? Doch ziemlich ungewöhnlich für eine kanadische Punkband.

Kowalewicz: Das war schon verdammt verrückt. Wir haben in Deutschland sehr viel getourt, das ist jetzt quasi unser Lohn. Aber ich konnte es kaum glauben. Als Nächstes nehmen wir die Schweizer Charts in Angriff.

Also freust du dich auf die nächste Tour?

Kowalewicz: Klar, ich liebe das Touren. Und in Europa ist es immer grossartig. Ich kann mich erinnern, wie die Leute in Interlaken im strömenden Regen zu unserer Musik getanzt haben. Absolut verrückt.

Habt ihr wegen den vielen Touren fast drei Jahre für euer Album gebraucht?

Kowalewicz: Ja, ich kann in einem verdammten Tourbus keine verdammten Songs schreiben. Und um Songs zu schreiben, musst du etwas erleben. Und nirgends kannst du so viel erleben wie auf Tour.

(Interview: Niklaus Riegg)

Billy Talent spielen am Dienstag (3.10.) ab 20 Uhr im Fri-Son Freiburg, am Mittwoch (4.10.) ab 19 Uhr im Zürcher Volkshaus. Vor dem Zürcher Gig können Fans Billy Talent treffen! 20 Minuten verlost 3x2 Meet’n’Greet: www.win.20min.ch

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