Aktualisiert 01.07.2018 07:27

Zu wenig Plätze

Frauenhäuser müssen Gewaltopfer abweisen

Über tausend Hilfe suchende Frauen und Kinder standen 2017 vor verschlossenen Türen. Die Einrichtungen seien chronisch unterfinanziert, sagen die Verantwortlichen.

von
scl
1 / 3
Über 17'000 Fälle von häuslicher Gewalt registrierte die Polizei 2017: Für die Opfer ist ein Frauenhaus oft die letzte Anlaufstelle. Diese Institutionen allerdings sind überbelegt. (Symbolbild)

Über 17'000 Fälle von häuslicher Gewalt registrierte die Polizei 2017: Für die Opfer ist ein Frauenhaus oft die letzte Anlaufstelle. Diese Institutionen allerdings sind überbelegt. (Symbolbild)

Keystone/Luis Berg
Schätzungsweise jede zehnte Frau wird im Laufe ihres Erwachsenenlebens in einer Paarbeziehung Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt: Menschen demonstrieren gegen Gewalt an Frauen im November 2017 in Lausanne.

Schätzungsweise jede zehnte Frau wird im Laufe ihres Erwachsenenlebens in einer Paarbeziehung Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt: Menschen demonstrieren gegen Gewalt an Frauen im November 2017 in Lausanne.

Keystone/Laurent Gillieron
Seit dem 1. April beteiligt sich die Schweiz an einem verbindlichen Übereinkommen des Europarates. Dieses verpflichtet Bund und Kantone, genügend Schutzplätze für Opfer von häuslicher Gewalt anzubieten.

Seit dem 1. April beteiligt sich die Schweiz an einem verbindlichen Übereinkommen des Europarates. Dieses verpflichtet Bund und Kantone, genügend Schutzplätze für Opfer von häuslicher Gewalt anzubieten.

Keystone/Laurent Gillieron

Jedes vierte Gewaltopfer mussten Schweizer Frauenhäuser wegen Platz- und Geldmangels 2017 abweisen. Dies zeigen unveröffentlichte Zahlen der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser (DAO), die dem «SonntagsBlick» vorliegen. 612 Hilfe suchende Frauen und ebenso viele Kinder fanden demnach bei der von ihnen angefragten Institution keinen Platz.

Ein Teil der Frauen konnte an ausserkantonale Frauenhäuser weitervermittelt werden – viele aber mussten in einer Pension unterkommen oder in privatem Rahmen eine Lösung finden. Für die Präsidentin der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser ein unhaltbarer Zustand. «Die Frauenhäuser sind chronisch unterfinanziert», sagt sie. Viele seien noch immer auf Spendengelder angewiesen. Es brauche dringend mehr Plätze und mehr Personal.

Vorgaben des Europarates einhalten

Auch beim Bund sieht man Handlungsbedarf. Sabine Baumgartner vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann räumte ein, dass tendenziell zu knappe Ressourcen zur Verfügung stünden. Die Leistungen der Kantone für den Betrieb der Frauenhäuser müssten gesichert und harmonisiert werden. Diese wiederum wiegeln ab. Laut Martin Klöti (FDP/SG), Präsident der Sozialhilfedirektorenkonferenz, stehen «grundsätzlich» genügend Schutzplätze zur Verfügung. Zu knappe Ressourcen ortet er bei ergänzenden Hilfsangeboten.

Seit dem 1. April beteiligt sich die Schweiz an einem verbindlichen Übereinkommen des Europarates, der sogenannten Istanbul-Konvention. Diese verpflichtet Bund und Kantone, genügend Schutzplätze für Opfer von häuslicher Gewalt anzubieten. Um die Vorgaben der Konvention einhalten zu können, will der Bund laut «SonntagsBlick» zusammen mit den Kantonen bis im Herbst ein Konzept erarbeiten. Bislang hinkt die Schweiz den Vorgaben massiv hinterher.

Fehler gefunden?Jetzt melden.