Premiere – Tour de Suisse Women startet am 5. Juni in Frauenfeld mit 17 Teams
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Premiere der Tour de Suisse Women«Frauensport ist keine Jahrmarkts-Attraktion»

Die erste Tour de Suisse Women startet am 5. Juni in Frauenfeld. 17 Teams gehen an den Start. Es ist ein Event voller Herzblut und mit einer ganz wichtigen Message.

von
Sophie Klein
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So könnte es am Samstag in Frauenfeld aussehen. 17 Teams, darunter auch Top-Athletinnen wie die Schweizer Olympia-Siegerin Élise Chabbey und die mehrfache Mountainbike-Europameisterin Jolanda Neff, sind am Start. 

So könnte es am Samstag in Frauenfeld aussehen. 17 Teams, darunter auch Top-Athletinnen wie die Schweizer Olympia-Siegerin Élise Chabbey und die mehrfache Mountainbike-Europameisterin Jolanda Neff, sind am Start.

freshfocus
Tour-de-Suisse-Direktor Olivier Senn gab 20 Minuten ein Interview. Wir haben mit ihm über die Entstehung des Projektes, die Herausforderungen aber auch über die kleinen Besonderheiten des Events gesprochen. 

Tour-de-Suisse-Direktor Olivier Senn gab 20 Minuten ein Interview. Wir haben mit ihm über die Entstehung des Projektes, die Herausforderungen aber auch über die kleinen Besonderheiten des Events gesprochen.

Urs Lindt/freshfocus
Auch Marisa Reich aus dem Vorstand von Swiss Cycling sprach mit 20 Minuten über das tolle Rennen und die weiteren Ziele.

Auch Marisa Reich aus dem Vorstand von Swiss Cycling sprach mit 20 Minuten über das tolle Rennen und die weiteren Ziele.

Screenshot: about.me/marisareich

Darum gehts:

  • Die erste Tour de Suisse Women startet am 5. Juni in Frauenfeld.

  • Die Herausforderungen der Tour: ein breites Starterfeld und die Finanzierung.

  • Frauensport ist keine Jahrmarkts-Attraktion.

  • Das langfristige Ziel: eine Tour de Suisse mit einem Frauen- und einem Männerrennen auf gleichem Niveau.

Der Countdown läuft. Alles ist für die Premiere vorbereitet, denn in nur wenigen Tagen starten erstmals Radfahrerinnen zu ihrer ganz persönlichen Tour de Suisse Women in Frauenfeld. Die besten Fahrerinnen aus aller Welt fahren hier im Thurgau um den Titel. Insgesamt 17 Teams sind in Frauenfeld am Start. Darunter vier Top-Teams aus der höchsten Leistungsstufe und vor allem auch alle Schweizer Fahrerinnen werden um den Titel kämpfen.

«Die Frage war: Wieso erst jetzt?»

Doch beginnen wir von vorne. Olivier Senn, der Direktor der Tour de Suisse, war bei 20 Minuten im Interview und verrät, dass das Projekt einer Tour de Suisse für Frauen schon seit über einem Jahr in den Köpfen der Verantwortlichen verankert war. Bereits im Sommer 2020 hatte das Team um Senn von Cycling Unlimited eine konkrete Vorstellung und Planung des Events. Doch Corona machte ihnen vorerst einen Strich durch die Rechnung. Auf Nachfrage, ob es denn auch Kritiker gegenüber des Events gegeben hätte, verneint der Veranstalter und betont: «Sobald das Thema der Tour de Suisse Women auf dem Tisch war, haben alle Verantwortlichen gesagt: Ja, klar. Wieso erst jetzt?»

Ja, wieso denn erst jetzt? Woran liegt es, dass der Frauen-Radsport bislang nicht so präsent gewesen ist?

Dies hat wohl mehrere Gründe und beginnt bereits mit der Professionalisierung der Teams. Angefangen bei Trainingsbedingungen, Organisation und Kommunikation bis hin zu fehlenden Startmöglichkeiten. Denn Profisport wird bei den Frauen anders ausgeführt als bei den Männern – nicht zuletzt, weil bei den Frauen schlichtweg die mediale Aufmerksamkeit und somit auch die finanziellen Mittel fehlen. So berichtet Marisa Reich vom Vorstand Swiss Cycling: «Frauen betreiben Profisport einfach anders als Männer, weil sie oftmals hauptberuflich Arbeitnehmerinnen sind und nur nebenberuflich Profisportlerinnen. Aus diesem Grund können sie eben nur spätabends oder ganz frühmorgens vor der Arbeit trainieren oder am Wochenende. Deshalb müssen wir den Athletinnen mit solchen Events überhaupt erstmal eine Plattform bieten – um sie in ihrem Sport fördern zu können.»

Und diese Plattform möchte Cycling Unlimited in Zusammenarbeit mit Swiss Cycling nun den Frauen eröffnen.

Die Finanzierung war die grösste Herausforderung

Wie bereits angetönt, spielt vor allem das Geld eine grosse Rolle. Olivier Senn sagt: «Das grosse Thema, mit dem wir uns als Veranstalter auseinandersetzen mussten, war das Thema Finanzierung. Gerade auch in Zeiten von Corona. Wir mussten letztes Jahr die Tour de Suisse der Männer absagen. Wir wussten nicht, ob es in diesem Jahr eine geben wird.»

Doch Cyling Unlimited hatte Glück, denn der Schweizer Radsportverband und der Bund standen hinter dem Projekt. Und so kam es, dass die Gelder, welche eigentlich für die Männer-WM 2020 von Aigle-Martigny geplant waren, welche nicht stattgefunden hatte, in die Tour de Suisse Women einflossen. Olivier Senn weiss dies zu schätzen.

Als die Finanzierung dann sicher war, ging es an die Finalisierung der Planung und an die Umsetzung der Tour, die über zwei Etappen den Einstieg in die grosse Radsportwelt feiert.

«Genau das Richtige für ein spannendes Rennen»

Die zwei Etappen sollen erst der Anfang für etwas ganz Grosses sein. Doch für das erste Mal ist es wichtig, die passenden Etappenrouten zu wählen. Denn die Radfans wollen ein spannendes Rennen sehen. Da die Tour de Suisse Women sich erst einmal beweisen muss, startet der Event in der dritten Stufe. Das heisst, dass die Tour sich erst nach oben an die Spitze fahren muss. Dies ist abhängig von der Qualität des Fahrerfeldes, der Startgebühren, der Preisgelder und vielen weiteren Faktoren. Doch begonnen wird bei einem neuen Rennen immer in der dritten Stufe.

Das bedeutet, dass neben den vier Top-Teams auch viele regionale und vor allem auch Nachwuchsteams am Start sein werden. Aufgrund dessen «ist das Gefälle bei den Frauen im Allgemeinen sehr gross. Es gibt eine super starke, körperlich fitte Spitze, aber die ist relativ klein und dahinter fällt das restliche Feld relativ schnell ab. Eben einfach, weil die meisten keine Vollprofis sind. Und deshalb macht es für uns keinen Sinn, super schwere Etappen zu planen.»

Die erste Etappe, die am Samstag gefahren wird, sieht daher folgendermassen aus:

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Die eingezeichnete Strecke wird am Samstag von den weltbesten Radsportlerinnen der Welt zurückgelegt.  

Die eingezeichnete Strecke wird am Samstag von den weltbesten Radsportlerinnen der Welt zurückgelegt.

Screenshot www.women.tourdesuisse.ch
Die zurückzulegende Strecke  ist 114 Kilometer lang und sorgt bei der Tour für 1350 Höhenmeter.  

Die zurückzulegende Strecke ist 114 Kilometer lang und sorgt bei der Tour für 1350 Höhenmeter.

Screenshot: www.women.tourdesuisse.ch

Die Frauen starten in Frauenfeld und erreichen ihr erstes kleines Zwischenziel nach bereits fünf Kilometern: die Kartause Ittingen. Es folgt eine schöne Strecke 15 Kilometer entlang der Thur, bis die Frauen dann nach 25 Kilometern die Seelandschaft im Seebachtal erreichen. In weiteren 35 Kilometern wartet dann das Kloster Kalchrain auf die Tour. Im Anschluss legen die Fahrerinnen nach 45 Kilometern noch eine Durchfahrt im historischen Städtchen Pfynn ein, bis sie dann nach insgesamt 114 Streckenkilometern und 1350 Höhenmetern wieder in Frauenfeld die Ziellinie überqueren.

Tour de Suisse Direktor Olivier Senn ist sich sicher: «Die Runde, die wir am Samstag fahren werden, ist genau das Richtige für ein spannendes Rennen.»

Der Sonntag hingegen steht ganz im Zeichen der Geschwindigkeit. Die zweite Etappe ist eine etwas kürzere Runde mit weniger Höhenmetern, die die Frauen zum Abschluss des Premieren-Wochenendes auf Hochtouren bringen soll. Zehn Runden muss das startende Feld absolvieren. Dabei geht die knapp 100 Kilometer lange Strecke von Frauenfeld über das Pferdezentrum, den Murg Auen Park und das Eisenwerk wieder zurück nach Frauenfeld. «Durch die flache Strecke und den Sprint haben wir dann so ziemlich alles, was wir in den zwei Tagen unterbringen können», erzählt Senn stolz.

Die Speed-Strecke beträgt 98 Kilometer und 450 Höhenmeter. Zehn Runden lang müssen die Frauen hier Vollgas geben.

Die Speed-Strecke beträgt 98 Kilometer und 450 Höhenmeter. Zehn Runden lang müssen die Frauen hier Vollgas geben.

Screenshot: www.women.tourdesuisse.ch

«Frauensport ist keine Jahrmarkts-Attraktion»

Die Tour de Suisse ist somit ein guter Anfang und sicherlich eine passende Plattform für Radsportlerinnen aus aller Welt und jeglicher Leistungskategorie. Denn der Name Tour de Suisse ist quasi eine Eigenmarke. Und dieser wollen sich nun auch die Frauen anschliessen. Denn: Die Frauen sollten nicht weiter im Schatten der Männersportwelt stehen. Das ist auch allen Beteiligten längst klar. Gerade deshalb hat sich Swiss Cycling gemeinsam mit Cycling Unlimited für eine Kombi aus der klassischen Tour de Suisse mit den Rennen der Tour de Suisse Women an den Vortagen entschieden. Die Frauen sollen die Aufmerksamkeit, die ihren männlichen Radsport-Kollegen entgegengebracht wird, ebenfalls spüren. Sie sollen quasi davon mitprofitieren und die Chance haben, sich für Sponsoren zu präsentieren. Denn eins stellt Marisa Reich ganz deutlich klar: «Frauensport ist keine Jahrmarkts-Attraktion, die einfach so nebenbei auch mal stattfindet. Es muss klar sein, dass es einfach zum regulären Programm gehört. Und so soll es auch am Ende bei der Tour de Suisse sein. Ein Event, bei dem es dann ein Frauenrennen und ein Männerrennen gibt – es muss einfach äquivalent sein.»

Olivier Senn stimmt der Aussage von Marisa Reich zu. Er selbst sieht die Tour de Suisse in Zukunft ebenfalls mit einem gleichberechtigten Starterfeld für Männer und Frauen. Er sieht es als Veranstalter der grossen Männerevents auch als «Verantwortung, seinen Teil dazu beizutragen eine Aufwärtsspirale im Frauen-Radsport zu erschaffen.» Denn beide, Marisa Reich und Olivier Senn, wollen mit der Tour de Suisse ein Zeichen setzen. Sie wollen es schaffen, den Frauen und Mädchen eine attraktive Sportart zu zeigen. Sie möchten mit der Tour de Suisse Women Signale an die Medien, aber vor allem auch an die Athletinnen senden. Ihnen einen Push geben. Ihnen die Möglichkeit geben, sich zu präsentieren, neue Sponsoren zu generieren und ihren Profisport erfolgreich zu leben.

Diese Schweizer Top-Athletinnen gehen an den Start

– Jolanda Neff, mehrfache Mountainbike-Europameisterin
– Élise Chabbey, amtierende Schweizer Strassenmeisterin
– Marlen Reusser, Radsportlerin des Jahres 2020 und 2-fache Schweizer Meisterin im Einzelzeitfahren
– Sina Frei, zweifache U-23-Gesamtweltcupsiegerin
– Linda Indergand, war bereits in ihrer Jugend zweifache Schweizer Strassenmeisterin
– Alessandra Keller, U-23 Weltmeisterin und Schweizermeisterin auf dem Mountainbike
– Aline Seitz, Weltcup Siegerin 2018 im Bahnradsport und Schweizer Meisterin im Ausscheidungsfahren, Punktefahren und Scratch

«Als kleiner Bub stand ich am Strassenrand»

Und sie möchten auch den Kids an der Strasse, die das Rennen verfolgen, zeigen, dass Jungs und Mädchen die gleichen Chancen haben, im Radsport etwas zu erreichen. Jeder soll die Möglichkeit haben und den Traum, einmal als Rennprofi die Strassen der Welt zu befahren. Denn Olivier Senn plaudert aus dem Nähkästchen: «Alle männlichen Radfahrer haben irgendwo als kleiner Bub mal an der Strasse gestanden und die Tour de Suisse gesehen – ich inklusive. Das war mein Auslöser. Und irgendwann fängst du an zu träumen.» Diesen Traum hat Olivier Senn auch nicht mehr aus den Augen verloren. Als Veranstalter ist er mit Cycling Unlimited immer an vorderster Front. Er ist als Veranstalter unglaublich innovativ und möchte den Mädchen an den Strassenrändern jetzt genau das gleiche Gefühl vermitteln, was die Jungs schon lange erleben. Die Mädchen sollen auch da stehen, und wenn sie das Ziel haben, erfolgreich im Radsport zu sein, dann können sie das jetzt auch.

Dafür gehen Swiss Cycling und Veranstalter Cycling Unlimited auch aus ihren Komfortzonen heraus. Denn wie Vorstandsmitglied Marisa Reich so schön sagte: «Nur wenn wir aus der Komfortzone herausgehen, kann Magisches entstehen.» Und die Magie dieses Events wird am kommenden Wochenende hoffentlich viele Radfans berühren. Denn was die Tour de Suisse Women angeht, werden die zwei Etappen wohl erst der Anfang von etwas ganz Grossem.

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