Frauenstreik für mehr Lohn – Professor hält dagegen

Publiziert

14. Juni 2023Frauenstreik für mehr Lohn – Professor hält dagegen

Der Gewerkschaftsbund fordert höhere Löhne für Frauen, eine 13. AHV-Rente und mehr Bundesbeiträge für Kinderbetreuung. Ein Professor der Uni Freiburg hält nichts davon.

von
Marcel Urech
1 / 7
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat Frauen dazu aufgefordert, am 14. Juni 2023 in einen «feministischen Streik» zu treten.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat Frauen dazu aufgefordert, am 14. Juni 2023 in einen «feministischen Streik» zu treten.

Tamedia/Jürg Spori
Die Frauen sollen auf die Strasse gehen und für höhere Löhne, eine 13. AHV-Rente, familienkompatible Arbeitszeiten und mehr Bundesbeiträge für die Kinderbetreuung kämpfen. Der Tag soll zudem auf sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz aufmerksam machen.

Die Frauen sollen auf die Strasse gehen und für höhere Löhne, eine 13. AHV-Rente, familienkompatible Arbeitszeiten und mehr Bundesbeiträge für die Kinderbetreuung kämpfen. Der Tag soll zudem auf sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz aufmerksam machen.

SP Schweiz/Aleksandra Zdravkovic
In der Schweiz sei es extrem teuer, Kinderbetreuung und Job unter einen Hut zu kriegen, sagt SP-Nationalrätin Samira Marti. Die externe Kinderbetreuung für zwei Kinder verursache monatlich Kosten von 5000 Franken, kontert Reiner Eichenberger, Finanz- und Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg.

In der Schweiz sei es extrem teuer, Kinderbetreuung und Job unter einen Hut zu kriegen, sagt SP-Nationalrätin Samira Marti. Die externe Kinderbetreuung für zwei Kinder verursache monatlich Kosten von 5000 Franken, kontert Reiner Eichenberger, Finanz- und Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Der Schweizerische Gewerkschaftsbund will eine 13. AHV-Rente und höhere Löhne für Frauen.

  • Das sei dringend nötig, sagt SP-Nationalrätin Samira Marti

  • Reiner Eichenberger, Finanz- und Wirtschaftsprofessor an der Uni Freiburg, sieht das anders.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) ruft zum Frauenstreik am 14. Juni auf, weil sich die Situation der Frauen bei Lohn und Rente trotz der historischen Mobilisierung vor drei Jahren kaum verbessert habe.

Der SGB stellt fünf Forderungen, um das zu ändern. Reiner Eichenberger, Finanz- und Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, und SP-Nationalrätin Samira Marti, nehmen dazu Stellung.

Forderung 1 – höhere Löhne für Frauen

Das sagt Marti:
«Typische Frauenberufe werden heute oft unterbezahlt. Frauen haben deswegen weniger Kaufkraft und sind öfters betroffen von Armut, vor allem im Alter. Es braucht dringend mehr gesellschaftliche Anerkennung und Respekt für die Arbeit von Frauen, ihre Löhne müssen endlich ansteigen.»  

Das sagt Eichenberger:
«Es gibt kaum Lohndiskriminierung. Denn Frauen haben andere Ausbildungen als Männer und arbeiten mehr Teilzeit und seltener in Führungspositionen sowie in Branchen und Firmen mit hohem Lohnniveau. Zwänge man die Arbeitgebenden, den Frauen höhere Löhne zu zahlen, wäre das wirklich eine Diskriminierung: Dann würden die Arbeitgeber lieber Männer einstellen, die so bei vergleichbarer Leistung billiger als Frauen wären.»

Forderung 2 – eine 13. AHV-Rente

Das sagt Marti:
«In unserer Verfassung steht, dass die AHV die Existenz im Alter sichern soll. Doch diesen Auftrag erfüllt sie nicht mehr. Die Durchschnittsrente liegt heute bei rund 1800 Franken – das reicht nicht, um in der Schweiz in Würde zu altern. Darum braucht es entweder eine Erhöhung der monatlichen AHV-Renten oder direkt eine 13. AHV-Rente. So können wir sicherstellen, dass Menschen im Alter nicht in die Armut abrutschen.» 

Das sagt Eichenberger:
«Die Schweizer Altersvorsorge beruht auf drei Säulen: Die AHV, die berufliche Vorsorge, und das private Sparen in der 3. Säule oder ganz privat. Klar also, dass die AHV alleine nicht reicht. Eine 13. Rente bedeutet eine AHV-Erhöhung von acht Prozent. Vielen Alten geht’s aber finanziell besser als den Jungen. Eine generelle Rentenerhöhung ist deshalb unangebracht, und nicht finanzierbar.» 

Forderung 3 – planbare und familienkompatible Arbeitszeiten

Das sagt Marti:
«Wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, ist die Schweiz ein Entwicklungsland. Kinder zu haben, ist hier leider immer noch ein Luxus. Auch in der Arbeitswelt müssen die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit verbessert werden.»

Das sagt Eichenberger:
«Die Schweiz hat im europäischen Vergleich keine tiefen Geburtenzahlen. Das Entwicklungsland-Argument ist also falsch. Zudem sind Kinder viel zu kostbar, als dass sie für die Eltern gratis sein sollten.» 

Forderung 4 – höhere Bundesbeiträge für Kinderbetreuung

Das sagt Marti:
«Heute ist es in der Schweiz extrem teuer, Kinderbetreuung und Job unter einen Hut zu kriegen. Drittbetreuungsangebote sind nach wie vor zu teuer. Die SP hat deswegen die Initiative ‹Kinderbetreuung für alle› lanciert. Damit sollen Kitas und Co. für alle zugänglich, gebührenfrei und mit guten Arbeitsbedingungen für die Angestellten ausgestattet sein, als Teil der Volksschule.»

Das sagt Eichenberger:
«Externe Kinderbetreuung für zwei Kinder verursacht monatlich Kosten von 5000 Franken. Das zeigt, was Eltern leisten, die ihre Kinder selbst betreuen. Daran stören sich viele Politiker. Denn Hausfrauen und -männer zahlen keine Einkommenssteuern. Wenn sie aber arbeiten und jemand anders ihre Kinder betreut, zahlen gleich beide Steuern.»

Forderung 5 – Unterbindung sexueller Belästigung in der Arbeitswelt

Das sagt Marti:
«Es ist eine traurige Realität, dass Frauen geschlechtsspezifische Gewalt erleben – und das nicht nur im Beruf. In der Schweiz findet alle zwei Wochen ein Femizid statt. Nächste Woche debattiert der Nationalrat über die Zustimmungslösung «Nur Ja heisst Ja» – diese Revision des Sexualstrafrechts ist dringend nötig.» 

«Nur Ja heisst Ja» – Debatte im Nationalrat

Die Linke will die sogenannte Zustimmungslösung im neuen Sexualstrafrecht verankern: Sie fordert, dass sexuelle Penetrationen ohne Zustimmung als Vergewaltigung gelten. Der Ständerat will stattdessen die «Nein heisst Nein»-Lösung. Nächste Woche debattiert der Nationalrat über das Thema.

Das sagt Eichenberger:
«Das ist die einzige vernünftige Forderung. Wir dürfen als Gesellschaft keine sexuelle Belästigung tolerieren – weder im Privatleben noch am Arbeitsplatz. Die Kunst ist allerdings, die Opfer wirkungsvoll zu schützen, ohne eine Hexenjagd zu veranstalten. Wichtig dafür ist ein sehr gut funktionierender Arbeitsmarkt, so dass Opfer leicht ausweichen können, und die Arbeitgeber Anreize haben, für Ordnung in ihren Firmen zu sorgen.»

Nimmst du am 14. Juni 2023 am nationalen Frauenstreik teil?

Keine News mehr verpassen

Mit dem täglichen Update bleibst du über deine Lieblingsthemen informiert und verpasst keine News über das aktuelle Weltgeschehen mehr.
Erhalte das Wichtigste kurz und knapp täglich direkt in dein Postfach.

Deine Meinung