«Grosse Chance»: Freikirchen missionieren in Asylzentren

Aktualisiert

«Grosse Chance»Freikirchen missionieren in Asylzentren

In manchen Flüchtlingsunterkünften gehen Freikirchler ein und aus. Die Betreiber der Zentren wollen Missionieren unterbinden.

von
J. Büchi
Kontakte mit der Schweizer Bevölkerung sind selten: Bild: Asylsuchende vor einer Unterkunft im Kanton St. Gallen.

Kontakte mit der Schweizer Bevölkerung sind selten: Bild: Asylsuchende vor einer Unterkunft im Kanton St. Gallen.

Die Tage in der Asylunterkunft sind lang und oft eintönig. Die meisten Bewohner arbeiten nicht, nur selten kommt es zu Kontakten mit der Schweizer Bevölkerung. «In diesem Umfeld gelingt es Freikirchen und anderen Gruppen besonders leicht, neue Mitglieder anzuwerben», sagt Regina Spiess, Projektleiterin bei der Beratungsstelle Infosekta. Verschiedene Gruppierungen versuchten, im Umfeld von Schweizer Asylunterkünften zu missionieren. So organisierten Freikirchen Spielnachmittage für Kinder oder böten Deutschkurse an.

Auch Sektenexperte Hugo Stamm schreibt im «Tages-Anzeiger», streng gläubige Christen sähen in der aktuellen Situation ihre «grosse Chance». Besonders aktiv sind ihm zufolge die Zeugen Jehovas, welche sogar ein Merkblatt zur Missionierung von Flüchtlingen herausgegeben haben. Darin heisse es unter anderem: «Am besten kommt man an dem Aufsichtspersonal vorbei, wenn man sagen kann, dass man von einem Bewohner direkt eingeladen worden sei.»

Asylorganisation hat reagiert

Regina Spiess beobachtet die Aktivitäten mit Sorge. Die Flüchtlinge befänden sich in einer Lebensphase, in der sie besonders verletzlich seien. «Natürlich ist es wünschenswert, dass solche Angebote bereitgestellt werden. Leider ist mit diesem Engagement aber immer ein Missionsgedanke verbunden.» Besonders problematisch sei es, wenn ein Kind «bekehrt» werde und seine Eltern nicht. «Das kann zu einer starken Entfremdung führen.» Kritisch ist für Spiess auch die rigide Sexualmoral vieler Freikirchen, welche meist auch mit der Diskriminierung von Homosexuellen einhergehe.

Die Asylorganisation AOZ, welche im Kanton Zürich zahlreiche Asylunterkünfte betreibt, kennt die Diskussion. Sprecher Thomas Schmutz sagt, betroffen seien vor allem kommunale Wohnsiedlungen, in denen keine Betreuungsteams tätig seien. Aktivitäten wie Spielnachmittage, die sich ausschliesslich auf die Freizeitgestaltung beschränken, erachte man als unproblematisch. Anders verhalte es sich bei Aktivitäten, die «als Einstieg für weitergehende religiöse Aktivitäten» genutzt werden, etwa Bibelgruppen für Kinder.

Vor wenigen Tagen hat die AOZ deshalb mehrere Freikirchen der Vereinigung «Love in Action» angeschrieben – dazu gehören beispielsweise ICF oder Chrischona. Die Verantwortlichen werden aufgefordert, schriftlich zu bestätigen, dass sie keinerlei missionarische Absichten haben. Ansonsten erhalten die Mitglieder keinen Zutritt mehr zu den Unterkünften.

«Keine versteckte Strategie»

Für ICF-Sprecher Nicolas Legler ist das ein Affront. «Ich finde es sehr bedenklich, wenn man in einem christlichen Land seine Überzeugungen an der Garderobe abgeben muss, damit man helfen darf.» Wenn ICF-Besucher sich in Asylzentren engagierten, machten sie das aus humanitärem Antrieb und Nächstenliebe. «Dahinter steckt keine versteckte Strategie. Es geht darum, Zeit mit den Flüchtlingen zu verbringen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind.» Ob ICF die Vereinbarung unterzeichnen wird, ist noch unklar.

Max Schläpfer, Präsident des Verbands der evangelischen Freikirchen der Schweiz, ergänzt: «Wir manipulieren niemanden. Die Leute sollen zuhören und dann selber entscheiden, ob sie unsere Botschaft gut finden.» Kein Mensch, der einen gefestigten anderen Glauben habe, werde diesen einfach so über Bord werfen. «Hingegen gibt es viele Migranten, die aus ähnlichen religiösen Hintergründen kommen und in unseren Gottesdiensten ein Stück Heimat finden.» Die Pfingstmission, der er selbst angehöre, existiere beispielsweise auch in Nigeria.

Laut Sektenexpertin Spiess ist es zwingend nötig, dass Ämter und Organisationen, die für Flüchtlinge zuständig sind, ein Bewusstsein für die Problematik haben und den Umgang mit dem Thema intern regeln. «Zudem ist es zentral, dass die Flüchtlinge für die Thematik sensibilisiert werden.» Sie sieht allerdings auch die Gesellschaft in der Pflicht: «Es ist wichtig, dass es auch ausserhalb der Freikirchen Freiwillige gibt, die Angebote für Flüchtlinge mittragen: sei es der Besuch eines Fussballspiels oder die Organisation eines Kinderspielnachmittags.»

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