Aktualisiert 23.02.2013 09:22

«Privilegierter Weisser»

Freilassung von Pistorius wühlt Südafrika auf

Nicht alle sind glücklich, dass der Paralympics-Star Oscar Pistorius auf Kaution freikommt. Die Polizei habe schlampig gearbeitet, sagt der Richter, andere sprechen von Rassenjustiz.

Die vorläufige Freilassung von Oscar Pistorius hat in Südafrika Empörung ausgelöst. Manche fürchten angesichts der Behördenschlamperei einen weltweiten Imageschaden. Andere sehen Rassenjustiz am Werk: Ein Schwarzer wäre nie so behandelt worden wie dieser berühmte Weisse.

Der Zorn in der Stimme des Richters war nicht zu überhören. Die Polizei habe «grobe Fehler» begangen, eine Pistolenkugel in der Toilettenschüssel übersehen und Beweismaterial nicht sichergestellt.

Richter Desmond Nair liess kaum einen Zweifel daran, dass er den mordverdächtigen Paralympics-Star Oscar Pistorius vor allem deshalb gegen Kaution freilasse, weil die Polizei schlampig gearbeitet habe. Daher habe auch die Staatsanwaltschaft nicht hinreichend belegen können, dass der 26-Jährige seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich ermordet habe. Also müsse der behinderte Profisportler aus der Haft entlassen werden.

Für den weltberühmten Angeklagten, der während der zweistündigen Erklärung des Richters immer wieder weinte und schluchzte, gab es am Freitag eine kaum noch erwartete Wende. Allerdings weiss der 26-Jährige, dass seine Haftentlassung in Südafrika auch die Gemüter erhitzen wird. Viele sind schon jetzt empört und bitter enttäuscht, wie Behörden und Polizei mit dem als «Blade Runner» bekannten Sportler umgehen.

«Ein privilegierter Weisser»

«Pistorius wurde mit Samthandschuhen angefasst, von den Behörden und den Medien, weil er ein privilegierter, reicher, weisser Südafrikaner ist», empörte sich der angesehene Kolumnist Rapule Tabane von der Wochenzeitung «Mail & Guardian». Manche würden dank «Rasse und Klasse» geschützt. «Viel zu oft haben wir in Südafrika gesehen, dass Geld und gute Anwälte die Waagschalen der Justiz beeinflussen.»

In der Tat können viele Südafrikaner nicht verstehen, wieso Pistorius von Anfang an Privilegien genoss. Er musste trotz Mordverdachts nicht ins Untersuchungsgefängnis, sondern wurde in einem Polizeirevier untergebracht, wo ihn ständig Freunde und Familie besuchen konnten.

Im Polizeifahrzeug zum Gericht sass der Angeklagte nicht wie üblich auf dem Rücksitz, sondern auf dem Beifahrersitz. Anderen blühe in solchen Fällen «der gewöhnliche Schrecken der südafrikanischen Gefängnisse», lästerte Tabane.

«Marke Südafrika verliert»

Einen Rassenhintergrund stellte auch der Kolumnist Niren Tolsi her: Die grosse Angst vor Gewalt sei bei weissen Südafrikanern ein äusserst beliebtes Dauerthema. Dabei zeigten doch Untersuchungen, dass in der Mehrheit Schwarze Opfer von Verbrechen sind - wenngleich meist von schwarzen Kriminellen verübt.

Und der Autor schlug den grossen Bogen von Kolonialismus und Apartheid zur Gegenwart: «Seit 1652 nutzen Weisse ihre Feuerwaffen, um ihren Besitz und ihre Frauen vor den schwarzen Eingeborenen zu schützen.»

In Südafrika wächst aber auch die Befürchtung, dass die noch junge Demokratie wegen des Falles weltweit an Ansehen verlieren könnte. «Die Marke Südafrika hat wegen der demonstrierten Inkompetenz der Polizei Schaden genommen», kommentierte die Zeitung «Business Day». Die Pistorius-Anhörung habe demonstriert, wie «chaotisch die Justiz» sei und welchen Einfluss das Engagement eines Staranwalts hat.

Nur Etappensieg

Der Sportler hat vor dem Gericht einen Etappensieg errungen, aber ihm stehen dennoch schwere Zeiten bevor. Eine Ikone wird er kaum bleiben können. Auch das Misstrauen seiner Landsleute wird ihn belasten.

Wenige glauben, dass jemand spät nachts auf den Balkon geht, dann ein Geräusch im Bad hört, zu seinem Bett zurückkehrt, dort die Pistole ergreift und dann im Bad auf die verschlossene Toilettentür schiesst - ohne ein einziges Mal zu schauen oder zu fragen, wo sich denn seine Freundin zu diesem Zeitpunkt befindet.

Alles schon sehr unwahrscheinlich, meinte auch der Richter skeptisch. Er betonte auch, dass seine Entscheidung in keiner Weise eine Vorentscheidung über Schuld oder Unschuld sei. Die Geschichte um die tödlichen Schüsse am Valentinstag im Hause des Sportlers scheint gerade erst begonnen zu haben. (sda)

Pistorius verbringt erste Nacht in Freiheit im Haus des Onkels

Der südafrikanische Paralympics-Star Oscar Pistorius hat seine erste Nacht in Freiheit im Haus seines Onkels in Pretoria verbracht. Der unter Mordverdacht stehende Sportler, der am Valentinstag seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hatte, war am Freitag gegen Kaution auf freien Fuss gekommen.

Pistorius darf zunächst nicht in sein Haus in Silverwood Estate zurückkehren, wo die 29-jährige Steenkamp durch die geschlossene Badezimmertür getötet worden war. Dies ist eine der Kautionsauflagen, die Richter Desmond Nair zur Bedingung für Pistorius' Freilassung gemacht hatte.

Der 26-Jährige habe am Freitag eine erste Kautionsrate in Höhe von 100'000 Rand (knapp 10'000 Franken) auf einer Polizeistation gezahlt und sei anschliessend entlassen worden, berichtete der Sender SABC am Samstag. Insgesamt hatte Nair eine Million Rand als Gesamtbetrag festgesetzt. Am 4. Juni muss der beinamputierte Leichtathlet erneut vor Gericht erscheinen.

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