Freispruch für Andreotti

Aktualisiert

Freispruch für Andreotti

Das oberste italienische Gericht hat den ehemaligen Premier Giulio Andreotti von einer Mordanklage freigesprochen.

Andreotti war im November 2002 zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

In einem Berufungsverfahren hatte ein Gericht in Perugia Andreotti im November 2002 als Drahtzieher des Mordes am Journalisten Mino Pecorelli verurteilt. Der heute 84-Jährige wurde damals für schuldig befunden, 1979 die Mafia mit der Ermordung Pecorellis beauftragt zu haben.

Das Verfahren gegen Andreotti dauerte rund zehn Jahre. Der Freispruch durch das Kassationsgericht am Donnerstag war erwartet worden, nachdem Generalstaatsanwalt Gianfranco Ciani am Vortag den Freispruch beantragt hatte. Es gebe keine Beweise und kein Tatmotiv, gab er als Grund an.

Andreotti hatte stets seine Unschuld beteuert. Er hatte gegen das Aufsehen erregende Urteil im Vorjahr Berufung eingelegt und die Haftstrafe nicht antreten müssen. In Italien gelten Angeklagte bis zum Spruch des Kassationsgerichts als unschuldig.

Andreotti: Kein Groll

«Ich wusste, dass das so enden würde», erklärte Andreotti nach dem Urteil. Ich habe keinen Groll». Er habe niemals das Vertrauen in die Institutionen verloren».

Der Ex-Politiker der 1993 aufgelösten Partei Democrazia Cristiana (DC) erhielt nach dem Freispruch Glückwünsche von hochrangigen Politikern Italiens. So feierte Europaminister Rocco Buttiglione das Urteil.

«Die Richter haben Andreotti von einem unglaublichen Vorwurf freigesprochen, mit dem man nicht nur einen der prominentesten europäischen Politikern, sondern seine Partei und ihre politische Tradition verleumden wollte», sagte Buttiglione.

Skandalträchtige Partei

Die christdemokratische Partei hatte seit Gründung der italienischen Republik bis 1993 das Land als stärkste Einzelpartei ununterbrochen regiert.

Sie war nach unzähligen Korruptionsskandalen aufgelöst worden, in die einige ihrer bekanntesten Spitzenpolitikern involviert waren. Auch Andreotti geriet damals ins Visier der Justiz.

Freispruch für Mafiaboss

Mit Andreotti wurde auch der Mafia-Boss Gaetano Badalamenti freigesprochen. Dieser war im November 2002 ebenfalls zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch für Badalamenti hatte der Generalstaatsanwalt einen Freispruch gefordert.

Mord an Aldo Moro

Wer der eigentliche Mörder Pecorellis war, wird sich vermutlich nie feststellen lassen. Der Chefredaktor der Zeitschrift «Osservatore Politico» war am 20. März 1979 in Rom erschossen worden.

Er habe im Zusammenhang mit der Ermordung und der Entführung des Christdemokraten Aldo Moro durch die Roten Brigaden Beweise gegen Andreotti gesammelt, betonten die Ermittler.

Die Staatsanwaltschaft von Perugia hatte sich auf Äusserungen von Mafiosi gestützt, die mit der Justiz zusammenarbeiten. Moro galt als innerparteilicher Gegenspieler Andreottis.

Graue Eminenz Italiens

Giulio Andreotti stand über Jahrzehnte im Zentrum der italienischen Politik. Seit 1948 bekleidete er ununterbrochen hohe politische Funktionen, sei es als Parlamentsabgeordneter, 21-facher Minister, siebenfacher Regierungschef und seit 1991 als Senator auf Lebenszeit. Er galt als einflussreichster Politiker der Christdemokraten.

(sda)

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