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Einwanderungs-ProzessFreispruch für Ex-Chef der «Cap Anamur»

Der wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung nach Italien angeklagte Ex-Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, ist freigesprochen worden.

Fünf Jahre nach der umstrittenen Rettung von 37 afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer ist der ehemalige Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel vom Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung freigesprochen worden. Auch der deutsche Kapitän Stefan Schmidt sowie der Erste Offizier Vladimir Daschkewitsch wurden vom Gericht im italienischen Agrigent für nicht schuldig erklärt, wie Bierdels Anwalt Vittorio Porzio am Mittwoch erklärte. Die drei Männer seien mehr als zufrieden, sagte er.

Die italienische Staatsanwaltschaft hatte für die Mitarbeiter der Hilfsorganisation Haft und hohe Geldstrafen gefordert, weil sie im Sommer 2004 die 37 Flüchtlinge an Bord ihres Schiffes genommen hatten, die in einem überfüllten Schlauchboot in Seenot geraten waren. Italien verwehrte dem Schiff drei Wochen lang die Einfahrt in einen sizilianischen Hafen mit der Begründung, die Flüchtlinge müssten nach Malta gebracht werden, weil das Schiff zuvor maltesische Hoheitsgewässer durchfahren habe. Schliesslich durften die Flüchtlinge doch an Land gehen, wurden aber kurze Zeit später wieder abgeschoben.

«Erfolg für die Menschlichkeit»

Cap Anamur sprach nach dem Urteil von einem «wichtigen Tag für die humanitäre Arbeit» und einem «Erfolg für die Menschlichkeit». Die Rettung von Menschenleben dürfe nicht juristisch geahndet werden. «Rettung ohne Wenn und Aber in grösster Not ist ein unumstösslicher Grundsatz von Cap Anamur», sagte die Vorsitzende der Hilfsorganisation, Edith Fischnaller.

Bierdel selbst stand trotz der drohenden Haft- und Geldstrafe in dem seit drei Jahren andauernden Prozess weiter zu seiner umstrittenen Aktion. Vorwürfe von Kritikern, er habe damals ein Medienspektakel inszeniert, wies er am Mittwoch zurück. Selbstverständlich seien Fehler gemacht worden, weil man auf die Situation nicht vorbereitet gewesen sei, sagte er im «Deutschlandfunk». So habe man etwa zu viel Zeit gebraucht, bis ein geeigneter Hafen zum Anlaufen gefunden worden sei.

Dennoch habe er keinen einzigen Journalisten eingeladen oder an Bord geholt. «Sie kamen, weil sie schauen wollten, und ich bin bis heute der Meinung, dass wir das gar nicht anders machen konnten», erklärte Bierdel. Sich angesichts der Tatsache, dass Menschen in grosser Zahl an der EU-Aussengrenze verschwinden, ertrinken, verdursten und von europäischen Grenztruppen abgewehrt würden, auf Inszenierungsfragen zu konzentrieren, habe er schon damals und im Rückblick erst recht obszön gefunden.

Stärker Verantwortung übernehmen

Bierdel forderte in dem Interview auch die deutsche Regierung auf, bei den Flüchtlingsdramen auf See stärker Verantwortung zu übernehmen und ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen. «Warum sollten wir nicht geradezu mustergültig für Europa zeigen, wie man menschenwürdig und professionell umgeht mit denen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen?», fragte er. Das sei aber ganz offensichtlich nicht erwünscht und das mache ihn ein bisschen traurig, denn die Möglichkeiten wären ohne weiteres da.

(sda)

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