Aktualisiert 27.10.2009 18:42

Krimi im ZunfthausFreispruch für Ingenieur aus Küsnacht

An einem Heiratsfest im Zunfthaus zur Zimmerleuten soll ein Küsnachter Hochzeitsgast eine vergoldete Weinkanne gestohlen haben. Aufgrund von verwirrenden Zeugenaussagen kam das Gericht zu einem Freispruch.

von
Attila Szenogrady

Für den zuständigen Staatsanwalt stand mit dem heute 59-jährigen Ingenieur aus Küsnacht der schuldige Bösewicht fest. Laut Anklage nahm er in der Nacht auf den 22. Juli 2007 an einer rauschenden Heiratsparty in einem Zunfthaus am Limmatquai teil. Dabei soll der gebürtige Tscheche in einem günstigen Augenblick eine vergoldete Weinkanne behändigt und in seinen Sprüngli-Plastiksack gesteckt haben. Dann tarnte er die Beute mit Konfetti sowie Papierbechern und stellte den Sack auf die Hutablage einer Garderobe. So die Anklage.

Fund mit Folgen

Sicher ist, dass eine Frau die über 1,4 Kilogramm schwere Kanne für über 6000 Franken in den frühen Morgenstunden entdeckte. Die Schatzmeisterin des Zunfthauses und die Braut gaben sich später als die Entdeckerinnen aus. Worauf der Bräutigam nach dem Fund Strafanzeige wegen Diebstahls einreichte. Für die eingeschaltete Polizei kam in der Folge wegen des verdächtigen Plastiksacks nur der Hochzeitsgast aus Küsnacht als Langfinger in Frage. So hatte dieser nach dem Fest verzweifelt nach seinem verschwundenen Sack gesucht.

Sechs Monate unbedingt verlangt

Am Dienstag musste sich der Mann aus Küsnacht wegen Diebstahls vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Obwohl er bisher noch nie etwas verbrochen hatte, verlangte der zuständige Staatsanwalt eine unerwartet hohe Strafe. So sollte der Beschuldigte für den dreisten Coup mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten büssen.

Der Angeklagte verlangte einen vollen Freispruch und sprach von einer phantasievollen Manipulation gegen seine Person.

Verwirrende und widersprüchliche Zeugenaussagen

War es der reichliche Alkoholkonsum an der Hochzeit gewesen? Vor Gericht kam jedenfalls heraus, dass das Strafverfahren von verwirrenden und widersprüchlichen Aussagen nur so gespickt war. Vor allem die Darstellungen der Braut sowie der Schatzmeisterin standen sich diametral gegenüber. Beide wollten die entwendete Kanne selber gefunden haben. Zudem hatte die Meisterin in der Untersuchung nicht einmal mehr gewusst, ob das fragliche Trinkgefäss aus Zinn oder vergoldet war. Hinzu kam, dass selbst der Plastiksack plötzlich verschwunden war.

Das Gericht kam deshalb nach dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten zu einem vollen Freispruch und sprach dem Angeklagten eine Prozessentschädigung von 740 Franken zu.

Die Gerichtsvorsitzende Esther Vögeli hielt dem Angeschuldigten sein Verhalten zur Tatzeit zugute. Wäre er der wahre Dieb gewesen, hätte er sich kaum bei allen so auffällig nach seinem Sprüngli-Sack erkundigt, sagte die Richterin. Sie zeigte sich überzeugt, dass auch andere Personen als Dieb in Frage kommen. Jedenfalls ist die Weinkanne gerettet. Sie überstand auch den schweren Brand, der im Herbst 2007 das Zunfthaus in Schutt und Asche gelegt hatte.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.