30.10.2015 19:10

SüdafrikaFreiwillige ziehen Löwen für Trophäenjäger gross

Jugendliche gehen freiwillig nach Südafrika, um dort angeblich verwaiste Löwenbabys zu pflegen. Was sie nicht wissen: Züchter und Jäger profitieren davon.

von
K. Moser

Dieses Video von Cannedlion.org macht auf die Misstände bei Freiwilligen-Projekten mit afrikanischen Löwenbabys aufmerksam. Prädikat: Sehr sehenswert!

Ein Löwenbaby streicheln, ihm die Flasche geben, mit ihm knuddeln und spazieren gehen. Und das alles, damit die Könige der Tiere in Afrika nicht aussterben. Solche Freiwilligen-Projekte sind bei Jugendlichen beliebt. Was sie nicht wissen: Sie arbeiten für Löwenzuchten der südafrikanischen Gatterjagd-Industrie.

Mit den Jugendlichen machen die Zuchtfarmen ein gutes Geschäft. Diese arbeiten nicht nur gratis, sondern bezahlen sogar dafür. Das ist bei Freiwilligenarbeit üblich und im Normalfall auch gerechtfertigt.

Für Gatterjagden weiterverkauft

Angelockt werden die Freiwilligen jedoch mit falschen Angaben über das Schicksal der Löwenjungen. «Die Züchter sagen etwa, die Löwenmutter habe die Kleinen verstossen, das käme öfters vor. In der freien Wildbahn kommt das aber nur sehr selten vor. Oder sie behaupten, die Löwen würden später ausgewildert. Das ist nicht der Fall», sagte Frank Seidel von Wegweiser Freiwilligenarbeit zu 20 Minuten.

Experten bestätigen Seidels Aussagen. «Es gibt weltweit keine Projekte, bei denen Löwen für die Auswilderung gezüchtet und aufgezogen werden», sagte Christine Breitenmoser zu 20 Minuten. Sie ist Co-Chefin der Tierschutzorganisation IUCN/SSC Cat Specialist Group und kennt die Problematik dieser Zuchtstationen in Südafrika. «Die Löwenzüchter verwenden die Tiere für Touristenattraktionen wie Spaziergänge mit Löwen und verkaufen sie für Gatterjagden weiter», so Breitenmoser weiter.

«Ein einfaches Ziel selbst für unerfahrene Jäger»

Bei Gatterjagden befindet sich der Löwe in einem mehrere Hektare grossen Gehege, wo ihn der Jäger bequem erschiessen kann. «Da die Löwen von Hand aufgezogen wurden, haben sie auch keine Angst vor Menschen. Sie verstecken sich nicht und sind ein einfaches Ziel selbst für unerfahrene Jäger», sagte Faye Peeters von der Kampagne gegen Gatterjagden CACH zu 20 Minuten. Zudem sei diese Art Grosswildjagd vergleichsweise billig: «Einen Löwen in freier Wildbahn zu erlegen, kostet bis zu drei Wochen Zeit und bis zu 60'000 Euro. Für eine Gatterjagd muss man vielleicht 48 Stunden und 10'000 bis 25'000 Euro aufwerfen», so Peeters weiter.

Gatterjagden führten dazu, dass weniger Löwen in der freien Wildbahn abgeschossen werden, lautet ein Argument der südafrikanischen Jagdlobby. Tierschützerin Peeters schüttelt darob nur den Kopf: «Gatterjagd-Firmen ziehen bloss einen neuen Typus von Jägern an. Zudem organisieren sich die Löwenzuchten regelmässig Löwenbabys für den Genpool aus der freien Wildbahn». Letzteres ist nicht nur illegal, es fördert die Wilderei und schadet den Löwenpopulationen in der freien Wildbahn.

Löwenknochen nach China verkauft

Zwar gibt es Naturparks, die selber Tiere zum Abschuss freigeben. Sie regulieren dadurch laut «NZZ »den Bestand und finanzieren sich mit den Lizenzverkäufen. Doch von der Gatterjagd-Industrie fliesst kein Geld in Reservate. «Das sind alles private Firmen», so Expertin Peeters.

Zu den Profiten aus der Freiwilligenarbeit, aus zweifelhaften Tourismusangeboten und aus der Gatterjagd kommen weitere Einnahmen aus der Löwenzucht-Industrie in Südafrika: Die Knochen der getöteten Löwen werden nach China verkauft – ein lukrativer und schnell wachsender Markt.

«Finger weg von Freiwilligen-Projekten mit Grosskatzen»

Die Kampagne gegen Gatterjagd hat den Wert eines Löwen in dieser Industrie berechnet: Aus der Freiwilligenarbeit entstehen Gewinne von ca. 15'000 Euro pro Löwe, aus Touristenangeboten wie Fotoshootings und Wandern mit Löwen weitere fast 50'000 Euro, aus der Gatterjagd 12'000 Euro und aus den Knochen 1500 Euro. Insgesamt sind das 77'500 Euro Gewinn pro Löwe.

Doch wie kann man verhindern, dass man – ohne es zu wollen – diese Industrie unterstützt? Ganz einfach, sagt Tierschützerin Breitenmoser: «Von Freiwilligen-Projekten oder Touristenattraktionen, bei denen man mit Grosskatzen in Berührung kommt, sollte man die Finger lassen.»

Diesem Grundsatz hat sich auch die Organisation Wegweiser Freiwilligenarbeit angeschlossen, deren Ziel es ist, nur ethisch einwandfreie Projekte anzubieten. Sie hat laut eigenen Angaben als erstes Freiwilligenarbeit-Portal im deutschsprachigen Raum alle Angebote gestrichen, die mit der Gatterjagd-Industrie verbunden sein könnten: «Auf unsere Website kommen keine Projekte, bei denen es zu den Aufgaben der Freiwilligen gehört, regelmässigen Kontakt zu jungen Raubkatzen zu haben – sei es durch Füttern oder Spazierengehen.»

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