Caritas-Lüge: Fremdenfeindliches Handy-Märchen im Netz

Aktualisiert

Caritas-LügeFremdenfeindliches Handy-Märchen im Netz

Flüchtlinge erhalten teure Gratis-Handys mit Geld von der Caritas: Diese Geschichte sorgt für Wirbel. Schon lange. Obwohl sie frei erfunden ist.

von
Gabriel Brönnimann

Wenige Tage vor den Eidgenössischen Wahlen machte das Erlebnis von R. R., einem IT-Datencenter-Spezialisten, auf Facebook die Runde. R.s Erfahrungsbericht verbreitete sich rasend schnell auf SVP-Fan- und Anti-Asyl-Seiten des sozialen Netzwerks.

R. schrieb:

«CARITAS !! Interessantes und Schockierendes Erlebnis diese Woche ! Hier in Luzern gehen 3 Schwarzafrikanerinnen zum Swisscom Shop Globus Luzern um Handy's zu kaufen, der Swisscom Angestellete hatte sich alle nur mögliche Mühe gegeben ihnen ein möglichst preiswertes Handy anzubieten, aber NEIN meinten die 3 Afrikanerinnen, sie wollten nichts anderes als das neuste und aller teuerste iPhone6+, wo es dann zur Zahlung dieser Handy's Kamm, was denkt ihr ist passiert ? Sie gaben dem Swisscom Mitarbeiter eine Karte von Caritas wo er anrufen solle, tatsächlich meinten die ja da sein absolut in Ordnung er solle die Rechnung an Caritas Luzern senden !!!?!?!! Wie soll sich nun jemand fühlen der Arbeiten geht, spart, und vielleicht noch so naiv ist und denkt das es sich hier um Menschen in Not handelt ?!? Was für eine Sauerei ist das !! Das ist Realität, und dann noch all diese Grünen und linken Schönrede Menschen dazu.... Wohin führt das Alles !?!»

Geteilt, gelikt, geschimpft – gelogen

R.s Post wurde rege geteilt und gelikt. Seine Geschichte erreichte Abertausende. Als ein User R. fragte, wo er sie herhabe, schrieb er: «Selbst erlebt! Erste Hand!» – später fügte R. an, auch die Angestellten im Laden seien «sauer und schockiert» gewesen.

Sauer und schockiert reagierten auch Fremdenfeinde auf Facebook. Ein User wollte sich «auch schwarz anmalen» für Gratis-Handys, ein anderer «diese Drecksratten aus dem Land treiben». Doch ob die Geschichte überhaupt stimmt, wurde kaum überprüft. Bis auf die, die sich bei der Caritas meldeten, was das Hilfswerk dazu bewogen hat, die Sache aufzuklären, wie Sprecher Stefan Gribi zu 20 Minuten sagt: «Viele Leute waren verunsichert. Wir haben zahlreiche Mails bekommen.»

«Wir zahlen keine Handys»

Auf Facebook sorgte das Hilfswerk für Klarheit:

Liebe Follower. In den letzten Tagen wurden wir immer wieder gefragt, was es mit dieser iPhone-Geschichte auf sich hat. Diese Geschichte ist schon älter, geistert immer wieder im Internet herum und schafft es sogar über die Grenzen hinaus. Einen ähnlichen Post gab es bei Caritas Österreich. Übrigens gibt es seit rund 5 Jahren keinen Swisscom-Shop mehr im Luzerner Globus. Zusammenfassend: Wir zahlen keine Handys. Ein/e Asylsuchende/r im Zentrum für Asylsuchende erhält 11.40 Franken pro Tag für alle Ausgaben für Essen, Alltagsartikel, Telefonkosten usw. Bustickets werden nur für angeordnete Behördengänge und zu Arbeitseinsätzen gezahlt. Herzlichen Dank für Ihre Treue!

Tatsächlich: Die Geschichte «Flüchtling kriegt im Laden teures Handy von der Caritas» existiert in zahlreichen Varianten – und ist ausnahmslos gelogen (siehe Bildstrecke). Auch Caritas Österreich musste schon eine Variante dementieren.

«Warum sollte ich diese Geschichte erfinden?»

20 Minuten hat R. kontaktiert und ihn mit der Aussage der Caritas konfrontiert. R.: «Diese Sache habe ich erlebt, im Swisscom Shop hinter dem Globus, nicht im Globus! In Luzern, und ob es Ihnen nun passt oder nicht, ich war Zeuge.» R. weiter: «Warum sollte ich diese Geschichte erfinden? ... Das hab ich nun wirklich nicht nötig, fragen Sie doch bitte bei den Swisscom-Mitarbeitern nach.»

Hinter dem Globus gibt es einen Swisscom-Shop in Luzern. «Den Shop-Verantwortlichen ist kein solcher Fall bekannt. Wir können diese Schilderung nicht nachvollziehen», sagt Sabrina Hubacher, Sprecherin Swisscom, zu 20 Minuten. Auch bei der Caritas bleibt man auf Rückfrage dabei: Caritas bezahlt keine Handys. Ob R. vielleicht Zeuge von Trickdieben wurde, mit einer Caritas-Masche? Aber das wüsste die Swisscom ja auch. Und die Polizei ebenfalls. Doch Urs Wigger, Sprecher der Luzerner Polizei, konnte nichts über den angeblichen Vorfall finden. Auch nichts über mögliche Betrüger. Wigger: «Bei der Luzerner Polizei ist eine solche Betrugsmasche nicht bekannt.»

Konfrontiert mit diesen Fakten hat R. R. die erneut gestellte Frage, ob er diese Geschichte immer noch selbst erlebt haben will, bis gestern Abend nicht mehr beantwortet.

*Name der Redaktion bekannt

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