Mail aus Sotschi: Freude ja, Genuss nein
Aktualisiert

Mail aus SotschiFreude ja, Genuss nein

Täglich erreicht uns elektronische Post von unseren Reportern aus Sotschi. Marcel Allemann ist zum siebten Mal an Olympischen Spielen und kann es doch nicht richtig geniessen.

von
Marcel Allemann
Sotschi

Ich erlebe in Sotschi meine siebten Olympischen Spiele. Von Berufs wegen hatte ich immer wieder die Möglichkeit, live dabei zu sein, wenn Schweizer Sportgeschichte geschrieben wurde. Ich stand an der Sprungschanze, als Simi Ammann 2002 seinen ersten Olympiasieg einsprang. Ich war Zeuge, als die Schoch-Brüder 2006 Gold und Silber im Snowboard holten. Ich erlebte den berauschenden Moment mit, als «Fedrinka» 2008 das Tennis-Doppel-Podest stürmten. 2010 war ich im Zielraum, als Didier Défago mit seinem Gold-Streich in der Abfahrt überraschte, ebenso 2012, als Nicola Spirig in einer Millimeter-Entscheidung Triathlon-Olympiasiegerin wurde. Und am Dienstag erlebte ich einen weiteren dieser magischen Momente, als Iouri Podladtchikov Superstar Shaun White schlug.

Das Problem bei all diesen Grosserfolgen: Man hat als Journalist keine Zeit, sie zu geniessen. In solch einem Moment funktioniert man nur noch: Was kommt in die Zeitung? Was auf die Webpage? Dann werden die Texte abgeliefert, oft bis tief in die Nacht hinein, und danach fällt man nur noch todmüde ins Bett. Die persönliche Verarbeitung dieser Wahnsinnserlebnisse erfolgt erst später. Wenn alles längst vorbei ist und man mit einem Drink in der Hand irgendwo auf einem Liegestuhl liegt.

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