Friendraising : «Freunde, finanziert mir mein Projekt!»
Aktualisiert

Friendraising «Freunde, finanziert mir mein Projekt!»

Freunde und Familie anpumpen, um sich selber zu verwirklichen: Freundschaftsdienste sind auf dem Vormarsch.

von
dk
1 / 7
Nicht mehr Crowdfunding, sondern Friendraising: Statt den mühsamen Umweg übers Internet zu nehmen, wendet man sich direkt an das persönliche Netzwerk und sucht dort nach Geldgebern.

Nicht mehr Crowdfunding, sondern Friendraising: Statt den mühsamen Umweg übers Internet zu nehmen, wendet man sich direkt an das persönliche Netzwerk und sucht dort nach Geldgebern.

Für den Fundraising-Berater Urs Höltschi ist das Konzept des Friendraisings eine neue Erscheinung. So habe man zwar schon früher die Eltern oder einen engen Freund um ein Darlehen gebeten. In einer solchen Breite und so öffentlich, wie es jetzt das Friendraising tue, sei allerdings neu. «Aber wieso soll jemand, der eine gute Idee umsetzen will, nicht seine Freunde oder Familie um Unterstützung bitten?»

Für den Fundraising-Berater Urs Höltschi ist das Konzept des Friendraisings eine neue Erscheinung. So habe man zwar schon früher die Eltern oder einen engen Freund um ein Darlehen gebeten. In einer solchen Breite und so öffentlich, wie es jetzt das Friendraising tue, sei allerdings neu. «Aber wieso soll jemand, der eine gute Idee umsetzen will, nicht seine Freunde oder Familie um Unterstützung bitten?»

zvg
Die Hemmschwelle, bei Freunden oder Familie um Geld für ein persönliches Projekt zu bitten, sei aber gesunken. «Es wird nicht mehr als Bettelei empfunden.» Im Gegenzug seien aber Spender bei der Unterstützung von Projekten kritischer geworden. «Es wird heute stärker hinterfragt, wo das Geld hingeht», sagt Höltschi.

Die Hemmschwelle, bei Freunden oder Familie um Geld für ein persönliches Projekt zu bitten, sei aber gesunken. «Es wird nicht mehr als Bettelei empfunden.» Im Gegenzug seien aber Spender bei der Unterstützung von Projekten kritischer geworden. «Es wird heute stärker hinterfragt, wo das Geld hingeht», sagt Höltschi.

Tausende von Franken für die Operation der angefahrenen Katze, die Publikation eines Musikalbums oder gar die Finanzierung einer ganzen Zeitungsredaktion: Für solche und ähnliche Vorhaben werden Gelder seit einigen Jahren mittels Crowdfunding gesammelt. Webseiten wie Wemakeit oder Lokalhelden.ch dienen dazu als Starthilfe. Nun kommt auch das sogenannte Beziehungs-Fundraising zum Zug: Statt den mühsamen Umweg übers Internet zu nehmen, wendet man sich direkt an das persönliche Netzwerk und sucht dort nach Geldgebern.

So wie Boris Woynowski. Wie der 33-jährige Projektmanager gegenüber dem deutschen Onlinemagazin «Krautreporter» erzählt, gründete er einen Verein, der sich mit dem Thema Postwachstum beschäftigt. Mit der Website Wachstumswende.de will er Menschen zusammenbringen, die sich für eine nachhaltige Lebensweise einsetzen. Als er bei Stiftungen dafür kein Geld erhielt, suchte er nach Alternativen. «Ich habe dann ein paar Freunde angeschrieben, von denen ich wusste, dass sie finanziell gut aufgestellt sind und so einen Verein klasse finden würden. Das waren so sieben, acht Leute, inklusive meiner Eltern», sagt Woynowski. Während mehrerer Monate liess er sich den Lebensunterhalt auf diese Weise von Freunden und Familie finanzieren.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Friendraising? Schreiben Sie uns!

«Hemmschwelle, um Freunde um Geld zu bitten, ist gesunken»

Für den Fundraising-Berater Urs Höltschi ist das Konzept des Friendraisings eine neuere Erscheinung. So hätte man zwar schon früher die Eltern oder einen engen Freund um ein Darlehen gebeten. In einer solchen Breite und so öffentlich wie es jetzt das Friendraising tue, sei dies allerdings neu. Höltschi erzählt von einem Fall, in dem ein Mann ein geniales Outdoor-Gadget konzipiert hatte und sich aufgrund der hohen Produktionskosten an Freunde und Familie wandte. Zwar brauche man auch beim Friendraising ein gutes Netzwerk und viel Engagement, das sei aber beim normalen Crowdfunding genau gleich. «Geld kommt nie von allein», sagt Höltschi. Der Geldempfänger stehe immer unter dem Druck, den Spendern gute Projektfortschritte abzuliefern.

Die Hemmschwelle, bei Freunden oder Familie um Geld für ein persönliches Projekt zu bitten, sei aber gesunken. «Es wird nicht mehr als Bettelei empfunden.» Im Gegenzug seien aber Spender bei der Unterstützung von Projekten kritischer geworden. «Es wird heute stärker hinterfragt, wo das Geld hingeht», sagt Höltschi. Besonders, wenn das Geld aus dem Freundeskreis komme, brauche es von der Geld sammelnden Person klare Argumente und eine transparente Rechenschaft über die getätigten Ausgaben. «Scheitert ein Projekt, kann das die Beziehung belasten.» Eine offene und ehrliche Kommunikation sei daher zentral – selbst bei Rückschlägen, die für Höltschi aber dazugehören: «Wer keine Fehler macht, ist in der Regel zu wenig innovativ.»

«Risiko, dass die Beziehung zerrüttet wird»

Für die Zürcher Psychotherapeutin Dania Schiftan birgt das Friendraising grosses Potenzial – und grosses Risiko. «Viele sind es gewohnt, die Eltern oder enge Freunde bei Engpässen um Geld zu bitten», sagt Schiftan. Daher sei es nur logisch, diese Zielgruppe auch zur Finanzierung von privaten Projekten anzufragen. Wenn allerdings keine klare Spielregeln vereinbart würden, könnte das eine Beziehung nachhaltig zerrütten.

Schwierig werde es vor allem, wenn nicht sachliche Argumente dazu gebraucht werden, mehr Geld zu fordern. «Geld sollte keine emotionale Angelegenheit sein, ist es aber», sagt Schiftan. Die angefragten Personen würden deshalb mehr zahlen, weil sie die Beziehung nicht aufs Spiel setzen oder nicht als geizig gelten wollen. Deshalb sei die Definition von klaren Regeln äusserst wichtig. Viele Personen sind aber immer noch der Ansicht, dass Abmachungen, wie zum Beispiel was mit dem Geld gemacht werden sollte oder was als Gegenleistung dafür gefordert wird, verletzend wären. Dann heisst es: «Traust du mir etwa nicht?» Gerade in solchen Momenten müsse man aber standhaft bleiben und auf die Festlegung von Regeln pochen.

Deine Meinung