Zu viel des Guten: Freunde tun intelligenten Menschen nicht gut
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Zu viel des GutenFreunde tun intelligenten Menschen nicht gut

Je mehr Freunde, desto besser? Sollte man annehmen, aber laut zwei Evolutionspsychologen gilt das nicht für alle: Clevere Personen leiden darunter.

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Danach gefragt, was ein Leben lebenswert macht, kommen die meisten Menschen rasch auf die Bedeutung von Freunden zu sprechen. Schliesslich gilt ein gesundes Umfeld als Glücksbringer.

Zwei Evolutionspsychologen zeigen nun aber, dass man die Wirkkraft von Freundschaften differenzierter betrachten muss. Laut ihrer Studie tut ein grosser Kollegenkreis nicht allen gut. Für intelligente Menschen gilt: Je mehr Zeit sie mit Freunden verbringen, desto trauriger sind sie.

Schuld ist die Vergangenheit

Satoshi Kanazawa von der London School of Economics und Norman Li von der Singapore Management University hatten für die im «British Journal of Psychology» erschienene Arbeit Interviews von 15'000 Männern und Frauen zwischen 18 und 29 Jahren ausgewertet. Die Befragten hatten darin unter anderem Auskunft zu ihrem Umfeld gegeben und dazu, wie glücklich sie sich einschätzen.

Der Abgleich zeigte: Zum einen leben Menschen in weniger dicht besiedelten Gebieten zufriedener als jene in solchen mit hoher Bevölkerungsdichte. Das passt auch zur zweiten Erkenntnis: Je mehr Zeit die Befragten mit engen Freunden verbringen, desto glücklicher fühlen sie sich. Doch wie so oft bestätigte auch hierbei eine Ausnahme die Regel. Denn das Ergebnis gilt nicht für besonders intelligente Personen (IQ über 116). Sie sind mit mehr Freunden unglücklicher.

Verschiedene Erklärungen

Die Forscher erklären die Resultate mit der sogenannten Savannen-Hypothese, die auf der Annahme basiert, dass der Lebensstil unserer Vorfahren – der Jäger und Sammler – die Grundlage bildet für das, was uns heute glücklich macht. Seither hat sich das menschliche Gehirn nicht mehr wesentlich entwickelt.

Mit anderen Worten: Es ist immer noch für ein Leben in kleinen Gemeinschaften, mit viel Kontakt zu langjährigen Freunden ausgelegt. Das passt jedoch nicht mehr zu unserem Lebensstil, der durch ständige Erreichbarkeit, hohe Anforderungen und wechselnde Kontakte gekennzeichnet ist. Das führt dazu, dass das Gehirn von durchschnittlich intelligenten Personen (IQ von 90 bis 109) von der modernen Welt schnell mal überfordert ist. Überdurchschnittlich intelligente Menschen hingegen kommen damit besser klar. Das führt dazu, dass weniger smarte Leute das Zusammensein mit Freunden als Entspannung erleben, während Intelligenzbestien dabei eher unterfordert sind und sich langweilen.

Eine alternative Erklärung liefert die US-Glücksforscherin Carol Graham, die die Studienergebnisse für die «Washington Post» analysiert hat. Ihre Vermutung: «Intelligente Menschen verbringen weniger Zeit in Gesellschaft, weil sie auf ein anderes, längerfristiges Ziel fokussiert sind.» Soziale Interaktion sei da nur hinderlich und mache letztendlich unzufrieden.

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