Ukraine: Friedliche Proteste sind blutig geworden
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UkraineFriedliche Proteste sind blutig geworden

Der friedliche Machtkampf am Maidan-Platz ist in brutale Gewalt mit mehreren Toten umgeschlagen. «Die Angst geht um», so ein Schweizer vor Ort. Bereits haben sich wieder Zehntausende versammelt.

In der Ukraine ist der über Wochen friedliche Machtkampf in brutale Gewalt mit mehreren toten Demonstranten und Hunderten Verletzten umgeschlagen. Oppositionspolitiker Vitali Klitschko gab dem an Russland orientierten Präsidenten Viktor Janukowitsch die Schuld an der Eskalation.

Von drei bis sieben toten Regierungsgegnern ist die Rede. «Heute schiesst die Regierung als Antwort auf die Forderungen der Menschen auf das eigene Volk», sagte Klitschko vor prowestlichen Anhängern in Kiew.

Der Schweizer Jörg Wieland (54) lebt seit 14 Jahren in Kiew. «In der ganzen Stadt geht die Angst um», sagt er zu 20 Minuten. «Ich habe heute Nachmittag meine siebenjährige Tochter frühzeitig aus der Schule nahe des Stadtzentrums geholt.»

Angst vor den «Tituschki»

Selbst die Organisatoren der Proteste würden den Leuten raten, nach Hause zu gehen, da die Lage gefährlich und komplett unberechenbar geworden sei, so Wieland. «Am schlimmsten sind die angeheuerten Schläger der Regierung, die so genannten «Tituschki». Es ist unglaublich, wie brutal die mit ihren Knüppeln drauflosschlagen.»

Viele lassen sich durch die Gewalt nicht einschüchtern: Am Abend versammelten sich etwa 50'000 Demonstranten im Zentrum der Hauptstadt, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren.

Mehrere Oppositionspolitiker, darunter Klitschko, trafen sich über drei Stunden mit Staatschef Janukowitsch, um ein Ende der Gewalt zu erreichen. Die Gespräche seien ergebnislos verlaufen, hiess es im Anschluss.

Opposition berichtet von sieben Toten

Die Opposition teilte am Abend mit, dass sie mittlerweile Informationen über sieben getötete Regierungsgegner habe. Die Zahl der Erschossenen sei von drei auf fünf gestiegen, sagte der Koordinator des medizinischen Dienstes des Regierungsgegner in Kiew, Oleg Mussi. Er sprach von mehr als 300 verletzten Regierungsgegnern bei den Zusammenstössen mit der Polizei.

Zudem seien in einem Wald bei Kiew zwei Leichen mit Folterspuren gefunden worden, wie ukrainische Medien berichteten. Die Behörden äusserten sich nicht zu den Angaben. Die Regierung warf der Opposition vor, die Menschen zu Unruhen aufgewiegelt zu haben.

Das US-Aussenministerium betonte, die Spannungen seien die direkte Folge der Weigerung der Regierung, einen echten Dialog mit ihren Gegnern zu führen. Die bislang friedlichen Proteste waren Ende November ausgebrochen, nachdem Janukowitsch auf Druck Russlands den Abschluss eines EU-Partnerschaftsabkommens auf Eis gelegt hatte.

Und wieder versammeln sich Zehntausende

Bei den Protesten auf dem Unabhängigkeitsplatz - dem Maidan - rief der Oppositionspolitiker Klitschko zum Widerstand gegen die prorussische Führung um Präsident Viktor Janukowitsch auf. «Wir werden weiter auf dem Platz stehen und kämpfen, wenn es nötig wird», sagte er am Mittwoch. Er rief die Polizei auf, zur Opposition überzulaufen.

Polizeitruppen gingen immer wieder gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Einsatzkräfte stürmten Barrikaden und nahmen Regierungsgegner fest. Sie setzten Tränengas, Gummigeschosse und Blendgranaten ein, Demonstranten warfen Molotow-Cocktails und Steine.

Dem Aufruf Klitschkos folgten am Abend Zehntausende. Sie strömten ins Zentrum auf den Maidan. Innerhalb weniger Stunden erhöhten die Demonstranten die Barrikaden um den Unabhängigkeitsplatz durch mit Schnee gefüllte Säcken. Die Zugänge des Protestlagers wurden verengt und von Aktivisten bewacht, so dass sich bei Temperaturen von minus zehn Grad teils lange Schlangen bildeten.

EU überprüft Beziehungen zur Ukraine

Präsident Viktor Janukowitsch rief die Ukrainer auf, nicht den «Radikalen» zu folgen. Die Todesfälle bedauere er «zutiefst». Er sei «gegen Blutvergiessen, gegen den Einsatz von Gewalt». Regierungschef Mikola Asarow bezeichnete die Unruhestifter als «Terroristen».

«Wir sind geschockt von den Nachrichten aus der Ukraine», sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Brüssel. Die EU werde «mögliche Massnahmen» und «Konsequenzen» für ihre Beziehungen zur Ukraine prüfen.

Die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton forderte ein «sofortiges» Ende der Gewalt. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

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