Schock-Experiment: Frieren bei minus 80 Grad in der Kältekammer
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Schock-ExperimentFrieren bei minus 80 Grad in der Kältekammer

Was einem Profi-Fussballer nützt, bringt einen Reporter nicht um, dachte sich die 20-Minuten-Redaktion. Und liess mich mit FC-Aarau-Star Davide Callà bei minus 80 Grad bibbern.

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H. von Wyl/Z. Venakis

(Video/Schnitt: Zoe Venakis)

Ich mag Kälte nicht. Ich verabscheue sie sogar. Trotzdem stehe ich vor einer Kältekammer im Physiotherapiezentrum med&motion im Zürcher Siemens-Gebäude. Wie eine überdimensionierte Duschkabine sieht sie aus, mit einer Glastür, der Innenraum ist blau beleuchtet. Das digitale Thermometer zeigt minus 80 Grad Celsius. Eine schicke Folterkammer.

Neben mir steht Davide Callà, Mittelfeldspieler beim FC Aarau, der sich nach einem harten Match in der Kältekammer regenerieren will, wie das bei Stürmerstar Cristiano Ronaldo und vielen europäischen Topspielern schon Standard ist. Abgesehen davon, dass er mich mit seinem muskelbepackten Köper wie einen abgemagerten Marathonläufer aussehen lässt, ist Callà ein ganz sympathischer Typ. «Bist du bereit?», frage ich ihn und an seinem souveränen Lächeln merke ich, dass ich die Frage wohl eher mir selber stelle.

Kalt. Kälter. Kältekammer.

Inhaber Claudio Gasser öffnet die Glastür. Die 25 Grad warme Luft des Vorbereitungsraums trifft auf die Minus 81 Grad der Kältekammer. Sofort gefrieren die Wasserpartikel in der Luft, aus der Kammer quillt Eisnebel. Callà und ich stürzen uns in die Kammer, die Tür schliesst sich. Die Kälte beisst sofort in die nackte Haut, sind wir doch nur mit kurzen Hosen (ich), beziehungsweise einem ultraknappen Speedo (Callà) bekleidet. Winterspaziergang, begehbare Tiefkühltruhe, Flitzen im Schnee, Bad im Eiswasser. Schnell gehen mir die Vergleichsmöglichkeiten aus. Und es wird immer kälter.

«Noch zwei Minuten», zeigt Gasser an. Ich seufze, mein Atem verwandelt sich in eine weisse Wolke, die sich an meinen Haaren und Wimpern festsetzt. Handschuhe, Stirnband, Mundschutz und Turnschuhe schützen Extremitäten und Lunge vor Erfrierungen. Dazu bleiben wir konstant in Bewegung, um die Blutzirkulation zu fördern. «Das ist wirklich, wirklich sehr kalt», sage ich zu Callà, nicht zum ersten Mal. Er lacht. «Ich habe schon einige Besuche in der Kammer gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe», gesteht er. Auch der Fussballadonis spürt also die Kälte. Ich bin beruhigt.

Wer schön sein will, muss leiden

«Noch eine Minute.» Meine Beine und Arme fühlen sich schwer und klamm an. Sie zu bewegen wird immer anstrengender. «Durch die Temperaturdifferenz von über 100 Grad erlebt der Körper einen Kälteschock», wird mir nachher Gasser erklären. Ah ja, wirklich? «Das Blut zieht sich in den Torso zurück, der Körper wird mit Hormonen geflutet. Diese wirken schmerzstillend und entzündungshemmend.» Nach der Kammer ströme das Blut zurück in die Gliedmassen und die gesamte Muskulatur werde mit Sauerstoff versorgt, was die Regeneration nach Trainings und Matches fördere und den Heilungsprozess bei Verletzungen beschleunige. Unsportlich wie ich bin, hoffe ich, dass auch das Gehirn vom Kälteschock profitiert und sich die Artikel nachher wie von alleine schreiben. Meine momentane Hirnaktivität lässt mich aber daran zweifeln. Alles, was ich denken kann, ist: Scheisse ist das kalt, scheisse ist das kalt, scheisse ist das kalt.

«Noch dreissig Sekunden», zeigt Gasser an. Mittlerweile habe ich gegen 1500 Kalorien verbraucht, sagt zumindest die Kältekammer-Werbung. Und gegen Cellulite soll die Eiseskälte ebenfalls helfen. Kommen nach den Spitzensportlern nun die Models in den Eisschrank? Gasser bestätigt: «Das ist mittlerweile auch in der Modelszene zum Trend geworden.» Wer schön sein will, muss leiden.

Auftauen unter der Dusche

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, Wärme! Ach wunderbare Wärme! Die 25 Grad im Vorbereitungsraum fühlen sich auf meiner etwa 15 Grad kalten Hautoberfläche an, als wäre ich gerade aus einem klimatisierten Flieger in die feuchte Hitze Bangkoks getreten. «Wie geht es dir?», frage ich Callà, immer noch auf der Stelle tretend, um das Blut wieder in meine Gliedmassen zu bringen, die sich wie gefrorene Fischstäbchen anfühlen. «Es war schon sehr kalt», antwortet der Fussballer mit einer Nonchalance, die auch James Bond nach einem knapp überlebten Faustkampf mit dem Bösewicht gut zu Gesicht stehen würde. Und wieder habe ich die Frage wohl eher mir selber gestellt. Die Antwort darauf: Ich brauche eine lange, heisse Dusche.

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