Ohren anlegen: Frühe OP gegen fiese Hänseleien
Aktualisiert

Ohren anlegenFrühe OP gegen fiese Hänseleien

Um ihren Kindern Hänseleien wegen abstehender Ohren zu ersparen, entscheiden sich einige Eltern frühzeitig für eine kosmetische Operation. Eine gute Idee?

von
Runa Reinecke

Dumbo, Segelohr, Satellitenschüssel: Das sind nur drei von vielen unliebsamen «Kosenamen», mit denen Kinder mit auffällig abstehenden Ohren täglich konfrontiert werden. Wie andere Buben und Mädchen, die optische Besonderheiten aufweisen und deshalb nicht ganz der Norm entsprechen, werden sie von einigen ihrer Mitschüler gehänselt, gemobbt, ausgegrenzt. «Wehret den Anfängen», sagen sich deshalb viele Eltern, die ihre Kinder vor drohenden Verunglimpfungen und damit einhergehenden seelischen Verletzungen schützen wollen. Sie entscheiden sich für einen kosmetischen Eingriff, bei dem die Ohren in eine «natürliche» Form gebracht werden.

Auch die siebenjährige Samantha legte sich unters Messer - freiwillig. Die Ohren des Mädchen aus South Dakota waren derart nach vorne gewölbt, dass sich die Eltern für den korrigierenden Eingriff bei ihrer Tochter entschieden hatten: «Das war eine Präventivmassnahme. Wir wollten damit verhindern, dass Samantha später wegen ihres Aussehens gehänselt wird», erklärt Cami Roselles ihre Entscheidung auf Anfrage des Fernsehsenders «Fox».

Operation bei «glaubhaftem Leidensdruck»

Otopexie nennt sich das operative Anlegen der Ohren in der Fachsprache. Während des Eingriffs, der unter Vollnarkose durchgeführt wird, passt der Chirurg hinter dem Ohr ein Stück des Knorpels an. Aufgrund der Position bleibt für den Patienten in der Regel eine kaum sichtbare Narbe. Bei Clemens Schiestl, Leitender Arzt der plastischen Chirurgie des Kinderspitals Zürich, werden regelmässig junge Patienten vorstellig, die sich diesem Eingriff unterziehen. «Wir operieren dann, wenn wir einen glaubhaften Leidensdruck verifizieren können», betont der Mediziner.

Ein solcher Leidensdruck besteht zum Beispiel dann, wenn die Eltern dem Kind ein Dasein als Hänsel-Opfer ersparen möchten. Dies geschieht dem Chirurgen zufolge bereits sehr früh – die meisten seiner Patienten sind zwischen sechs und sieben Jahren alt. Wie wichtig es ist, Kindern ein «normales» Aussehen zu ermöglichen, zeigt eine Studie des Kinderspitals Zürich. Die Forschungsgruppe, der auch Schiestl angehörte, setzte sich mit der Stigmatisierung von Kindern und Jugendlichen mit Verbrennungen und Geburtsmalen im Gesicht auseinander. «Wir wollten herausfinden, welcher psychischen Belastung ein Kind durch optische Auffälligkeiten ausgesetzt ist», sagt der Experte.

Eingriff erspart psychische Qualen

Er verweist auf vorangegangene Studien, die deutlich machen, wie sich das frühzeitige Anlegen stark abstehender Ohren auf das spätere Leben auswirken kann. «Kinder, die man im Alter von sechs Jahren operierte, erklärten 20 bis 30 Jahre später, froh um den Eingriff gewesen zu sein. Ganz im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen die stark abstehenden Ohren im Kindesalter nicht korrigiert wurden: Sie hätten rückblickend eine solche Operation begrüsst», ergänzt Schiestl.

Doch besteht nicht eine gewisse Gefahr darin, dass die Eltern mit der operativen Korrektur lediglich ein gewisses Schönheitsideal für ihr Kind anstreben? Einen Vergleich zu vielen anderen Operationen der plastischen Chirurgie will Clemens Schiestl nicht ziehen: «Sobald wir Zweifel an der Notwendigkeit eines solchen Eingriffs haben, ziehen wir einen Psychologen hinzu», bekundet er. Diese Experten-Einschätzung hat allerdings kaum einen Einfluss auf die Kostengutsprache der Operation. So schlägt der Eingriff in einem Spital in Zürich mit einer Pauschale in Höhe von 4000 Franken für die Korrektur beider Ohren zu Buche.

Deine Meinung