Mobbing wegen abstehenden Ohren – heute steht Nico (22) über seinen Peinigern
Publiziert

Lovely me«Früher habe ich meine Ohren gehasst, heute sind sie mein Markenzeichen»

Nico (22) hat von Geburt an abstehende Ohren. Früher wurde er deswegen gemobbt. Er hätte sich die Ohren anlegen können: «Ich wollte aber nicht, dass meine Peiniger gewinnen!», sagt er.

von
Deborah Gonzalez
1 / 8
Der 22-jährige Nico hat von Geburt an abstehende Ohren, …

Der 22-jährige Nico hat von Geburt an abstehende Ohren, …

Privat
… genauso wie einige seiner Verwandten, die sie sich haben anlegen lassen.

… genauso wie einige seiner Verwandten, die sie sich haben anlegen lassen.

Privat
Doch für den Baselbieter kommt eine Operation nicht infrage, …

Doch für den Baselbieter kommt eine Operation nicht infrage, …

Privat

Darum gehts

  • Von Geburt an hat Nico abstehende Ohren, genauso wie einige seiner Verwandten.

  • Vom Kindergarten bis hin zur Oberstufe wurde der heute 22-Jährige deshalb gemobbt.

  • Seine Klassenkamerad*innen nannten ihn «Dumbo» und fragten ihn, ob er denn fliegen könne.

  • Früher hat ihn das belastet, heute hat Nico gelernt, sich zu lieben. Wie er das geschafft hat, erzählt er euch:

«Von Geburt an habe ich abstehende Ohrendas liegt in meiner Familie. Einige meiner Verwandten haben sich die Ohren anlegen lassen. Auch ich wollte diesen Eingriff irgendwann machen, weil ich jahrelang gemobbt wurde. Angefangen hat es im Kindergarten und es ging meine ganze Schullaufbahn so weiter. Immer wieder gingen die anderen Kinder verbal auf mich los. Ich musste mir Dinge wie: «Dumbo», «Du bist der fliegende Elefant», «Kannst du mit den Ohren fliegen?» oder «Hörst du mehr als andere Menschen?» anhören.

Es war nicht einfach für mich, vor allem weil ich mit niemandem wirklich reden konnte. Alle meinten immer «Lass dich doch einfach operieren!» Als Kind wollte ich meine Ohren auch unbedingt anlegen lassen. Doch irgendwann dachte ich mir: Wieso sollte ich? Ich bin doch trotzdem schön! Ich will doch nichts an mir ändern, nur weil ich anderen nicht gefalle.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten einer Ohrenkorrektur?

Da es sich bei der Ohrenkorrektur meist um eine rein ästhetische Maßnahme handelt, müssen die Kosten von den Behandelten selbst getragen werden. Je nach «Schweregrad» der abstehenden Ohren wird die Operation von den Krankenkassen bei bis zu 14-Jährigen ganz oder teilweise übernommen. Hierfür muss allerdings ein psychologisch geprüftes Gutachten vorliegen, das eine «psychische Beeinträchtigung» aufgrund der abstehenden Ohren bescheinigt.

Quelle: https://www.infomedizin.ch/behandlungsgrundlagen/ohren-anlegen/

Es gab kein Schlüsselerlebnis oder so für diese Erkenntnis. Früher war ich sehr oft traurig und verletzt, habe mich unwohl und nicht akzeptiert gefühlt wegen des Mobbings. Aber egal, was ich gemacht habe, ich habe halt diese Ohren! Plötzlich wurde mir klar: Ich will nicht, dass meine Peiniger gewinnen, indem ich meine Ohren operiere. Deswegen habe ich mich mit 16 Jahren dagegen entschieden. Die, die mich nicht so akzeptieren können, mit denen muss ich nichts zu tun haben. Und seitdem geht es mir gut.

«Zu kontern hat mir sehr dabei geholfen, mich selbst zu akzeptieren»

Diese Einsicht hatte mir sehr geholfen: Die Feindseligkeiten verletzten mich nicht mehr und ich fing an, auch mal zu kontern und den Leuten ironische Antworten à la «ja, ich kann besser hören, das würdest du wohl auch gerne» zu geben – das hat mir sehr dabei geholfen, mich selbst zu akzeptieren.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich, dass ich nicht hässlich bin und ich sehe auch, dass mich die Ohren in keiner Weise einschränken. Wenn die anderen nichts anderes finden, als meine Ohren, um mich fertig zu machen, dann ist das ja auch positiv. Meine Stärke lag darin, ihnen das Einzige zu nehmen, was sie haben, um sich über mich lustig zu machen – denn dann habe ich es selbst in der Hand.

Seit mich die Beleidigungen nicht mehr verletzt hatten, hörte das Mobbing mit der Zeit auf. Früher habe ich geweint, was sie lustig fanden und als Ansporn sahen, um weiter zu machen. Jetzt ist das nicht mehr so. Heute sind meine Ohren mein Markenzeichen. Ich stehe dazu, denn sie machen mich aus. Bis hierhin war es kein leichter Weg, deshalb bin ich umso stolzer, dass ich es geschafft habe, mich selber so zu lieben, wie ich es heute tue.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, erzähle uns hier von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity:

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung