Lovely Me - «Früher habe ich mich ohne eine Tonne Make-up nicht ausser Haus getraut»
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Lovely Me«Früher habe ich mich ohne eine Tonne Make-up nicht ausser Haus getraut»

Elisa (27) litt seit ihrer Geburt an einer Bindegewebsentzündung. Was zunächst ein kleiner weisser Fleck war, ist heute eine grosse Narbe auf ihrer rechten Gesichtshälfte.

von
Deborah Gonzalez
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Die 27-jährige Elisa hat eine grosse, tiefe Narbe im Gesicht – direkt unter dem rechten Auge. 

Die 27-jährige Elisa hat eine grosse, tiefe Narbe im Gesicht – direkt unter dem rechten Auge.

Privat
Zunächst war es nur ein weisser Fleck. Mit den Jahren wurde dieser aber immer grösser und dunkler. Erst später wurde er als eine Bindegewebsentzündung diagnostiziert.

Zunächst war es nur ein weisser Fleck. Mit den Jahren wurde dieser aber immer grösser und dunkler. Erst später wurde er als eine Bindegewebsentzündung diagnostiziert.

Privat
Früher hat Elisa sich nie ohne Schminke ausser Haus getraut, nicht einmal an den Briefkasten. Heute ist das anders, denn sie hat gelernt, sich selbst zu lieben.

Früher hat Elisa sich nie ohne Schminke ausser Haus getraut, nicht einmal an den Briefkasten. Heute ist das anders, denn sie hat gelernt, sich selbst zu lieben.

Privat

Darum gehts

  • Elisa (27) aus Zürich hatte seit ihrer Geburt einen weissen Fleck unter dem rechten Auge, der erst spät als eine Bindegewebsentzündung diagnostiziert wurde.

  • Je älter sie wurde, desto grösser und dunkler wurde der weisse Fleck – nun hat sie eine grosse Narbe unter dem Auge.

  • Jahrelang versuchte die Zürcherin alles, um die Narbe mit ihren Haaren und Schminke zu verstecken.

  • Heute traut sich Elisa auch ohne Make-up aus dem Haus.

Elisa, was macht dich besonders?

Ich habe eine grosse, tiefe Narbe im Gesicht – direkt unter meinem rechten Auge. Sie ist kaum zu übersehen.

Wie ist die Narbe entstanden?

Bis zu meinem fünften Lebensjahr war die heutige Narbe nur ein kleiner weisser Punkt, direkt unter meinem rechten Auge. Da ich aber ansonsten ein gesundes Auge hatte und auch mit meinem Augenlid alles in Ordnung war, hat man vorerst nichts dagegen unternommen. Später wurde der Fleck immer grösser und mit ihm auch die Angst, dass ich an Hautkrebs leiden könnte – so auch die Vermutung der Ärzt*innen.

Also wurde die Haut direkt unter dem Auge aufgeschnitten und ein Stück Gewebe entfernt. Die Ärzt*innen konnten Hautkrebs ausschliessen und feststellen, dass es sich um eine Entzündung des Bindegewebes handelte.

Was ist eine Bindegewebsentzündung?

Eine Entzündung im Bindegewebe kann verschiedene Ursachen haben. Sie entsteht als eine Antwort des Gewebes auf einen inneren oder äusseren Reiz. Das kann beispielsweise eine Verletzung, eine Infektion oder auch eine Autoimmunkrankheit sein.

Warst du in deinem Alltag in irgendeiner Weise eingeschränkt?

Teilweise. Durch die Entzündung selbst nicht, das hat sich mit der Operation erledigt. Aber ich hatte sehr lange mit der Narbe zu kämpfen. Mit der Zeit wurde sie dunkler und grösser. Sie hat mein halbes Gesicht eingenommen. Für die anderen Kinder war ich ein leichtes Opfer mit einem braunen Fleck im Gesicht.

Ich wurde jahrelang gemobbt und musste schräge Geschichten über mich hören. Sie dachten sich allerlei schmerzhafte Dinge aus, woher die Narbe stammen würde. Es war wirklich schlimm. Einmal hiess es, dass ich beim Wandern auf einem Kuhfladen ausgerutscht und mit dem Gesicht draufgefallen wäre – daher die braune Marke im Gesicht. Jetzt kann ich darüber lachen, aber früher war das anders.

Wie war das für dich?

Als Kind war ich mehr oder weniger machtlos. Aber als Jugendliche habe ich alles getan, damit die Narbe verschwindet. Zuerst habe ich es mit einer Lichttherapie versucht. Dank den UV-Strahlen wurde die Narbe etwas blasser und kleiner. Aber das reichte mir nicht. Ich habe immer versucht, die Narbe zu verstecken. Zuerst mit einer Emo-Frisur: Ich habe die Haare so sehr über das Auge gelegt, dass man gar nichts mehr gesehen hat.

Später habe ich mich dann so stark geschminkt, dass die Narbe komplett zugekleistert war. Ich hatte richtig Angst, dass jemand meine Narbe sehen könnte. Es gab keine Fotos von mir, auf denen ich ungeschminkt zu sehen war. Ohne eine Tonne Make-up habe ich mich nicht einmal zum Briefkasten getraut! Dabei hat man sie trotz dem ganzen Make-up gesehen.

Heute zeigst du dich selbstbewusst. Wie kam das?

Als ich 20 Jahre alt wurde hat sich in mir ein Schalter umgelegt. Auf einmal wusste ich, dass es Schlimmeres gibt als eine Narbe. Ich bin gesund und das ist das Wichtigste! Ich habe gelernt, nicht nicht immer so oberflächlich zu sein. Schliesslich kann man auch mit einer Narbe eine tolle Ausstrahlung haben – das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Auch mein Mann und mein dreijähriger Sohn haben mir beim Schritt zu mehr Selbstbewusstsein geholfen, denn sie lieben mich, egal wie ich aussehe. Deshalb habe ich mich akzeptieren können, genauso wie ich bin. Mit, aber auch ohne Schminke.

Das heisst, dass du die Schminke heute nicht mehr so oft brauchst?

Genau. Früher habe ich nicht zu mir selbst stehen können und meine Narbe, aber auch meine Person hinter einer Tonne Make-up versteckt. Es war mein Selbstschutz. Ich habe mich zuerst finden müssen – das hat gedauert, hat aber geklappt. Heute kann ich locker ohne Make-up ins Schwimmbad, was früher undenkbar gewesen wäre. Ich kann auch ungeschminkt ausser Haus. Ich muss nicht mehr stundenlang vor dem Spiegel stehen und darüber bin ich sehr dankbar. Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe.

Elisa arbeitet als Köchin und wohnt in Zürich. In ihrer Freizeit geht die 27-Jährige gerne tanzen, obwohl sie nicht allzu oft dazu kommt, weil ihr dreijähriger Sohn viel Zeit in Anspruch nimmt. Die Momente mit ihren Liebsten sind ihr sehr wichtig. Sie geniesst es vollkommen, Mama sein zu dürfen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, erzähle uns hier von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity:

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