Liebes MTV: Früher warst Du echt mal cool
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Liebes MTVFrüher warst Du echt mal cool

Du hattest gerade Geburtstag, MTV. Den 30. sogar. Und ich habe das runde Jubiläum vergessen! Aber wir haben uns ja auch schon vor Jahren auseinandergelebt. Ein offener Brief von Philipp Dahm.

Liebes MTV

Es gab eine Zeit, da passte kein Blatt Papier zwischen uns. Du warst beileibe nicht nur mein Held – alle in meiner Klasse fanden Dich cool. Wenn Du uns was Neues zeigtest, hörten wir hin. Was Du chic fandest, war auch bei uns «in». Wir haben die Jugend miteinander verbracht, obwohl Du fünf Jahre jünger bist als ich. Und jetzt bist Du 30 geworden – und ich habe Deinen Geburtstag verpasst. Wie konnte es nur so weit kommen? Wir haben uns auseinandergelebt. Gib es zu, MTV: Von unserer jugendlichen Verbundenheit ist nichts geblieben.

Dank Dir wurde das Musikvideo geboren

Natürlich beginnt die Geschichte unserer früheren Freundschaft mit Deinem Übervater Michael Nesmith. Der Musiker der Monkees ist in Australien auf die Idee gekommen, Dich zur Welt zu bringen: Er kupferte eine Clip-Chart-Sendung ab, die er in ferner Flimmerkiste erspäht hatte, nannte sie «Popclips» und schickte das Konzept an diverse US-Sender. Weil Spartenkanäle gerade der letzte Schrei waren und die Jugendlichen noch nirgendwo bedient wurden, wuchs das Sendekonzept zum Senderkonzept. 800 000 Haushalte im US-Bundesstaat New Jersey waren mögliche Zeugen Deiner Geburt am 1. August 1981 in New York. Deine ersten Worte waren bezeichnenderweise «Video Killed the Radio Star».

The Buggles: «Video Killed The Radio Star». Quelle: YouTube

«Discover MTV»: Promotion von 1982. Quelle: YouTube

Du warst nicht nur ironisch, du warst auch ein Pionier. Von Deiner Sorte gab es nicht viele. 168 Musikvideos standen bei Deiner Premiere zur Auswahl, von denen ganze 30 von Rod Stewart waren. Das konnten andere Künstler nicht auf sich sitzen lassen: Ihre Eitelkeit und Deine Geburt haben Meisterwerke und Monumente hervorgerufen. 1983 entstand der legendäre «Kurzfilm» von Michael Jackson namens «Thriller». Ein Jahr später investierte die britische Band Duran Duran schon über eine Million Dollar in ein Video.

Duran Duran: «The Wild Boys». Quelle: YouTube

Der Clip zu «Wild Boys» sieht nicht umsonst aus wie ein Hollywood-Fantasyfilm: Regisseur Russell Mulcahy wollte eigentlich den surrealistischen Roman «The Wild Boys: A Book of the Dead» verfilmen und mit dem dazugehörigen Soundtrack verweben. Verwirklicht hat die Idee dann der Australier 1986 mit «Highlander». Auch die Queen-Clips liefen alsbald auf Deiner Wellenlänge, liebes Geburtstagskind. 1987 besangen Dich gar die Dire Straits in ihrem Hit «Money for Nothing» und wir staunten ob der neuesten Computerwunder, die im Clip neonfarbene Schweissbänder auf die Körper von Mark Knopfler und Co. zauberten.

Videos, die nicht die Welt, aber die Jugend bedeuten

1987 war auch das Jahr, in dem Du nach Europa gekommen bist. Künstler wie Dieter Meier haben sich für Dich stark gemacht, weil den Schweizer Behörden deine anglo-amerikanische Herkunft nicht geheuer war. Doch gerade die war für uns eine völlig neue Welt. Du zeigtest uns die flippigen Zeichenstrich-Abenteuer in A-has «Take on Me», Peter Gabriels bizarre «Sledgehammer»-Collage, Yellos verträumtes «Race», Freddie Mercurys Staubsauger-Einlagen in «I Want to Break Free» und die düsteren Cheerleader aus Nirvanas «Smells Like Teen Spirit».

Mit Deinem Genre-Wissen konntest Du bei mir Eindruck schinden. Hip-Hop-Grössen wie die Beastie Boys oder Snoop Doggy Dogg sind auch wegen der Clips bei «Sabotage» und «Gin & Juice» Mainstream-tauglich geworden, während Du uns gleichzeitig bei «Yo! MTV Raps» mit frischem Stoff aus den USA versorgt hast. Und neben den bunten Seiten konntest Du so sinnlich sein! Das Model Helena Christensen personifizierte als verführerische Strandnixe das «Wicked Game», Guns N' Roses vergossen Rotwein und Braut-Blut in «November Rain» und weinen wollten wir mit Sinéad O'Connor, dem Trauerkloss-Kopf aus «Nothing Compares to You».

Jugendliches Dreigestirn: Cokes, Kristiane, Coolness

Ich würde Dir an dieser Stelle nicht gerecht, liebes MTV, wenn ich Dich auf Deine damaligen musikalischen Qualitäten beschränken würde. Es gab eine Zeit, da hattest Du zwei Gesichter. Dein männliches Gesicht war Ray Cokes, dessen Art zu moderieren Neuland für mich war. Der Engländer hielt andauernd sein Gesicht kurz vor die Linse, quasselte mit dem Kameramann, redete mitunter Blödsinn und gab das dann aber auch prompt zu. Vor der Kamera. Das war schräg, dreist, neu und witzig – und lange vor Leuten wie Stefan Raab.

Ray Cokes moderiert «Most Wanted» auf MTV anno 1991. Quelle: YouTube

Dein weibliches Gesicht war Kristiane Backer, die weder den britischen Humor ihres Pendants hatte noch seine Schlagfertigkeit. Seine Lässigkeit versuchte die Deutsche durch lockere Wiegebewegungen des Oberkörpers zu imitieren. Aber damals habe ich das alles nicht gesehen, denn ich fand sie so lieblich cool. Heute verstehe ich das wiederum nicht mehr so ganz: Auch ich habe mich verändert, liebes MTV.

Kristiane Backer 1993. Quelle: YouTube

Wann ging es mit uns auseinander? Vielleicht begann es mit «Beavis and Butt-Head» - obwohl wir Dich auch dafür liebten. Damals haben wir auf dem Schulhof nach jeder Folge das knorrige Lachen der limitierten Comicfiguren nachgeäfft und uns totgelacht, während die Mädchen genervt die Augen verdrehten. Von diesem Punkt an entwickelten wir uns in verschiedene Richtungen. Ich habe versucht, meinen pubertären Humor abzulegen. Du hast angefangen, immer mehr Shows und Serien zu zeigen – und immer weniger Videos. Dann und wann hattest Du noch gute Ideen, als Du uns bei «Cribs» Einblick in die Häuser der Stars gegeben hast und bei «Pimp My Ride» aus Rostmühlen Bubenträume gezaubert hast. Doch bei Vox, Kabel 1 oder 3+ wäre das Ganze besser aufgehoben gewesen als bei dir.

Beavis and Butt-Head: «The Great Cornholio». Quelle: YouTube

Mit dem Wachstum schrumpfte die Kreativität. Und dann noch deine inzestuöse Hochzeit mit deiner Schwester Viva: Diese Verbindung hat der Vielfalt Eurer redaktionellen Nachkommen einen Bärendienst erwiesen. Es wurde mühsam mit Dir und Deinem Anhang: Musik kam vor allem von Klingelton-Kaufleuten, die im Werbeblock ihre Ware feilboten.

Heute sehen wir uns kaum mehr. Und wenn doch, kann ich nur müde lächeln. Dating-Spielchen, Pool-Tänzchen, Proll-Bashing – und kaum je guter Ton, geschweige denn eine Note.

Früher gab es noch diese kleinen, aber feinen Einspielfilmchen.

Putzig: Einspieler für MTV Europe 1989. Quelle: YouTube

Fett: Trailer für «MTV Fresh» 1994. Quelle: YouTube

MTV-Skydiver. Quelle: YouTube

Wo sind die kunstvollen Trailer, die lässigen Trendsetter geblieben? Sie haben Dich mit deinem Publikum verlassen! Statt mit dir deinen Dreissigsten zu feiern, feiern sie dieses Jahr mit YouTube den sechsten. Ich wünsche Dir trotzdem alles Gute für die Zukunft. Nachträglich halt, sorry!

Dein Philipp Dahm

Alle weiteren im Text genannten Videos und weitere Musikfilmchen finden Sie unter diesem Link. Ausserdem ist dort ihre Meinung gefragt: Welcher Clip hat Sie geprägt?

www.20min.ch/soundshack/player/?playlistId=7328

Alle Acts können Sie sich in voller Länge in Ihrem anhören.

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