Wahlkampf-Spott: «Führerstorch» scheucht Neonazis auf
Aktualisiert

Wahlkampf-Spott«Führerstorch» scheucht Neonazis auf

Der komische Vogel trägt zwar Scheitel und Hitlerschnauz, dennoch hassen ihn die Rechten: Storch Heinar zeigt Anhängern der deutschen NPD mit viel Wortwitz, wo der Hammer hängt.

von
phi

Sein Buch heisst «Mein Krampf», er hat sich selbst zum «Führerstorch» erklärt und bläst zum medialen Blitzkrieg: «Storch Heinar» mischt den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern auf. Der linke Vogel ist eine Erfindung einiger SPD-Abgeordneter und Jungsozialisten, die mit Humor der nationalistischen NPD die Wähler abspenstig machen will. Der Name des Vogels ist eine Anlehnung an die Modemarke «Thor Steinar», die bei Nazis grossen Anklang findet.

Wie kreativ die Spassguerilla die Rechte aufs Korn nehmen, zeigt ein Blick auf ihre Webseite. Nazi-Parolen wie «Hier marschiert der nationale Widerstand» werden flugs in «Hier marschiert der nationale Viehbestand» umgetextet und auf T-Shirts gedruckt. Andere Textilien zeigen etwa ein «Führerschwein», zu dem geschrieben steht: «Die Ähnlichkeit mit einem toten Schwein ist beabsichtigt». Auch die Zahl 88, die für die Buchstaben HH und als Abkürzung für «Heil Hitler» steht, wurde umgedeutet. «Sensation! Storch Heinar entschlüsselt ‹88›, den geheimen Nazi-Code». Das Bild dazu zeigt eine 88 und das Wort «ArscHlocH».

«Humorvolle Aktionen ärgern sie besonders»

Der Konzern «Media Tex», zu der «Thor Steinar» gehört, beeilte sich Anfang des Monats, den Satire-Vogel ins Visier zu nehmen. Doch die Klage wegen Verunglimpfung wurde Anfang August vom Landgericht Nürnberg-Fürth abgeschmettert. «Ich habe soeben im Nürnberger Modeverbrecherprozess meinen Gegner vernichtend geschlagen», freute sich Storch Heinar auf seiner Webseite. Die Komödienmarke darf nun weiterhin Anti-Nazi-Shirts im Internet verkaufen und sein erklärtes Ziel, die «Modeweltherrschaft» verfolgen.

5000 Plakate von «Storch Heinar» sind in dem nordöstlichen Bundesland aufgehängt worden, von denen einige Vandalismus zum Opfer fielen. Der SPD-Landtagsabgeordnete Mathias Brodkorb, der die Spass-Initiative mit ins Leben gerufen hat, hält hilflose Rechte für die Täter. «Die fühlen sich vom Storch genervt», sagte er der «Welt». Mit intelligentem Witz kann die rechte Szene in Deutschland nicht umgehen, glaubt auch Gudrun Heinrich. «Humorvolle Aktionen ärgern sie besonders, weil sie nicht damit umgehen können », ergänzte die Politikwissenschaftlerin der Universität Rostock in der deutschen Tageszeitung.

Schützenhile durch «Front Deutscher Äpfel»

Ergänzt wird das Wahlkampf-Angebot von «Storch Heinar» durch eine Gemeinde von Gesinnungsgenossen: den «Front Deutscher Äpfel». Unter der Webadresse «Apfelfront.de» wird neben dem Verkauf von entsprechender Kleidung Werbung für das «Minderheitenquartett», das so beschrieben wird: «Wir können sie nicht leiden, weil sie anders sind. Ständig nörgeln sie herum und fordern nimmersatt ihre ‹Rechte› ein: Minderheiten. Doch jedes Kind weiss: Die egoistischen Forderungen der Minderheiten schaden dem Allgemeinwohl, denn sie zersetzen unsere Leitkultur. Das dürfen wir nicht tolerieren!»

Wie gut der beissende Sarkasmus beim deutschen Wähler ankommt, muss nun der Urnengang am 4. September zeigen. Sollte das Volk «Storch Heinar» abstrafen, steht zu befürchten, dass der Vogel seine Mission fortsetzt, der in «Mein Krampf» beschrieben ist: «radikale Vernichtung sämtlicher Eierlikörvorräte und das unaufhörliche Streben nach modischer Weltherrschaft».

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