«Quantum of Solace»: Fünf Gründe, sich den neuen Bond nicht anzusehen …
Aktualisiert

«Quantum of Solace»Fünf Gründe, sich den neuen Bond nicht anzusehen …

… und fünf Gründe dafür. Schneller, härter … besser? Trotz des Presserummels wagt niemand, das Fazit zum neuen Bond-Film zu ziehen. Grund genug, einmal Klartext zu reden.

von
Oliver Baroni

Die Pressevisionierung war gestern. Viel wurde bereits über «Quantum of Solace» geschrieben. Der «härteste Bond aller Zeiten» sei er. Korrekt. Er enthalte «mehr Schweiz» als die bisherigen Filme. Wirklich? Der Geheimagent sei «ein harter Kämpfer, aber kein Gentleman». Jein.

Um es gleich vorwegzunehmen: «Quantum of Solace» ist ein Kompromiss. Ein Arthouse-Regisseur soll ein Traditionsunternehmen umwälzen und liefert einen Action-Streifen ab. Nur logisch, dass das Resultat durchzogen ist. Beginnen wir mal mit dem Guten ...

«Quantum of Solace» – fünf Pluspunkte:

1. Anatole Taubmann – Wie viel Swissness ist in QOS drin? Im Vergleich zu «Goldfinger» oder «On Her Majesty's Secret Service», das zum grössten Teil in der Schweiz spielt, herzlich wenig: Ein Schweizer Regisseur (der eigentlich Deutscher ist) und Anatole Taubmann. Letzterer ist grossartig. Der Zürcher Schauspieler macht als Elvis, dem Schergen von Ober-Bösewicht Dominic Green, schlicht und einfach Spass. Obwohl er als Schurken-Unterhund eine eher kleine Rolle spielt, zieht er die Blicke stets auf sich. Der Status als Blickfang des 22. Bond-Films ist ihm bereits jetzt sicher. Und dass er in seiner Einführungsszene zwei Sätze Schweizerdeutsch spricht, ist ein netter Insiderwitz zwischen ihm und Marc Forster. Und der gesamten Schweizer Bevölkerung.

2. Gemma Arterton – Anders als das hölzerne Modepüppchen Olga Kurylenko ist das zweite Bond-Girl, die britische Schauspielerin Gemma Arterton, eine wahre Pracht. Schon auf den Pressefotos als Beauty erkennbar, entfaltet sie sich auf der Leinwand zur Filmikone sondergleichen und haucht ihrer etwas dünn geschriebenen Figur erstaunlich viel Leben ein. Schändlich, dass sie nach wenigen Minuten Leinwand-Zeit so früh abgemurkst wird.

3. Daniel Craig – Ja. Daniel Craig ist immer noch der grossartige Bond aus «Casino Royale». Trotz aller Härte hat er der Bond-Figur einiges an Subtilität abgerungen. Und: Ausatmen, Mädels! Craig ist wiederum oben ohne zu sehen.

4. Marc Forster on Location – Die Toskana, Haiti, die Wüste von Bolivien: Die Location-Sets von QOS sind Filmhandwerk vom Feinsten. Jeder Shot ist ein Gemälde. Tja, das kann er, der alte Arthouse-Filmer Forster.

5. Judi Dench – Die Grande Dame des britischen Theaters als MI6-Chefin «M» zu casten, war eine der besten Entscheidungen in der Geschichte der Bond-Franchise. Die menschliche Ader einer taffen Geheimdienstchefin glaubwürdig rüberzubringen – das kann nicht jede.

«Quantum of Solace» – fünf Minuspunkte:

1. Olga Kurylenko – Ob marketingtechnische Überlegungen hinter der Wahl der Ukrainerin für die weibliche Hauptrolle standen, bleibt mal dahingestellt. Natürlich gilt es, den rasant wachsenden russischen Markt zu berücksichtigen, und das Ex-Model macht optisch eine gute Figur, wie es sich für ein Bond-Girl gehört. Doch trotz sichtlichem Bemühen ihrerseits um schauspielerischen Tiefgang bleibt ihre Filmfigur erstaunlich flach. Allzu oft wähnt man sich in den Szenen mit Kurylenko in einem aufwändig inszenierten postmodernen Modeclip.

2. Ein Quantum zu wenig Bond – Schon bei «Casino Royale» war das Vorhaben offensichtlich, einen Neuanfang zu wagen und alte Zöpfe abzuschneiden. Beim letzten Bond-Film glückte dies vortrefflich. Daniel Craig schaffte das Kunststück, die anfänglich sehr skeptische Bond-Fangemeinde vollends zu begeistern. Niemand vermisste das Fehlen von «Q» und seinen Gadgets. QOS knüpft in dieser Hinsicht leider dort an, wo Casino Royale zu Recht aufhörte. Noch mehr, scheint es, will man nun Bond neu definieren und von alten Mustern befreien. Ein löbliches Vorhaben, doch dass man deswegen gleich auf klassische formelle Elemente verzichtet, ist ebenso schade wie unnötig. Kein Pistolenlauf-Vorspann (der wird lieblos an den Schluss geklebt), keine Bond-Melodie während den Action-Szenen. Mehr noch: Das Elegante, Lässige, Mondäne – das Bond-Markenzeichen schlechthin - fehlt schmerzlich.

3. Jason Bourne lässt grüssen - Sowohl der Stunt-Koordinator und Second-Unit-Regisseur von QOS arbeiteten an der «Bourne»-Trilogie. Das merkt man. Leider. Viel zu schnell geschnitten, die Action-Szenen, viel zu nahe dran, die Kamera. Wenn schon alle Stunts reell gefilmt werden, wäre es doch schön, diese auch mitzubekommen. Stattdessen wird der Zuschauer von einem Glas splitterndem, Knochen brechendem Wirrwarr zum andern gehetzt. So sehr, dass dem Hölleninferno der Schlussszene jegliche Imposanz abgeht.

4. Gadgets – Nein, Bond bekommt kein schwimmendes Auto und keinen Düsenrucksack. Er begnügt sich mit Handy, Pistole und Messer. So weit, so gut. Der neue Bond ist ja bekanntermassen härter, asketischer. Umso aufgesetzter wirkt daher die Demonstration von state-of-the-art Computer-Präsentations-Technologie während der Einsatzbesprechung in der MI6-Zentrale: Auf hochglanzpolierten Bildschirmoberflächen werden reihenweise Flash-Applikationen herumjongliert, dass der Informationsgehalt gänzlich verloren geht.

5. Ein Quantum mehr Story – Die Geschichte von QOS besitzt zahlreiche vielversprechende Elemente. Viele werden aber nur im Vorbeigehen berücksichtigt. Ohnehin ist die Storyline etwas sehr fragmentiert, sodass sich der Zuschauer stets hinterfragt, wieso der nun das mit der …? Vielleicht liegt es an der auffallenden Kürze des Films (QOS ist der kürzeste Bond aller Zeiten). Vielleicht werden die Grenzen der Drehbuch-Adaption einer 15-seitigen Kurzgeschichte sichtbar …

«Quantum of Solace» versucht einen weiteren Schritt in Richtung 007-Rundumerneuerung und nimmt Schwächen in Kauf. Ob das Vorhaben, James Bond in Jason Bourne zu verwandeln, beim jüngeren Publikum wirkt, bleibt abzuwarten. Gestandene Bond-Kenner werden bestenfalls mit gemischten Gefühlen den Kinosaal verlassen ... weil:

Wie viele Bond-Fans braucht es, um eine Glühbirne zu ersetzen?

Antwort: Nur einen. Aber mindestens zwölf werden behaupten, die ursprüngliche sei besser gewesen.

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