Hoffnung für 2012: Fünf positive Trends für die Wirtschaft
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Hoffnung für 2012Fünf positive Trends für die Wirtschaft

Mehr Kreativität, mehr Solidarität, mehr Einfluss: Konsumenten erwartet 2012 trotz Krise auch Erfreuliches. Zwar müssen sie mehr teilen, können sich aber auch stärker einbringen.

von
Sabina Sturzenegger

Staatsschuldenkrise, Flutkatastrophen, Atomunfälle – das war 2011. Auch die Ausblicke für 2012 sind rabenschwarz. 20 Minuten Online zeigt, warum das neue Jahr wirklich nur besser werden kann. Die Forschungsleiterin des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI), Karin Frick, und der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx benennen fünf positive Megatrends für 2012.

1. Gemeinsam kaufen und teilen

Wir kennen es bereits von Facebook: «Teilen» heisst die Devise. Das gilt nicht mehr länger nur für Informationen, Gedanken, Musikstücke, Fotos, Videos und Links. Im Jahr 2012 werden wir vermehrt auch Essen, Kleider, Werkzeuge, Autos oder Wohnungen teilen. «Der gemeinsame Konsum, also die geteilte Nutzung - etwa von Bohrmaschinen, Autos, Häusern oder Gärten - wird immer häufiger», sagt Karin Frick. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man braucht nicht alles selber anzuschaffen. Zudem eröffnet das Teilen neue Beziehungen, die wiederum zum Teilen und Tauschen anregen.

So werden auch Ideen wie das Schweizer Carsharing-Modell Mobility weiterentwickelt: Gleich drei grosse deutsche Autohersteller haben gemerkt, dass immer weniger Städter ein eigenes Auto besitzen und finanzieren wollen. Mit car2go (Daimler), Quicar (VW) und DriveNow (BMW) bieten sie flexibles Carsharing in verschiedenen deutschen und bald auch in anderen europäischen Städten an. Schon länger macht auch das Modell für günstiges Übernachten Furore: Mit Couchsurfing und Airbnb kann man zuhause bei Leuten schlafen, die man übers Internet kennen gelernt hat.

Aber auch Kleider und Lebensmittel werden wir künftig vermehrt teilen, statt sie selber zu kaufen und sie dann wegzuwerfen. Die schwedische Bauerngenossenschaft Lantmännen bietet einen «Resten-Dating-Service» an: Übers Internet können Singles ihre vorhandenen Esswaren ausschreiben. So kommen mehrere Leute zusammen, um gemeinsam zu kochen, sich kennenzulernen und zu tafeln.

Die Bereitschaft zum Austauschen sei zwar nicht bei jedem und nicht in jeder Situation gleich gross, sagt Karin Frick. «Gemäss Erfahrung von Tauschdiensten eignen sich jene Dinge am besten, die zwischen 100 und 500 Dollar kosten, leicht transportierbar und unregelmässig im Gebrauch sind.» Deshalb eignen sich auch Kleider zum Tauschen, wie dies die englische Website Closet Swap bereits anbietet. Das GDI beobachtet, dass die Zahl der Online-Dienste, die als Tausch- und Teilbörsen gedacht sind, laufend zunimmt – ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Erscheinung dieses Jahr zum Trend wird.

2. Konsumenten gewinnen an Einfluss

In Zukunft teilen wir nicht nur Wertgegenstände oder Essbares. Es geht auch um Erfahrungen. «Als Konsumenten bewerten wir auch immer öfter gemeinsam», sagt Karin Frick. Diesen Mechanismus kennt die Schweizer Outdoor-Firma Mammut: Sie geriet diesen Sommer in einen «Shitstorm», als es auf Facebook Boykottaufrufe gegen das Unternehmen hagelte. Ähnliches durchlebte kürzlich auch die Deutsche Bank. Ein Sprecher liess in einem Interview über Nahrungsmittelspekulation den Eindruck entstehen, die Menschen in Somalia seien selber für ihre Hungersnot verantwortlich. Die Reaktionen auf Facebook, in Internetforen und Blogs folgten auf dem Fuss - die Bank musste sich rechtfertigen, um ihr Image einigermassen zu retten.

Den Beispielen gemeinsam ist, dass normale Menschen mit wenig finanziellen Mitteln und ohne Parteizugehörigkeit oder besonderen Einfluss etwas bewegen und sich gegen die Macht der Grosskonzerne wehren können. Dieser Trend wird sich 2012 noch verstärken, sagen die Experten.

3. Kleine Anbieter finden neue Kunden

Die Konsumenten werden sich 2012 mehr austauschen – aber nicht nur über ihre Ärgernisse, sondern auch über das Positive. Es werden «Geheimtipps» ausgetauscht und Spezialitäten weiterempfohlen. So gewinnen lokale Produkte und Güter an Wertschätzung, sagt Karin Frick. «Sozial, lokal, mobil heisst die neue Formel für Erfolg im Handel.»

Ein Grund dafür ist, dass die sozialen Medien zunehmend den ganzen Kaufprozess beherrschen. «In der Folge suchen und entscheiden wir in der physischen Welt zunehmend wie im Internet, nämlich auf der Basis von Empfehlungen, Kommentaren und Tipps von Freunden und Bekannten», sagt Frick. Dies stärkt nicht zuletzt lokale Kleinunternehmen, Bauern oder Handwerker, die sonst kein effektives Marketing betreiben können. Über die sozialen Medien eröffnen sich so für sie ganz neue Möglichkeiten, um neue Kunden zu gewinnen.

4. Uns steht der grösste Weltwirtschaftsboom bevor

Die kleinen Erfolge dürften sich aber in diesem Jahr nicht nur auf die westliche Welt oder auf Europa beschränken. So sieht der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx («Das Megatrend-Prinzip. Wie die Welt von morgen entsteht») auch für die weniger entwickelten Länder eine Chance: «In der Welt machen sich gerade mindestens drei Milliarden Menschen auf, durch Fleiss und Ausdauer der Armut zu entfliehen. In China, Brasilien, Indien entstehen jedes Jahr hunderte von Millionen Aufstiege in die globale Mittelschicht.» Zudem, so Horx, werde sich in Asien der Wirtschafts-Boom massiv weiter fortsetzen, «auch wenn es dort einen kurzen Wachstums-Einbruch gibt.» China werde sich im Energie-Bereich «zu einer High-Tech-Nation entwickeln, die es dem Westen in Sachen Ökologie noch zeigen wird».

Auch in Südamerika stehen die Zeichen gemäss Zukunftsforscher Horx weiter auf Boom. Und - erstaunlicherweise - auch auf dem «verlorenen Kontinent» Afrika: «Die politische Lage in immer mehr afrikanischen Ländern stabilisiert sich. In rund 70 Prozent der Länder Afrikas gibt es ein stabiles Wirtschaftswachstum. Das war in der Geschichte Afrikas noch nie der Fall.»

Die Tatsache, dass viele Regionen auf der Welt vom Wirtschaftswachstum profitieren können, lässt für Horx nur einen Schluss zu: «Wir befinden uns im grössten Welt-Wirtschaftsboom der Geschichte.» Die ökonomische Entwicklung greife in immer mehr Ländern, Diktatoren verabschiedeten sich von der Bildfläche, immer mehr Menschen forderten demokratische Rechte.

5. Wir werden kreativer – und klüger

Indes wollen weder Matthias Horx noch Karin Frick die Krise leugnen, sie wollen ihr lediglich das Gute abgewinnen. «Die Krise macht uns kreativer», sagt Frick dazu. Das zeigten die oben genannten Entwicklungen aus dem Bereich der sozialen Medien. Wer weniger Geld zur Verfügung habe, erfinde Dinge wie die Internet-Teilbörsen. «In der Krise entsteht die Notwendigkeit zum Teilen, weil dadurch ein besserer Preis entsteht. So erleben wir hautnah, dass wir gemeinsam stärker sind.»

Matthias Horx sieht das ähnlich: «In der Schuldenkrise ist Sparen ein gutes Mittel, aber man muss gleichzeitig die Produktivität erhöhen, die ökonomische Kreativität steigern. Die menschliche Erfahrung zeigt, dass man manchmal mit weniger Geld klüger wird, dass Spardruck helfen kann, neue Methoden zu erfinden.» Die Krise werde 2012 letztlich in ganz Europa die Haushalte disziplinieren, und gleichzeitig werde Europa näher zusammenrücken. «Es wird eine starke europäische Zentralbank geben, und mehr Koordination in globalen Fragen», hofft er.

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