Chile: Fünf Staudämme und Millionen von Gegnern
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ChileFünf Staudämme und Millionen von Gegnern

Die Chilenen protestieren seit Wochen gegen einen Plan der Regierung, in einem weitgehend unberührten Gebiet fünf Staudämme zu bauen. Präsident Piñera macht sich zunehmend unbeliebt – sogar in seiner eigenen Familie.

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Ein Demonstrant am 21. Mai 2011: Wenn die Energie durch Hidroaysén mal gesichert ist, würde sich keiner mehr kümmern, in unweltverträgliche Energie zu investieren.

Ein Demonstrant am 21. Mai 2011: Wenn die Energie durch Hidroaysén mal gesichert ist, würde sich keiner mehr kümmern, in unweltverträgliche Energie zu investieren.

«Ich bin nicht für Hidroaysén», twitterte Cristóbal, jüngster Sohn des chilenischen Präsidenten Sebastian Piñera, kurz nachdem sein Vater vor der traditionellen Rede an die Nation gross angekündigt hatte, zur Stromerzeugung insgesamt fünf Staudämme an zwei Flüssen in einem bisher weitgehend unberührten Gebiet im südlichen Patagonien zu bauen.

Der 34-jährige Cristóbal Piñera ist mit seiner Protestaktion nicht alleine: Jüngsten Umfragen zufolge sind drei von vier Chilenen gegen das Monsterprojekt, das jahrelang zur Debatte stand und die Unterstützung sowohl des rechten als auch des linken Flügels im Parlament erhalten hatte.

6000 Hektar werden verschwinden

Nur dem Volk passt die Idee nicht: In vielen chilenischen Grossstädten ist es in den letzten zwei Wochen bei Protesten gegen ein Staudammprojekt sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen. Zehntausende Menschen versammelten sich zunächst zu friedlichen Demonstrationen. Doch die Proteste scheinen immer lauter zu werden, je näher der Baubeginn rückt. Denn der Plan sieht vor, dass zwei Flüsse, Baker und Pascua, die teilweise durch patagonische Naturschutzgebiete fliessen, an fünf Stellen aufgestaut werden. Dabei würden knapp 6000 Hektar eines unberührten Gebiets überflutet werden.

Präsident Piñera verteidigt das Projekt mit dem Argument, man könne nicht unbesorgt immer mehr Energie konsumieren, aber die dafür nötige Stromerzeugung blockieren. Wenn Chile weiter so wachsen solle wie in den letzten Jahren, müsse die Stromerzeugung bis 2020 verdoppelt werden, argumentiert er. Chile muss heutzutage 97 Prozent seiner fossilen Brennstoffe importieren. Und spätestens nach dem Unglück von Fukushima ist das Thema Atomkraft im ebenfalls extrem erdbebenanfälligen Chile vom Tisch.

Pro und Contra debattieren

Umweltschützer sehen das anders: Derzeit stammten nur drei Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen, obwohl Chile ein riesiges Potenzial dafür habe, meinen sie. Wenn die Energie durch Hidroaysén gesichert wäre, dann würde sich keiner mehr darum kümmern, in unweltverträgliche Energie zu investieren. Zudem hätten sich die beiden Marktführer, die chilenische Tochter der spanisch-italienischen Endesa und der chilenische Stromversorger Colbón S.A., für das Projekt zusammengeschlossen. Damit würden sie ihre monopolartige Stellung noch ausbauen, behaupten die Kritiker.

Überraschend ist allerdings, dass das Projekt bei den direkt Betroffenen besser ankommt als im restlichen Chile: Hier sprachen sich nur 60 Prozent der Menschen gegen Hidroaysén aus. Denn sie hoffen auf Arbeitsplätze und Entwicklung für ihre Region. Doch das sind nur kurzfristigen Vorteile. Längerfristig bedeutet der Bau der fünf Staudämme in der Region Aysen die Abholzung von 23 000 Hektar Wald, 40 Meter hohen Masten alle 400 Meter und eine Stromstrasse, die insgesamt durch sechs Nationalparks und elf Naturschutzgebiete führt – damit der Mensch in der Stadt reichlich mit Strom versorgt werden kann.

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