29.07.2019 11:46

Gefährliche TemperaturenFür Bauarbeiter soll es ab 33 Grad Hitzefrei geben

Die letzte Hitzewelle hatte für einen Gärtner tödliche Folgen. Gewerkschafter und Ärzte fordern bei grosser Hitze einen Arbeitsstopp im Freien.

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jk/bz/pam
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In Österreich können Bauarbeiter seit diesem Mai ab 32,5 Grad ihre Arbeit niederlegen – sofern der Arbeitgeber das genehmigt. Vorher lag die Grenze bei 35 Grad. Die Unia fordert in der Schweiz nun auch eine Temperaturgrenze für Hitzefrei.

In Österreich können Bauarbeiter seit diesem Mai ab 32,5 Grad ihre Arbeit niederlegen – sofern der Arbeitgeber das genehmigt. Vorher lag die Grenze bei 35 Grad. Die Unia fordert in der Schweiz nun auch eine Temperaturgrenze für Hitzefrei.

Keystone/Jean-christophe Bott
Für einen Landschaftsgärtner im Kanton Freiburg hatte die Arbeit während der Hitzewelle der letzten Woche tödliche Folgen: Er brach laut der «SonntagsZeitung» zusammen und starb kurz danach im Spital.

Für einen Landschaftsgärtner im Kanton Freiburg hatte die Arbeit während der Hitzewelle der letzten Woche tödliche Folgen: Er brach laut der «SonntagsZeitung» zusammen und starb kurz danach im Spital.

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Die Unia hält fest: «Gemäss Informationen von mehreren Quellen erlitt der betreffende Landschaftsgärtner einen Hitzschlag», sagt François Clément, Verantwortlicher für Gesundheit bei der Gewerkschaft Unia. Entsprechende Abklärungen zum Unfallhergang seien noch im Gange.

Die Unia hält fest: «Gemäss Informationen von mehreren Quellen erlitt der betreffende Landschaftsgärtner einen Hitzschlag», sagt François Clément, Verantwortlicher für Gesundheit bei der Gewerkschaft Unia. Entsprechende Abklärungen zum Unfallhergang seien noch im Gange.

Patrick Seeger

Bauarbeiter und Gärtner krampften bei Temperaturen über 35 Grad. Für einen Landschaftsgärtner im Kanton Freiburg hatte die Arbeit während der Hitzewelle der letzten Woche tödliche Folgen: Er brach laut der «SonntagsZeitung» zusammen und starb kurz danach im Spital.

Die Unia hält fest: «Gemäss Informationen von mehreren Quellen erlitt der betreffende Landschaftsgärtner einen Hitzschlag», sagt François Clément, Verantwortlicher für Gesundheit bei der Gewerkschaft Unia. Entsprechende Abklärungen zum Unfallhergang seien noch im Gang. Der lokale Gartenbauverband und die Polizei haben keine Kenntnis von einem Todesfall.

Angesichts dieses Falls und der immer heisseren Sommer müsse die Bau- und Gartenbranche Massnahmen ergreifen, sagt Clément. «Die Hitze ist für die Arbeiter tödlich, gerade auch, weil dann die Unfallgefahr steigt.» Vor den Folgen der Hitze für die Arbeit im Freien warnen auch die Suva sowie ein Arzt (siehe Box).

Meteo Schweiz solle informieren

Clément fordert deshalb eine nationale Temperatur-Obergrenze, bei der die Arbeit im Freien eingestellt werden muss. «Meteo Schweiz sollte künftig informieren, sobald die Temperaturen für die Arbeit im Freien gesundheitsgefährdend sind.» Eine solche Temperatur-Obergrenze wird derzeit in der Waadt diskutiert. «Sobald Obergrenzen gelten, kann man diskutieren, ob diese bei 32 oder 33 Grad angesetzt werden», so Clément.

Auch in Deutschland wird zurzeit über Hitzefrei debattiert: Die Grünen fordern eine gesetzliche Grundlage für Freiluftarbeiter. Die Gewerkschaft IG Bau verkündete jüngst, man verhandle mit der Arbeitgeberseite über Hitze-Ausfallgelder für Bauarbeiter. Wie in der Schweiz gibt es aber keine Temperaturvorgabe, wann vom Arbeitgeber Hitzefrei verordnet werden sollte.

Anders in Österreich: Hier können Bauarbeiter seit diesem Mai bereits ab 32,5 Grad ihre Arbeit niederlegen – sofern der Arbeitgeber das genehmigt. Zuvor lag die Temperaturgrenze bei 35 Grad. Während der arbeitsfreien Zeit erhalten die österreichischen Bauarbeiter 60 Prozent ihres Stundenlohns ausbezahlt.

«Arbeit wegen Hitze zu unterbrechen, wäre unfair»

Laut Meteo Schweiz überstieg die Temperatur in Zürich im Juni und Juli an sieben Tagen die 32,5-Grad-Grenze. Bei einer Regelung wie in Österreich wären also an so vielen Tagen die Baustellen stillgestanden.

Matthias Engel, Sprecher des Schweizerischen Baumeisterverbands, hält nichts von starren Temperaturgrenzen. Hitzefrei würde auf Baustellen neben der zeitlichen Verzögerung auch mit finanziellen Einbussen einhergehen – selbst wenn es Kompensationen des Bundes gebe. Werde ein Bauprojekt später fertig als im Vorhinein vereinbart, drohe eine Konventionalstrafe.

«Es wäre unfair, wenn eine Baufirma die Arbeit wegen Hitze unterbricht und dann eine hohe Busse zahlen muss.» Zudem sei fraglich, ob Gemeinden und Bevölkerung es begrüssen würden, wenn zahlreiche Bauarbeiten länger dauern würden.

Ausfälle müssten bezahlt werden

Die Arbeitgeber ihrerseits fordern Kompensationen, wenn bei Hitze nicht gearbeitet werden kann. Sie wollen, dass die Schlechtwetterversicherung Ausfälle bezahlt. Das ist laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft grundsätzlich möglich.

Gewerkschafter Clément hält Entschädigungen bei Hitzefrei für richtig. Es sei aber klar, dass damit das Einhalten der Mindestmassnahmen zum Hitzeschutz einhergehe, hält er fest. «Es gibt immer noch Arbeitgeber in Baufirmen oder Gartenunternehmen, die ihren Mitarbeitern weder Wasser zur Verfügung stellen noch genügend Pausen gewähren.»

Zeiten sollten angepasst werden

Ihm sei kein Fall von Überhitzung bekannt, so Engel – jeder Einzelfall sei aber einer zu viel. Dennoch müsse festgehalten werden: «Die nachmittägliche Hitze darf nicht unterschätzt werden und Wasser, Sonnencreme sowie genügend Pausenzeit müssten ganztags bereitgestellt werden. Gerade auf dem Bau ist der Winter mit häufigen Niederschlägen und Wetterumschwüngen sowie Stolperfallen wegen Schnee oder Vereisung aber die grössere Herausforderung.»

Die erste Hälfte von Sommertagen biete oft optimale Bedingungen zum Bauen – Sonne, kaum Niederschlag oder Wind. «In Zürich etwa sind lärmintensive Arbeiten zwischen 12 und 14 Uhr untersagt, morgens darf man nicht vor 7 Uhr mit Bauen beginnen. Das sollte angepasst werden.» Wäre es künftig möglich, zwischen 6 und 14 Uhr ohne gesetzliche Einschränkung zu bauen, könnte die grosse Hitze umgangen werden – wie in den südlichen Ländern.

Mehr Unfälle bei Hitze

Laut Suva ereignen sich ab Temperaturen von 30 Grad im Bau- und Transportgewerbe 7 Prozent mehr Unfälle, wie eine Auswertung der Jahre 2000 bis 2015 zeigt. Die Gründe dafür seien Konzentrationsmängel sowie Übermüdung. Wie viele Todesfälle es aufgrund Überhitzung bei der Arbeit gibt, ist nicht klar. Die Suva-Statistik weist unter den Unfallhergängen keine Hitzefolgen aus. In den Zahlen zu den Berufskrankheiten zeigt sich aber: Die Hitze kann auch Krankheiten auslösen. Die Suva registriert pro Jahr in der Kategorie übrige Berufskrankheiten 200 Fälle – darunter auch Hitze- und Kälteschäden.

«Bei 35 Grad draussen arbeiten ist nicht gesund»

Herr Steinmann*, was passiert, wenn Gärtner oder Bauarbeiter bei 35 Grad arbeiten?

Das ist nicht gesund – auch nicht mit Kopfbedeckung und viel Trinken. Der Körper kann den Flüssigkeitsverlust mit Trinken zwar kompensieren, eine Überhitzung kann aber trotzdem eintreten. Dann lässt die Konzentration nach. Man fühlt sich nicht gut und irgendwann wird einem übel. Dann besteht die Gefahr eines Hitzschlags.

Wo liegt die Obergrenze bei den Temperaturen für Arbeiten im Freien?

Das ist individuell, da jeder Mensch anders auf Hitze reagiert. Grundsätzlich sind die Menschen in der Schweiz hitzeempfindlicher als etwa die Menschen im südlichen Europa. Sicher muss man aber die Arbeit anpassen.

Ist es noch vernünftig, bei Temperaturen über 30 Grad draussen körperliche Arbeiten zu verrichten?

Nein. Ohnehin leistet man dann 50 Prozent weniger als bei normalen Temperaturen. Aus medizinischer Sicht sollten Arbeiten, die im Freien verrichtet werden, zwischen 10 und 16 Uhr eingestellt werden. Arbeitgeber dürfen sicher nicht verlangen, dass ihre Angestellten bei brütender Hitze unter der prallen Sonne arbeiten. Ich habe schon Arbeiten auf Baustellen beobachtet, die man bei hohen Temperaturen nicht erlauben dürfte.

*Urs Steinmann ist Facharzt FMH für Innere Medizin und Rheumatologie in Küsnacht ZH.

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