Aktualisiert 28.02.2020 12:13

Mutter nach Gerichtsurteil

«Für Céline waren die Bilder das Schlimmste»

2017 hat sich die 13-jährige Céline wegen Mobbing-Attacken das Leben genommen. Nach der Gerichtsverhandlung vom Mittwoch äussert die Mutter nun via Facebook ihr Unverständnis.

von
viv
1 / 7
Am 28. August 2017 nahm sich Céline Pfister das Leben. Zuvor war die 13-Jährige aus Spreitenbach AG im Internet massiv gemobbt worden.

Am 28. August 2017 nahm sich Céline Pfister das Leben. Zuvor war die 13-Jährige aus Spreitenbach AG im Internet massiv gemobbt worden.

Ihr Peiniger, der heute 17-jährige Ex-Freund, musste sich am Mittwoch vor dem Jugendgericht Dietikon dafür verantworten.

Ihr Peiniger, der heute 17-jährige Ex-Freund, musste sich am Mittwoch vor dem Jugendgericht Dietikon dafür verantworten.

Keystone/Walter Bieri
Davor hielten vier Freundinnen von Céline im Alter von 18 bis 20 Jahren eine Mahnwache vor dem Gebäude.

Davor hielten vier Freundinnen von Céline im Alter von 18 bis 20 Jahren eine Mahnwache vor dem Gebäude.

Die 13-jährige Céline Pfister aus Spreitenbach nahm sich 2017 das Leben, nachdem sie auf Instagram und Snapchat gemobbt worden war. Wegen Nötigung und mehrfacher Pornografie verurteilte das Jugendgericht Dietikon am Mittwochnachmittag ihren heute 17-jährigen Peiniger zu einem Arbeitseinsatz von sieben Tagen. Davon muss er vier Tage leisten. Die restlichen drei werden nur fällig, falls er sich innerhalb eines halben Jahres etwas Neues zuschulden kommen lässt. Dazu ordnete das Gericht eine «persönliche Betreuung» durch eine Sozialarbeiterin an. Der Prozess vor dem Jugendgericht fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur zugelassene Journalisten durften an den Plädoyers des Jugendanwalts und des Verteidigers teilnehmen.

Am Donnerstag, einen Tag nach der Gerichtsverhandlung, nimmt Célines Mutter auf Facebook Stellung. Aufgrund des öffentlichen Interesses wolle sie schildern, was in- und ausserhalb des Gerichtssaales passiert sei. «Wir haben uns vorbereitet, ihn wieder zu sehen, die gleiche Luft wie er ein- und ausatmen zu müssen», beginnt sie ihre Nachricht. Sie habe während der Verhandlung in der dritten Reihe hinter dem Peiniger ihrer Tochter gesessen. «Viermal war leise, aber bestimmt ‹Sauhund› im Saal zu hören, ich konnte es mir nicht verkneifen, immer dann, wenn sie von seinen Penisfotos und der Pornografie auf seinem verfickten Handy sprachen», schreibt sie weiter. Während des Plädoyers des verteidigenden Anwalts habe sie den Raum verlassen.

Gericht empfindet Bilder als harmlos

In der Pause sei es zudem zum Augenkontakt mit der Mutter des Verurteilten gekommen: «Sie sendete uns vernichtende Blicke zu, anstatt sich in Grund und Boden zu schämen.» Nach der Verhandlung habe sie ausserdem den Freunden Célines den Mittelfinger gezeigt. Diese trafen den 17-Jährigen am Hinterausgang des Gerichts und konfrontierten ihn mit den Worten: «You know how it works, gäll?» Es ist eine Anspielung auf eine Whatsapp-Nachricht, die der Junge 2017 an Céline schickte, nachdem er sie auffordert hatte, ihm erotische Fotos zu schicken. Laut Célines Mutter antwortete dieser mit einem Grinsen und erhobenem Daumen: «Yes, I know how it works.»

«Was haben wir gelernt? Was hat das Gericht getan und was nicht? Was, wenn Täter feiern und es bald dein Kind betrifft?», fragt sie in ihrer Facebook-Nachricht weiter. Das Gericht habe die Bilder von Céline als harmlos und nur erotisch empfunden. Für ihre Tochter sei es aber das Schlimmste gewesen. «Denn tote Mädchen lügen nicht», beendet sie den Post. Célines Eltern kämpfen für Gerechtigkeit. Hätten sie das nötige Kleingeld, würden sie den Fall auch vor das Bundesgericht ziehen.

Gesetzesangleichung gefordert

Sie fordern eine Angleichung der Gesetzgebung an Österreich, um Opfer von Cybermobbing besser zu schützen. Unser Nachbarland hat 2016 einen entsprechenden Gesetzesartikel eingeführt. Seither gehen gestützt darauf rund 300 Anzeigen pro Jahr ein. Das Opfer muss dabei in der Lebensführung unzumutbar beeinträchtigt werden. Hat die Tat einen Suizid oder einen Suizidversuch zur Folge, ist eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vorgesehen.

Fehler gefunden?Jetzt melden.