Pierin Vincenz: Für den Banker-Rockstar wirds gefährlich
Aktualisiert

Pierin VincenzFür den Banker-Rockstar wirds gefährlich

Die Raiffeisen-Bank reiht Erfolg an Erfolg, ihr Chef ist der Überflieger der letzten Monate. Doch Pierin Vinzenz geht mit der ehemaligen Bauernbank grosse Risiken ein.

von
Lukas Hässig
Er wollte eigentlich Koch werden: Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz.

Er wollte eigentlich Koch werden: Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz.

Er tanzt auf allen Bühnen. Pierin Vincenz, 55 Jahre alt und Chef der Raiffeisen-Gruppe, beherrscht derzeit die Schweizer Banken-Szene wie kein Zweiter. Von den Wegelin-Partnern um Konrad Hummler kaufte er die Notenstein Privatbank, in den Medien fällt er mit dem Ruf nach dem automatischen Informationsaustausch den Banker-Kollegen in den Rücken, und mit seiner Raiffeisen verkündet er am Freitag: «Wir sind weiter auf Erfolgskurs».

Ist Vincenz ein Held? Oder ist er einer jener Banker, die, wie Marcel Ospel ab dem Jahr 2005 bei der UBS, oder - auf tieferem Niveau – Hans Vögeli bei der Zürcher Kantonalbank, immer stärker abgehoben sind?

Liebe zum Rampenlicht

«Ich bin der Pierin, ein zugänglicher Mensch, offen für neue Sachen, und geniesse manchmal auch das Leben», sagt Vincenz im TV-Interview mit Roger Schawinski. «Was wolltest Du werden?», hakt der Roger nach. Koch, meinte Vincenz, auch Banker sei mal ein Thema gewesen.

Darauf blendet Schawinski ein Vincenz-Zitat ein. «Dieses Gefühl, auf der Bühne vom Publikum bejubelt zu werden, schien mir erstrebenswert», sagte der Top-Banker einst. «Ja, ich habe es eigentlich noch gerne gehabt, so im Rampenlicht zu stehen», meint Vincenz darauf - und lächelt verschmitzt.

Wenn Vicenz nun an einer regionalen Raiffeisen-Genossenschafts-Versammlung vor Hunderten oder manchmal auch Tausenden von Teilnehmern auf der Bühne steht, muss es dem Bündner vorkommen, als ob sich sein Traum einer Karriere im Showbiz erfüllt hätte: Rockstar Vincenz.

Gejohle und Gelächter aus unzähligen Kehlen, dazu tobender Applaus und stampfende Füsse: Raiffeisen-Jahresversammlungen erinnern im Vergleich zu Grossbanken-GVs in unterkühlten Kongresshallen an das Münchner Hofbräuhaus während des Oktoberfests.

Vincenz liebt das Gaudi und das Rampenlicht, da ist er seinem Element. Der grosse Bühnenauftritt liegt ihm im Blut. Für seine Raiffeisen hat das Gutes – und weniger Gutes.

Gross und gefährlich

In einem Jahrzehnt Vincenz verwandelte sich ein loser Verbund von über Tausend regionalen Minibanken in die dritte Kraft des Schweizer Finanzplatzes, die der Konkurrenz einheizt. Im Gegenzug wird Vincenz mit seiner Raiffeisen zum Risikofaktor für den Schweizer Finanzplatz.

Unter Vincenz' Ägide ist die Bilanzsumme der ehemaligen Bauernbank explodiert. Von 2002 bis 2011 schnellten die Aktiven und Passiven in einem Jahrzehnt um 68 Prozent hoch, von 93 Milliarden auf 156 Milliarden Franken. Bei der UBS betrug der Anstieg von 1998 bis zur Finanzkrise im 2007 141 Prozent.

Heisst höhere Bilanz auch im Fall Raiffeisen mehr Risiken? Das Wachstum fusst auf einer aggressiven Hypotheken-Strategie. Unter Vincenz hat sich die Raiffeisen-Gruppe als grosszügige und preislich attraktive Alternative zu den beiden Grossbanken und den lokalen Kantonalbanken einen Namen gemacht.

Das hat sich ab 2008 akzentuiert. Als viele Kunden ihre Gelder bei der UBS abzogen, wechselten sie statt zur zweiten Grossbank Credit Suisse zur Raiffeisen-Gruppe oder zu einer anderen lokal verankerten Bank, die dem globalen Finanzsturm weniger ausgeliefert schien.

Nicht mit dem forschen Umsatzbolzen mithalten konnte der Gewinn. Dieser stieg von 2002 bis 2011 um 39 Prozent, nur gut halb so stark wie die Bilanzsumme. Will heissen: Unter Vincenz kaufte sich die Raiffeisen mit aggressiver Preispolitik Marktanteile zulasten des Gewinns.

Grosses Zinsänderunges-Risiko

Solange keine Immobilienblase platzt, halten sich die Risiken für die Raiffeisen in Grenzen. Wenn dieser Fall eintritt, könnte es für Vincenz und seine Bank aber gefährlich werden.

Die über tausend regionalen Banken in allen Landesteilen verfügen über eine grosse Autonomie. Sie können bis zu einem gewissen Grad selbst entscheiden, wie stark sie ihre Zinsrisiken – gemeint ist die Differenz zwischen Zinsaufwand für Spareinlagen und Zinsertrag für Kreditvergaben – in der Raiffeisen-Zentrale in St.Gallen absichern wollen.

Sollten die Zinsen plötzlich scharf drehen, könnte das die Raiffeisen auf dem falschen Fuss erwischen. Viele Hypo-Zinsen sind auf Jahre fest gebunden, die zu bezahlenden Zinsen auf die Kundeneinlagen müssten sofort an die neue Zins-Landschaft angepasst werden.

Nachschusspflicht für Genossenschafter

Das Risiko tragen die Genossenschafter. Sie haften nicht nur mit ihrem bereits einbezahlten Genossenschaftskapital, sondern haben darüber hinaus eine gewisse Nachschusspflicht.

Würde die Raiffeisen wegen dem scharfen Wachstumskurs von Vincenz dereinst in Not geraten, könnte die Nachschusspflicht zum Tragen kommen. Dann dürfte an den lustigen Jahresversammlungen ein anderer Wind wehen – und der derzeit gefeierte Rockstar wohl ausgebuht werden.

Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz erzählt im Video-Interview, weshalb er von der Bankervereinigung «eins auf den Deckel» bekommen hat.

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