Tag der guten Tat: Für den Tierschutz gab Esther alles auf

Aktualisiert

Tag der guten TatFür den Tierschutz gab Esther alles auf

Die Tierschützerin Esther Geisser engagiert sich unermüdlich gegen das Katzenelend in der Schweiz. Dafür hat sie einige Opfer gebracht.

von
Bettina Zanni

Im Tierheim Strubeli findet Netap-Präsidentin Esther Geisser immer ein Plätzchen für gerettete Katzen. (Video: S. Brazerol)

Einmal mehr kommt Esther Geisser die Galle hoch. Zwei Millionen Katzen hat die australische Regierung zu töten begonnen. Damit will der Kontinent bis 2020 die streunenden Wildkatzen in den Griff bekommen. «Diese Ignoranz macht mich wütend. Obwohl es mit der Kastration längst eine nachhaltige und tiergerechte Methode gibt, wird getötet», regt sich die Tierschützerin in ihrem Büro in Esslingen ZH auf.

Katze Sima, einst von ihr als 700 Gramm leichtes Häufchen Elend gerettet, kuschelt sich derweil in ein Bettchen auf Geissers Pult. Für einen kurzen Moment weicht der Zorn aus ihren Augen. «Für Sima ist das Leben ein Ponyhof. Sie bringt mich täglich zum Lachen», sagt Geisser.

«Bleiben dran, bis wir jede Katze eingefangen haben»

Aber auch die Schweiz steckt laut Geisser in einem tiefen Katzenelend. Seit Jahrzehnten – und seit 2008 als Präsidentin von Network for Animal Protection (Netap) – kämpft sie dagegen an. Mit vielen Volontären steht sie täglich im Einsatz gegen Tierleid und insbesondere das Katzenelend, in und ausserhalb der Schweiz (siehe Box). Auf Bauernhöfen, in Siedlungen und in Schrebergärten fangen sie unermüdlich unkastrierte herrenlose Katzen ein.

Dafür harren die Tierschützer manchmal tagelang an einem Ort aus. «Wir bleiben dran, bis wir jede Katze einer Kolonie eingefangen haben», sagt Geisser. Weit über 10'000 Katzen hat Netap in Form von Massenkastrationen schweizweit unfruchtbar machen können. International sind es über 110'000 Katzen und Hunde.

Jede Faser des Körpers schmerzt

Doch das Katzenelend ist noch lange nicht aus der Welt geschafft. «Es gibt Momente – insbesondere, wenn man im Stehen schlafen könnte und einen jede Faser des Körpers nur noch schmerzt –, da hat man echt Mühe, die Zuversicht und den Glauben an die Menschheit nicht gänzlich zu verlieren...» Diesen Satz postete Geisser, als sie kürzlich an ihre Grenzen kam. «Es gibt immer noch so viele uneinsichtige Leute, die ihre Katzen wegen des Jöö-Effekts junger Büsi oder aus purer Gleichgültigkeit nicht kastrieren», sagt Geisser dazu.

Nicht alle Katzenhalter schätzen das Engagement der Tierschützerin. «Natürlich werden wir auch mal bedroht, aber das hält uns nicht davon ab, weiterzukämpfen.» Viel Hoffnung gibt ihr die 2018 mit über 115'000 Unterschriften eingereichte Petition, die eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen fordert. «Gerade die Schweiz könnte mit einer Kastrationspflicht eine Vorbildfunktion einnehmen.»

Enttäuschend sei, dass sich bisher nur 58 Parlamentarier dafür ausgesprochen haben. «Von den anderen Politikern werde ich gar nicht angehört. Sie wollen vom Problem nichts wissen.» Wird die Politik nicht aktiv, schliesst Geisser eine Volksinitiative nicht aus. «Aufgeben werde ich bestimmt nicht, das liegt mir nicht», sagt sie bestimmt. Dann springt sie zum dritten Mal auf – Katze Sima hat soeben wieder versucht, sich auf Geissers Bürostuhl die Krallen zu wetzen.

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Seit Jahrzehnten, seit 2008 als Präsidentin von Network for Animal Protection Netap, kämpft Esther Geisser gegen das Katzenelend.

Seit Jahrzehnten, seit 2008 als Präsidentin von Network for Animal Protection Netap, kämpft Esther Geisser gegen das Katzenelend.

bz
«Für Sima ist das Leben ein Ponyhof. Sie bringt mich täglich zum Lachen», sagt Geisser.

«Für Sima ist das Leben ein Ponyhof. Sie bringt mich täglich zum Lachen», sagt Geisser.

bz
Dass sie ihr Leben den Tieren verschreiben wird, zeichnete sich bereits in ihrer Kindheit ab. «Als ich mit fünf merkte, dass das Fleisch nicht an Bäumen wächst, ass ich kein Fleisch mehr», sagt die Veganerin.

Dass sie ihr Leben den Tieren verschreiben wird, zeichnete sich bereits in ihrer Kindheit ab. «Als ich mit fünf merkte, dass das Fleisch nicht an Bäumen wächst, ass ich kein Fleisch mehr», sagt die Veganerin.

bz

Karriere an den Nagel gehängt

Hat Geisser etwas aufgegeben, dann immer zugunsten der Tiere. Um neben dem Studium noch genügend Zeit für ihre ehrenamtlichen Tierschutzprojekte zu haben, entschied sie sich gegen ein Veterinärmedizinstudium. «Ich wäre gerne Tierärztin geworden, aber dieses Studium ist zeitintensiver als ein Jurastudium. Und Jus ist im Tierschutz ebenso wertvoll.»

Auch ihre Karriere als Personalchefin eines internationalen Finanzunternehmens hängte sie für die «schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft» an den Nagel. 2014 entschied sie, sich vollständig Netap zu widmen. «Ich tauschte meine High Heels gegen Gummistiefel und die Teppichetage gegen den Stall, inklusive Schwielen an den Händen und eingerissene Fingernägel», sagt sie lachend. Auch bei der Kinderfrage wollte sie sich auf keinen Deal einlassen: «Jemand hätte gelitten – entweder das Kind oder die Tiere.»

Arbeiten ohne Pause

Nun dreht sich ihr Leben sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr um den Tierschutz. «Das heisst aber auch, dort anzupacken, wo andere wegschauen.» Netap setze dort an, wo das Elend fast nicht zu ertragen sei. «Und dafür verwenden wir schliesslich auch die uns gespendeten Gelder vollumfänglich.»

Das Tierelend einmal zur Seite zu schieben, ist für Geisser schwierig. «Meine letzten richtigen Ferien hatte ich vor acht Jahren.» Ihre kurzen Aufenthalte im Tierrefugium von Netap in der Nähe von Oldenburg in Deutschland bezeichnet sie als Ferienersatz: «Auf dem Hof bin ich umgeben von Freunden und von geretteten Tieren – also von ausschliesslich positiver Energie», sagt die 50-Jährige, die eine jugendliche Frische ausstrahlt.

Brief an den Papst

Dass sie ihr Leben den Tieren verschreiben würde, zeichnete sich bereits in ihrer Kindheit ab. «Als ich mit fünf merkte, dass das Fleisch nicht an Bäumen wächst, ass ich kein Fleisch mehr», sagt die Veganerin. Mit sieben Jahren rettete sie beim Spielen auf einem Bauernhof ihr erstes Tier – ein Kätzchen. «Die Bäuerin sagte, dass dieses wie die anderen Kätzchen auch ertränkt werde, wenn der Bauer es sehe. Also nahm ich es mit.»

Später folgten Unterschriftensammlungen und Protestbriefe zum Beispiel gegen Tierversuche, Tiertransporte und brutale Pferderennen. «Mit zehn schrieb ich auch dem Papst und forderte, dass er sich doch bitte mehr für die Tiere einsetzen solle.»

Und viele Jahre später entdeckt man auf Geissers Facebook-Profil einen herzerwärmenden Post. Darin beschreibt sie, wie ein krebskranker Vater vier Wochen vor seinem Tod seine Tochter zu sich gerufen hat. «‹Tochter›, sagte er, ‹nie in meinem Leben ist mir ein Mensch begegnet, der mit einer solchen Überzeugung für etwas eingestanden ist wie du für die Tiere. Du musst mehr daraus machen. Es ist deine Bestimmung.›»

Sehen Sie im Video, wie eine Kastration abläuft:

Kastration gegen Katzenelend

In Biel-Benken wurden vergangenes Wochenende rund 40 herrenlose Katzen kastriert. Die Tierschutzorganisation Netap kämpft dadurch gegen das schweizweite Katzenelend an.

Dieser Artikel ist im Rahmen des «Tag der guten Tat» entstanden. Mehr Infos dazu gibt es hier.

Gemeinsam mit Partnern wie dem Schweizerischen roten Kreuz und WWF hat Coop den «Tag der guten Tat» ins Leben gerufen. Dieser soll Menschen in der ganzen Schweiz animieren, Gutes zu tun.

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Alle geteilten Inhalte sowie weitere Informationen zum «Tag der guten Tat» findest du hier.

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