Nationalbank: Für die SNB geht ein turbulentes Jahr zu Ende
Aktualisiert

NationalbankFür die SNB geht ein turbulentes Jahr zu Ende

Hildebrand-Rücktritt, Euro-Mindestkurs, Devisen-Berg: Die Schweizer Währungshüter haben stürmische Zeiten hinter sich. Morgen ziehen Thomas Jordan & Co. Bilanz.

Thomas Jordan hat sein erstes Präsidialjahr hinter sich.

Thomas Jordan hat sein erstes Präsidialjahr hinter sich.

Das stürmischste Jahr in ihrer jüngeren Geschichte geht für die Nationalbank unspektakulär zu Ende. Ein Kurswechsel wird von der morgigen Lagebeurteilung der Währungshüter nicht erwartet. Von «Business as Usual» ist die Schweizerische Nationalbank (SNB) allerdings weit entfernt, wenn Thomas Jordan und seine beiden Kollegen im dreiköpfigen Direktorium am Donnerstag vor den Medien in Bern Bilanz ziehen.

Neben Präsident Jordan und Vizepräsident Jean-Pierre Danthine wird erstmals die neue Nummer 3 der Notenbank sitzen: Fritz Zurbrügg. Der Bundesrat hatte ihn zwar bereits im vergangenen April gewählt. Der Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung musste vor dem Wechsel in die SNB aber noch den letzten Schliff am Budget des Bundes anbringen. Zurbrüggs Stuhl blieb deshalb an der Juni-Medienkonferenz der Nationalbank noch leer.

Sturz des Stars

Die Episode erinnert an die Ereignisse, die das Institut zum Jahresbeginn erschütterten. Der damalige Präsident Philipp Hildebrand schied am 9. Januar unter Druck widersprüchlicher Informationen über seine privaten Devisengeschäfte per sofort aus. Die Nationalbank verlor damit jenen Mann, dem zugetraut wurde, der Schweiz und ihrem Finanzplatz auf der internationalen Bühne mehr Resonanz zu verschaffen – auch dank seinem Renomée.

Der weltweit beachtete Sturz fiel mit einer der heikelsten Phasen der Geldpolitik der letzten Jahrzehnte zusammen. Vier Monate zuvor hatte die Nationalbank im Kampf gegen die Aufwertung des Frankens die Notbremse gezogen und für den Euro einen Mindestkurs von 1,20 Franken eingeführt.

Negativzinsen wieder im Gespräch

Nicht zur Beruhigung der Situation trug der Bundesrat bei. Er liess sich bis im April Zeit, um den designierten Hildebrand-Nachfolger Thomas Jordan formell zum SNB-Präsidenten zu ernennen. Unterdessen setzte in der krisengeschüttelten Eurozone neue Fluchtbewegungen in Richtung Franken ein. Die Währungshüter waren erstmals richtig gefordert, um die Euro-Untergrenze zu verteidigen. Die Zusicherung der SNB, notfalls unbeschränkt Devisen zu kaufen, wurde getestet. Die Folge: Von April bis September wuchs der Devisen-Berg der Nationalbank um vier Fünftel auf astronomische 429 Milliarden Franken.

Was ist nun von der neuen Lagebeurteilung der SNB-Spitze zu erwarten? Für einige Aufregung an den Devisenmärkten sorgte in den vergangenen Wochen die Nachricht, dass die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS auf grossen Frankenguthaben, die andere Banken in bar bei ihnen deponieren, neu Gebühren erheben. Der Euro entfernte sich in der Folge ein wenig vom Mindestkurs und legte um rund einen Rappen zu, auf gut 1,21 Franken. Hinzu kamen Gerüchte, die Nationalbank könnte die Grossbanken zu diesem Schritt ermuntert haben und erwäge selber die Einführung von Negativzinsen auf Frankenguthaben.

Mindestkurs kein Allheilmittel

Für Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, steht fest: «Die Negativzinsen können Wirkung haben». Das schreibt der geldpolitische Vordenker der Gewerkschaften, der auch im Bankrat der Nationalbank sitzt, in seinem Blog. Auf den Devisenmärkten wurde auch spekuliert, die Nationalbank könnte den Euro-Mindestkurs auf 1,25 Franken erhöhen. Die Forderung nach einer Heraufsetzung der Kurs-Untergrenze ist ein altes Anliegen der Gewerkschaften. Vor Jahresfrist erhielt sie auch Sukkurs aus Wirtschaftskrisen und wurde zum Beispiel vom damaligen Economiesuisse-Präsidenten Gerold Bührer als Weihnachtswunsch an die Nationalbank formuliert.

Doch solche Wünsche werden wohl auch dieses Jahr unerfüllt bleiben. Jordan hatte schon Ende April bei seiner ersten Präsidialansprache vor den SNB-Aktionären deutlich gemacht, dass der Mindestkurs nicht auf Knopfdruck geändert werden kann. «Diese Massnahme ist (...) weder ein Allheilmittel, das sämtliche Probleme der Schweizer Wirtschaft lösen kann, noch ist sie einfach und risikolos für jedes gewünschte Niveau umsetzbar», sagte der oberste Währungshüter. Hinzu kommt, dass sich die Schweizer Wirtschaft erstaunlich gut schlägt und von einer neuen Rezession verschont blieben dürfte. Auch von da her drängt sich also kein höherer Mindestkurs auf.

Zieht die SNB die Hypothekenbremse?

Während in der Geld- und Währungspolitik keine Umwälzungen zu erwarten sind, wird die Einschätzung der Nationalbank zur Lage auf dem Immobilienmarkt mit einiger Spannung erwartet. Seit Mitte Jahr verfügen die Stabilitätshüter nämlich über ein neues Instrument, um einer Blasenbildung vorzubeugen. Es geht um den sogenannten antizyklischen Kapitalpuffer, mit dem von den Banken vorübergehend höhere Eigenmittel für die Vergabe von Hypothekarkrediten vorgeschrieben werden können. Im Sommer kündigte die Nationalbank an, diesen Pfeil gegen die Überhitzung auf dem Immobilienmarkt bis Ende Jahr im Köcher zu behalten. In der Hoffnung, die Selbstbeschränkung der Banken führe zu einer Beruhigung. Nun wird eine neue Lagebeurteilung erwartet. Das letzte Wort zur Auslösung des zusätzlichen Eigenmittelpuffers hat der Bundesrat, dem die SNB nach Konsultation der Finma Antrag stellen muss. (bb)

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