Aktualisiert 27.11.2009 19:53

Schweinegrippe

Für die wahren Seuchen will keiner zahlen

Seit Mai sind weltweit gegen 8000 Menschen an der Schweinegrippe gestorben. Die Industriestaaten haben Milliarden in die Entwicklung eines Impfstoffs gesteckt. Für die wahren Geisseln der Menschheit fehlt das Geld aber an allen Ecken und Enden.

von
Katharina Bracher

Die Bilanz von Christophe Fournier nach einem halben Jahr Schweinegrippe-Panik klingt bitter: «Für uns war schockierend zu sehen, mit wie viel Geld und Technologie-Einsatz die Herstellung des Impfstoffs gegen die Schweinegrippe in den Industrienationen vorangetrieben wurde», sagte der Chef von Médecins sans Frontières (MSF) kürzlich gegenüber dem britischen Fernsehsender BBC, «während für die Erforschung von Tuberkulose und Malaria kaum jemand Geld ausgeben will».

Fournier versucht seit Jahren, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen für die Tatsache, dass die weltweiten pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen zwar ansteigen, der Anteil für die Bekämpfung von Killer-Krankheiten wie Malaria oder Tuberkulose jedoch verschwindend gering ist.

Ein Tuberkulose-Toter ist keine Meldung wert

Eine einfache Rechnungsart, um aufzuzeigen, wie sehr das H1N1-Virus in der westlichen Hemisphäre im Rampenlicht steht, demonstrierte der schwedische Professor Hans Rosling kürzlich auf gapminder.org, einer Statistikplattform im Internet: Er untersuchte, wie oft auf Google News über Schweinegrippe- respektive Tuberkulose-Tote berichtet wird. Das Ergebnis: «Über ein Todesopfer, das an der Schweinegrippe gestorben ist, wird im Durchschnitt 8176 Mal in den weltweiten News berichtet», kommentiert der Professor im Video. «Im Vergleich dazu ist den Medien ein Tuberkulose-Opfer nur 0,1 Meldungen wert.»

Doch ist der Vergleich zwischen Schweinegrippe und Tuberkulose oder Malaria zulässig? Schliesslich konnte nicht einmal die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wissen, wie aggressiv sich die Schweinegrippe ausbreiten würde. Man musste vom Schlimmsten ausgehen. Fakt ist: Nicht wenige übertragbare Krankheiten haben das Worst-Case-Szenario der WHO längst überschritten. Die WHO schätzt, dass seit dem ersten Schweinegrippefall Ende April 2009 gegen 8000 Menschen Opfer des Virus geworden sind. In derselben Zeit starben laut Schätzungen von MSF 700 000 Menschen an Malaria. Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind an dieser aggressiven Infektionskrankheit, die von der Anopheles-Mücke übertragen wird.

Doch noch düsterer sehen die Prognosen bei der Bekämpfung von Tuberkulose (TB) aus. Seit Jahrhunderten stirbt es sich an nichts so leicht wie an einer TB-Infektion. Etwa zweihundertmal mehr Menschen als an der Schweinegrippe starben im Zeitraum von Mai bis November 2009 an der ältesten aller heute grassierenden Infektionskrankheiten. Heimtückisch an Tuberkulose ist, dass es kaum einen Königsweg für ihre Behandlung gibt. Das grösste Problem ist, dass der Erreger bereits mehrere resistente Bakterienstämme gebildet hat. Diese Tatsache macht ihn um ein Vielfaches aggressiver und gefährlicher als beispielsweise das Schweinegrippevirus.

Moskitonetz statt teure Impfung

Im Gegensatz zu Tuberkulose, deren Behandlung langwierig und kompliziert ist, könnte Malaria – wenn innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Infektion entdeckt - relativ einfach behandelt werden. Doch für Kleinkinder und Säuglinge, die sich mit Malaria angesteckt haben und keinen Anschluss an medizinische Versorgung haben, ist es dann bereits zu spät. In Afrika sind die Mittel gegen den Malaria-Erreger der neusten Generation noch gar nicht erhältlich. Und gegen Mittel, die erhältlich wären, hat der Malaria-Parasit bereits resistente Stämme gebildet. Trotzdem gäbe es eine einfach, kostengünstige Variante, das Leben von Hunderttausenden zu retten: Imprägnierte Moskitonetze würden vor fatalen Mückenstichen schützen.

Beides, die Beschaffung von Moskitonetzen und die Entwicklung neuer Impfstoffe, kostet Geld. Der Haken an der Sache: Die westlichen Staaten investieren lieber in andere Infektionskrankheiten wie Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Aids: Laut einer Studie fliessen pro Jahr gerade mal 3,2 Prozent oder 0,7 Milliarden US-Dollar der weltweit in die Bekämpfung von Krankheiten gesteckten Finanzmittel in die Erforschung von Killer-Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose. Der Löwenanteil geht für die Erforschung von Zivilisationskrankheiten und in westlichen Industrienationen verbreitete, nicht tödlich verlaufende Infektionskrankheiten wie die Schweinegrippe drauf.

Zum Vergleich: Allein die USA haben sich die Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Schweinegrippe eine Milliarde Dollar kosten lassen. Mit derselben Geldmenge hätte das Loch in der Kasse der Tuberkulose-Forschung, das laut MSF 1,45 Milliarden US-Dollar beträgt, schon fast gestopft werden können.

Wie aus dem neusten Report von MSF hervorgeht, bezahlen Frankreich und Grossbritannien nur rund die Hälfte des Betrags, den sie eigentlich auf Grund ihrer Wirtschaftskraft bezahlen könnten. Noch schlechter stehen Deutschland mit 23 Prozent und Italien mit 11 Prozent da. Europa und Deutschland engagieren sich nicht nur zu wenig, sie zahlen auch wesentlich weniger als andere, sagte der oberste Arzt ohne Grenzen, Christoph Fournier kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur DPA.

MSF hat in ihrem Report die Schweiz nicht unter die Lupe genommen. Doch die Ärzte-Organisation berechnet die Spendierfreudigkeit der Nationen folgendermassen: Denselben Anteil, den ein Land am weltweit erwirtschafteten Kapital hat, soll es in die Erforschung von Tuberkulose und Malaria stecken. Die Schweiz erfüllt diese Vorgabe - im Gegensatz zu ihren Nachbarstaaten - mit 8,74 Millionen Franken pro Jahr.

Die (kurz TBC, früher auch als Schwindsucht oder Morbus Koch bezeichnet) ist eine chronisch verlaufende bakterielle Infektionskrankheit. Sie betrifft in erster Linie die Lunge (85 Prozent), über die Blutbahn streuend kann sie aber auch alle anderen Organe im Körper befallen, zum Beispiel Lungenfell, Hirnhäute, Knochen, Harnwege, Verdauungstrakt, Haut. Die sind Bakterien: Das Mykobakterium tuberculosis oder in seltenen Fällen auch das Mykobakterium bovis (zum Beispiel in Rohmilch). Die Bakterien sind in der Lage, schwachen Desinfektionsmitteln zu widerstehen. Die erfolgt in der Regel durch Tröpfcheninfektion von erkrankten Menschen in der Umgebung. : Tuberkulose-Patienten klagen anfangs über nächtliche Schweißausbrüche. Typische Beschwerden einer Lungentuberkulose sind auch Husten und «Hüsteln» ohne größere Mengen an Auswurf. Zudem können auch atemabhängige Schmerzen auftreten. Bei fortgeschrittener Tuberkulose-Erkrankung hustet der Patient Blut, im Extremfall kommt es zu einem Blutsturz (arterielle Lungenblutung). (Quellen: netdoktor.de/wikipedia.de)

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