Finanzkrise: «Für diesen Schaden muss jemand aufkommen»
Aktualisiert

Finanzkrise«Für diesen Schaden muss jemand aufkommen»

Eine Zahl zum Augenreiben: 1000 bis 1500 Milliarden Dollar hat die aktuelle Finanzkrise weltweit vernichtet, schätzt Konrad Hummler, Teilhaber der St. Galler Privatbank Wegelin & Co.. Jemand müsse das bezahlen, sagt er im Interview mit 20 Minuten Online. Nach den Firmen und den Anlegern werden die Gläubiger dransein, denn der Staat wirds nicht alleine richten können.

von
Lukas Hässig

Herr Hummler, die Finanzmärkte erleben einen neuen Fieberschub. Was geht vor sich?

Konrad Hummler: Es findet eine Neubewertung in den USA statt. Angefangen hat dies bei den Immobilien, nun wird der ganze Finanzsektor nach unten korrigiert, schliesslich wird sich auch der Konsum und damit die Konjunktur abkühlen.

Auslöser des jetzigen, vierten Fieberschubs im Finanzsystem sind die halbstaatlichen Hypothekenfirmen Freddie Mac and Fannie Mae. Was droht?

Die beiden Institute haben den Grossteil der Immobilien in den USA finanziert. Sie waren immer sehr liquide und konnten so den Amerikanern ihr eigenes Haus ermöglichen. Nun ist dieser riesige Liquiditätssee quasi eingefroren.

Die US-Regierung will ihnen Geld pumpen. Genügt das?

Schwierig. Die Abwärtsspirale in der Finanzindustrie hat eine Logik. Die Banken haben viel Kredit gegeben, man spricht von einem grossen Hebel, auf Englisch «Leverage». Jetzt sinken die Bewertungen dieser Kredite und Anlagen, was auf das Eigenkapital der Banken durchschlägt. Ein brutales De-Leveraging ist im Gang.

Was können die Banken tun?

Die einen gehen unter, wie die kalifornische Bausparbank Indy Mac oder letzten Herbst die englische Northern Rock. Andere finden frisches Geld von Aktionären und stocken ihr geschrumpftes Eigenkapital auf. Das Gute an all den Negativmeldungen ist: Mit jedem Konkurs oder jedem Verlust ist die Krise ein Stück kleiner.

Braucht es viele Bankenkonkurse?

Davor fürchten sich alle. Man denkt an die 30er-Jahre, als Banken zuhauf zugrunde gingen und die Weltwirtschaft in eine Depression stürzte. Die internationale Finanzindustrie will kein solches Drama. Genau das ist aber der Grund für die heutige Krise. Weil niemand mit Bankenpleiten gerechnet hatte, rollte der Rubel und entstand dieser riesige Leverage.

Hält das System den Stress aus?

Ich weiss es nicht. Es besteht schlicht kein Mechanismus, um eine Reduktion vieler Bankbilanzen zu organisieren. Das Verhalten der Notenbanken und Bankregulatoren ist auf internationaler Ebene nicht eingeübt.

Was müsste eingeübt sein?

Man könnte einen Schnitt durch eine Bank machen, der das Geld ausgeht. Anlagen, die kurzfristig angelegt sind, beispielsweise bis 6 Monate, würden geschützt. Wer hingegen das Risiko eingegangen ist, sein Kapital auf lange Sicht anzulegen, müsste einen Ausfall akzeptieren.

Sie meinen, Besitzer von Kassaobligationen und Festgeldern über einem halben Jahr könnten sich ihr Geld ans Bein streichen?

Im Notfall, ja. Bei einem Bankencrash können nicht alle Gläubiger befriedigt werden. Unbedingt geschützt werden müssen die kleinen und mittleren Unternehmen – Metzger, Schreiner, Handwerker. Ihr Vermögen darf nicht verloren gehen, sonst haben wir ein Grounding der Volkswirtschaft.

Geht es in diese Richtung?

Ich glaube nicht. Die US-Regierung stützt die beiden Hypo-Institute Fannie Mae und Freddie Mac, auch weil diese den Wahlkampf vieler Politiker finanzierten. Aber so lange die Gläubiger nicht zu Schaden kommen und immer nur die Aktionäre die Rechnung begleichen müssen, so lange finden die Preise der Hypothekenpapiere und anderer Anlagen keinen Boden.

Muss zuletzt der Steuerzahler geradestehen, so wie bei Fannie und Freddie?

Nach den Aktionären bluten entweder die Steuerzahler, wenn der Staat hilft, oder es kommt zu Inflation, wenn die Notenbanken weiter Geld ins Finanzsystem pumpen. Irgendjemand muss den Schaden bezahlen, wenn der Gläubiger nicht dran glauben muss.

Also kann die Krise auch auf die Schultern vieler verteilt und über die Zeit ausgestanden werden?

Das wird seit Monaten versucht. Bis jetzt hat das Aussitzen aber zu immer neuen Fieberschüben geführt, jeder war grösser als der vorherige. Die Preise finden erst Boden, wenn der Ausfall klar zugeordnet wird. Niemand will in Hypothekenprodukte investieren, wenn am nächsten Tag ein neuer Einbruch droht.

Wie gross sind die Verluste weltweit?

Ich sprach schon letztes Jahr von 1000 Milliarden bis 1500 Milliarden Dollar. Für diesen Schaden muss jemand aufkommen. Und zwar - konkret – Firmen, Anleger, andere Gläubiger. Sonst kommt die Krise zu keinem Ende.

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