Preisvergleich mit Ausland - Für dieses Medikament zahlen Schweizer fast 8-mal mehr als im Ausland
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Preisvergleich mit AuslandFür dieses Medikament zahlen Schweizer fast 8-mal mehr als im Ausland

Die Medikamentenpreise in der Schweiz sind laut Konsumentenschutz «pure Abzocke». 20 Minuten hat die massiven Preisunterschiede genauer angeschaut.

von
Fabian Pöschl
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Preisschock beim Gang in die Apotheke: Dieses Medikament von Sandoz kostet 7,5-mal mehr als im Ausland.

Preisschock beim Gang in die Apotheke: Dieses Medikament von Sandoz kostet 7,5-mal mehr als im Ausland.

Sandoz
In belgischen Apotheken gibts das Präparat deutlich günstiger, wie eine Auswertung von Santésuisse zeigt.

In belgischen Apotheken gibts das Präparat deutlich günstiger, wie eine Auswertung von Santésuisse zeigt.

20min/Michael Scherrer
Santésuisse-Chefökonom Christoph Kilchenmann erklärt den massiven Preisunterschied mit den unterschiedlichen Regeln in den einzelnen Ländern.

Santésuisse-Chefökonom Christoph Kilchenmann erklärt den massiven Preisunterschied mit den unterschiedlichen Regeln in den einzelnen Ländern.

© 20 Min/Carole Alkabes

Darum gehts

  • Ein Medikament kostet in der Schweiz 7,5-mal mehr als in Belgien.

  • Grund dafür ist laut Experten die Preisabstandsregel.

  • Der Hersteller erklärt den Preisunterschied mit der Versorgungssicherheit

Medis sind ein teures Gut für Schweizerinnen und Schweizer. Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa kosten sie hierzulande schon mal das Zwei- oder Dreifache. Besonders krass ist der Unterschied bei Generika wie dem Medikament Atorvastatin von der Novartis-Tochter Sandoz, das zur Behandlung von Störungen des Fettstoffwechsels dient.

Dieselbe Packung mit 100 x 10-mg-Filmtabletten des Generikums (siehe Box) kostet in der Schweiz 46.94 Franken und in Belgien umgerechnet 6.28 Franken. Damit ist der Preis in der Schweiz 7,5-mal höher, wie eine Auswertung der Branchenorganisation Santésuisse zeigt.

Das sind Generika

Neu entwickelte Arzneimittel sind 20 Jahre lang durch Patente geschützt. Nach Ablauf des Patentschutzes muss der Hersteller des Originals die Forschungsergebnisse veröffentlichen, damit andere Hersteller den Wirkstoff ebenfalls produzieren und als Generikum auf den Markt bringen können, wie «Netdoktor.ch» schreibt. Mittlerweile gibt es für fast jedes Medikament mit abgelaufenem Patentschutz ein oder mehrere Generika.

Dabei verglich Santésuisse die Fabrikabgabepreise, also ohne Vertriebsmarge für Arzt, Spital oder Apotheke und ohne Mehrwertsteuer. In der Apotheke kostet die Atorvastatin-Packung 70.30 Franken in der Schweiz und in Belgien umgerechnet 13.25 Franken, also immer noch mehr als fünfmal so viel.

Preisabstandsregel führt zu doppelt so hohen Preisen

Santésuisse-Chefökonom Christoph Kilchenmann erklärt den massiven Preisunterschied mit den unterschiedlichen Regeln in den einzelnen Ländern. «Der Preis für Atorvastatin hängt in der Schweiz vom ehemals patentgeschützten Originalpräparat ab.»

Die Preisabstandsregel für das Generikum hängt von Preis des Originals und vom Marktvolumen ab. Es gibt fünf Stufen. Je grösser der Markt dieses Wirkstoffs, desto tiefer darf der Maximalpreis für das Generikum sein. Die Hersteller gehen dabei gerne zum Maximum, so Kilchenmann.

Bei Atorvastatin gilt ein Höchstpreis, der etwa ein Drittel unter dem Preis des Originals liegt. Im Schnitt führt die Preisabstandsregel laut Kilchenmann zu beinahe doppelt so hohen Preisen wie in den Vergleichsländern, wo es keine solche Regel gibt.

Hersteller Sandoz könne das Produkt aber auch deshalb zu diesem hohen Preis in der Schweiz verkaufen, da trotz zahlreicher Hersteller kein Preiswettbewerb herrsche. «Überteuerte Medikamente tragen zu den hohen Krankenkassenprämien bei. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die Preise endlich auch in der Schweiz auf ein vernünftiges Niveau fallen», so Kilchenmann.

Konsumenten sind den hohen Preisen ausgeliefert

«Medikamente sind viel zu teuer in der Schweiz», sagt auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, zu 20 Minuten. Die hohen Preise seien «pure Abzocke», so Stalder. «Den Pharmaunternehmen gelingt es mit Druck auf die Politik, die Grenzen abzuschotten, damit kein Import von günstigeren Präparaten möglich ist.»

Konsumentinnen und Konsumenten könnten dagegen bislang nichts tun, ausser sich zu ärgern und zu hoffen, dass der Gesetzgeber «endlich etwas am unnötigen Grenzschutz ändert». Sie sei froh, dass das Thema nun endlich im Parlament behandelt werde.

Sandoz erklärt Preisunterschied mit der Versorgungssicherheit

Ein Sprecher von Atorvastatin-Hersteller Sandoz erklärt die Preisunterschiede ebenfalls mit den Preisvorgaben des Bundesamts für Gesundheit, die für kassenpflichtige Medikamente gelten. Faire Preise seien die Voraussetzung, dass die Versorgungssicherheit in der Schweiz gewährleistet sei.

Würde das Preisniveau sinken, wären die Schweizer Generika-Hersteller, angesichts des kleinvolumigen Schweizer Markts und der hohen schweiz-spezifischen Anforderungen, im internationalen Wettbewerb um knappe Ressourcen benachteiligt, so der Sprecher.

Ein Sprecher des Branchenverbands Interpharma verweist auf Anfrage darauf, dass die Medikamentenpreise alle drei Jahre überprüft werden. Dies führe zu jährlichen wiederkehrenden Einsparungen von über eine Milliarde Franken.

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