Aktualisiert 18.06.2019 06:25

Porträts von Arbeitslosen

«Für ein Auto oder TV habe ich kein Geld»

Flavio Schrenk (27) hat in Basel Molekularbiologie studiert. Jetzt ist er arbeitslos und gibt Nachhilfe. Seine grösste Angst ist, ein Sozialfall zu werden.

von
Matthias Gröbli
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Flavio Schrenk (27) hat einen Master-Abschluss in Molekularbiologie.

Flavio Schrenk (27) hat einen Master-Abschluss in Molekularbiologie.

Stevan Bukvic
Der Basler hat mehr als 200 Bewerbungen verschickt. Bisher hat er aber keine Stelle gefunden.

Der Basler hat mehr als 200 Bewerbungen verschickt. Bisher hat er aber keine Stelle gefunden.

Stevan Bukvic
Er brennt darauf, sein gelerntes Wissen und Können in der Praxis anwenden zu können.

Er brennt darauf, sein gelerntes Wissen und Können in der Praxis anwenden zu können.

Stevan Bukvic

Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

«An der Universität Basel studierte ich Molekularbiologie, Fachbereich Biomedizin. Das Studium dauerte fünfeinhalb Jahre, mit dem Abschluss Master (Anfang 2018). Ich begann sofort, mich zu bewerben. Ich war ein bisschen blauäugig nach dem Studium und dachte: ‹So ein Abschluss ist in Basel relevant.› Ich war überzeugt, die Firmen würden sich um mich reissen.»

«Inzwischen habe ich über 200 Bewerbungen geschrieben. Daraus ergaben sich zwei Vorstellungsgespräche für Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder in der Entwicklung in der Pharmabranche. Doch ich bekam die Jobs nicht, Feedbacks gab es kaum. Ich weiss nicht, wo das Problem liegt. Es gibt auch kaum Experten, die mir sagen können, worauf ich achten muss, um Chancen auf diesem Arbeitsmarkt zu haben.

Ich hatte das Glück, diesen Frühling drei Monate an einem Projekt im Bereich Bioanalytik an der Fachhochschule zu arbeiten. Dies hat bisher aber keine neuen Türen geöffnet.»

«Ich verrichte Teilzeitjobs, um Geld zu verdienen. Ich gebe Unterricht und Nachhilfe, derzeit als 25-Prozent-Pensum. Ich bewerbe mich weiterhin, auch mit Initiativbewerbungen und in anderen Regionen der Schweiz. Aber ich habe kein Vitamin B in der Branche. Das RAV kann hier auch nicht helfen.

Ich verdiene derzeit einen Drittel des benötigten Betrags, um über die Runden zu kommen. Beim RAV bekam ich vier Monate (minimale Unterstützung als Master) 2500 Franken pro Monat. Ich habe noch ein bisschen Erspartes, das bei guter Einteilung bis Ende Jahr reicht. Doch schon jetzt ist es schwierig: 2500 Franken für alles, Miete, Versicherung, Handy, Internet, ÖV-Abo und Essen, Kleider usw. Auf Auto und Fernseher verzichte ich. Weiterbildungen liegen finanziell nicht drin.»

«Ich habe einen konstanten Stresspegel. Die Situation ist permanent im Hinterkopf und beherrscht meine Gedanken, mein Leben. Das ist zermürbend und auch schlecht für das Selbstvertrauen.»

«Ich fotografiere sehr gern, aber ich musste die Kamera verkaufen. Ich fahre gern Velo – aber Reparaturen kann ich mir nicht mehr leisten. Ich treibe viel Sport, aber das Kletter-Abo läuft bald aus, und eine Verlängerung werde ich mir nicht leisten können. Das einst gelöste Fitness-Abo ist inzwischen abgelaufen.»

«Ich brenne darauf, mein gelerntes Wissen und Können in der Praxis anwenden zu können. Warum finde ich keinen Job, obwohl ich doch kompetent und motiviert bin? Ich weiss es nicht. Aber ich muss cool bleiben und darf nicht aufgeben. Den Gang aufs Sozialamt will ich unter allen Umständen vermeiden – 2000 Franken pro Monat, dann wird es sehr hart. Man kann sich nichts mehr leisten. Ich würde mich schämen, ein Sozialfall zu werden. Das ist ein Stempel, den niemand tragen will.»

Fünfteilige Serie

20 Minuten porträtiert fünf Arbeitslose in der Schweiz.

- Der Akademiker: Flavio Schrenk (27)

- Die Alleinerziehende: Rebecca Scheidegger (25)

- Der Ausgesteuerte: Beat Vollenweider (52)

- Der Jungvater: Elia Giacalone (27)

- Die Langzeitarbeitslose: Anina Striebel (26)

Wenn Sie mit den porträtierten Personen in Kontakt treten möchten, melden Sie sich bitte per E-Mail an matthias.groebli@20minuten.ch

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