Rassen-Unruhen in den USA: «Für einige Weisse ist er ein Irrtum der Geschichte»
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Rassen-Unruhen in den USA«Für einige Weisse ist er ein Irrtum der Geschichte»

Ausgerechnet unter dem ersten schwarzen Präsidenten der USA hat sich der Graben zwischen Schwarz und Weiss stark vertieft. Woran liegt das?

von
Ann Guenter
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Die Polizei von Dallas bereitet sich auf die Beerdigung der fünf weissen Beamten vor, die am 7. Juli von einem von einem schwarzen Schützen erschossen worden waren. Zu der Gedenkfeier werden am Dienstag US-Präsident Barack Obama zusammen mit seinem Vorgänger George W. Bush erwartet.

Die Polizei von Dallas bereitet sich auf die Beerdigung der fünf weissen Beamten vor, die am 7. Juli von einem von einem schwarzen Schützen erschossen worden waren. Zu der Gedenkfeier werden am Dienstag US-Präsident Barack Obama zusammen mit seinem Vorgänger George W. Bush erwartet.

epa/Erik S. Lesser
Dieser gemeinsame Auftritt ist ungewöhnlich. Er unterstreicht die Bemühungen, ein Land zu beruhigen, das nach den Polizistenmorden und ihnen vorangegangenen tödlichen Polizeischüssen auf zwei Schwarze sehr aufgewühlt ist.

Dieser gemeinsame Auftritt ist ungewöhnlich. Er unterstreicht die Bemühungen, ein Land zu beruhigen, das nach den Polizistenmorden und ihnen vorangegangenen tödlichen Polizeischüssen auf zwei Schwarze sehr aufgewühlt ist.

AFP/Laura Buckman
Bereits am Montagabend versammelten sich Hunderte im Zentrum von Dallas, um der Opfer der Gewalt zu gedenken.

Bereits am Montagabend versammelten sich Hunderte im Zentrum von Dallas, um der Opfer der Gewalt zu gedenken.

epa/Erik S. Lesser

Wenn US-Präsident Barack Obama in Dallas den fünf getöteten Polizisten seinen Respekt bekundet, begibt er sich auf eine emotionale Gratwanderung: In einem angespannten Klima muss er die Trauernden trösten und die Aufgebrachten beruhigen. Die Fronten im Land haben sich zunehmend verhärtet. Zwischen Republikanern und Demokraten, zwischen Arm und Reich und besonders auch zwischen Schwarzen und Weissen – und das ausgerechnet unter dem ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte der USA. Woran liegt das? 20 Minuten fragt die USA-Expertin Nicole Renvert.

Frau Renvert, Barack Obama ist ein Symbol einer post-rassistischen Nation und doch sehen wir die schwerste Rassenkrise seit Jahrzehnten. Wieso ist das so?

Nicole Renvert: Die Wahl von Präsident Obama versprach eine Zeitenwende, den Aufbruch in eine neue Phase, aussen- wie innenpolitisch. Gleichzeitig hat die Wahl Obamas viele vorherrschende Vorurteile gegenüber Schwarzen weiter befördert. Er war als Präsident rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, die weder ihn noch seine Familie verschonten. Auf der anderen Seite hat sich unter Obamas Amtszeit der Alltag vieler Schwarzer wenig verändert. Sie gehören in vielen Bundesstaaten zu dem Teil der Bevölkerung, der besonders arm ist, kaum Anteil an gesellschaftlichen Prozessen nimmt und bei der Bildung wenig Chancen hat. Es braucht einen langen Atem, um den Kreislauf aus Armut, Diskriminierung und Gewalt zu durchbrechen. Viele Probleme sind zu tief verwurzelt, um die Vorurteile gegenüber der schwarzen Bevölkerung einfach abzulegen. Und wir dürfen auch nicht vergessen: Die wirtschaftliche Krise ab 2007 traf und trifft diejenigen, die ohnehin Verlierer der Globalisierung sind. Das schafft viel Frustration.

Von dieser Wirtschaftskrise haben sich die Schwarzen weitaus schlechter erholt als alle anderen ethnischen Gruppen. Welche Rolle spielt sie bei den Unruhen?

Viele schlecht ausgebildete Amerikaner sind Verlierer dieser Krise, das betrifft Schwarze wie Weisse. In bestimmten Bundesstaaten erholen sich bestimmte Wirtschaftszweige, etwa die Stahlindustrie, nicht mehr. Durch das Platzen der Immobilienblase und der geringen Chance des Wiederverkaufs sind zudem viele Eigenheime hoch belastet. Und ein Umzug in einen anderen Staat bedeutet für viele der Betroffenen, dass sie ihre Krankenversicherung nicht übertragen können. Ihre Mobilität ist dadurch eingeschränkt. Grundsätzlich kann sich diese Gruppe nicht mehr im neuen Arbeitsmarkt orientieren, der hohe Flexibilität, Mobilität und Fachkenntnisse verlangt. Anders als die Generationen vor ihnen erreichen diese Menschen keinen höheren Lebensstandard mehr. Stattdessen müssen sie um das bangen, was sie bisher erwirtschaftet haben. Viele dieser Probleme können nicht in Washington gelöst werden, weil sie ein Ergebnis der Internationalisierung und zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt weltweit sind. Aber die Wut angesichts dieser Hilflosigkeit wächst. Das ist eine sehr ungesunde Mischung. Die Gewaltexzesse und der Rassismus werden durch diese Grundstimmung der Ohnmacht weiter befeuert.

Apropos befeuert: Einer Gallup-Umfrage zufolge polarisiert Obama politisch und ideologisch wie kein anderer Präsident seit 1984. Dem Politologe Michael Tesler zufolge spaltet allein die Erwähnung seines Namens die Bevölkerung. Wird er auch als Spalter zwischen Schwarz und Weiss wahrgenommen?

Obama hat es immer wieder geschafft, Gräben zu überwinden und Brücken zu bauen. Man erinnere sich an seine Rede an der Universität in Kairo zu Beginn seiner Amtszeit, in der er den Muslimen die Versöhnung anbot: Er hat sehr mutig betont, dass wir eine Weltgemeinschaft sind und gemeinsam an Problemen arbeiten müssen. Im Umgang mit der tief gespaltenen Gesellschaft der USA hat er daran angeknüpft. Der augenscheinliche Rassismus der USA ist aber ein strukturelles Problem. Einigen Weissen behagt es nicht, dass Schwarze Erfolg haben oder sogar ihr Land als Präsident repräsentieren. Hier herrscht nach wie vor ein archaisches Bild darüber, wer die USA letztlich vertritt. Aus Sicht einiger Ewiggestrigen kann das eben kein Schwarzer sein. Sie halten das für einen Irrtum der Geschichte.

Wie beurteilen Sie, was Obama jeweils nach Fällen von Polizeigewalt gesagt hat? Gerade Republikaner behaupten gerne, er habe sich zu schnell hinter die Opfer und gegen die Polizei gestellt und so die Spaltung weiter vertieft.

Die konkreten Beispiele, auf die sich Obama bezogen hat, verlangten nach einer klaren Positionierung der Politik. Genau das hat Obama meiner Meinung nach getan.

Was oder wen bräuchte es denn für eine Überwindung des Grabens zwischen Schwarz und Weiss?

Es braucht noch viele Jahre und es braucht viele positive Beispiele des Aufstiegs junger Schwarzer in Entscheidungspositionen. Es braucht eine kluge politische Führung, die nicht polarisiert, sondern die strukturellen Probleme, die es in den USA gibt, löst und sich für den Dialog mit der Gesellschaft starkmacht.

Angesichts der Gewalt von Dallas befürchten einige Experten in den USA bereits den Ausbruch eines Bürgerkrieges. Stimmen Sie zu?

Es ist wichtig, dass diese Exzesse ernst genommen und möglichst rasch Lösungen gefunden werden. Die Gefahr, dass sie ausufern, sollte nie unterschätzt werden.

Was spricht allenfalls dagegen?

Die Gesellschaft der USA hat sich gewandelt. Einen tief verwurzelten Rassismus gibt es noch bei Ewiggestrigen, aber insgesamt lehnt die amerikanische Gesellschaft ihn ab – gerade auch, weil ein hoher Anteil von Menschen aus aller Welt das neue Amerika prägt. Aber genau davor haben einige Angst. Doch auch wenn vieles an der Präsidentschaft Obamas zu diskutieren und zu kritisieren ist: Obama hat dem Amt eine besondere Würde verliehen und sich als Weltbürger gezeigt. Darauf sind viele Amerikaner zu Recht stolz.

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