Expertin für Esoterik: «Für Fliege sind Scientologen wie Christen»
Aktualisiert

Expertin für Esoterik«Für Fliege sind Scientologen wie Christen»

Ursula Caberta deckt in ihrem Buch die Verbindungen deutscher Promis mit Sekten auf. Im Interview erklärt sie, welche Bedeutung Stars für die zwielichtigen Organisationen haben.

von
R. Reinecke

Frau Caberta, in Ihrem Buch bekommen gleich mehrere Prominente ihr Fett weg: Hape Kerkeling, Nena, Fliege, …

Ursula Caberta: Mir war es wichtig, deutlich zu machen, was der Ausweitung des esoterischen Marktes dient. Prominente spielen hier eine wesentliche Rolle. Hape Kerkeling, Nena und Jürgen Fliege habe ich ausgewählt, weil sie aus der Sicht des Konsumenten innerhalb dieses Marktes unterschiedliche Positionen einnehmen.

Zum Beispiel hüpfende …

Wobei sich mir nicht erschliessen will, wie eine Hüpfmeditation, so wie sie Nena praktiziert, funktionieren soll. Sie redet ja schon seit Jahren von spirituellen Dingen, betont aber, in keiner Sekte zu sein, was auch stimmt. Diese frühere Sektendiskussion hat wiederum einiges verschleiert: Ist sie in einer Sekte, dann kann das gefährlich sein – ist sie es nicht, ist alles o.k.. Genau das ist aber Blödsinn, weil sie Menschen auf diese Weise locken kann. Da sagen sich die Leute doch: «Wenn Nena das macht, dann kann ich das doch auch probieren.»

Hape Kerkeling wandelt ebenfalls auf esoterischen Pfaden?

Ich nehme an, dass Herr Kerkeling sich allenfalls unbewusst mit dieser Szene beschäftigt. In seinem Buch über seine Wanderung auf dem Jakobsweg berichtet er von spirituellen Geschichten und bezeichnet sich als «Buddhist mit christlichem Überbau». Da bedient sich Hape Kerkeling – wenn auch nicht bewusst - einer Szene, aus der sich Menschen irgendetwas zusammenbasteln. Man kauft sich Spiritualität.

Besonders am Ex-TV-Pfarrer Jürgen Fliege lassen Sie kein gutes Haar.

Der ist von allen dreien wohl das extremste Beispiel. Jürgen Fliege ist von einem evangelischen Pastor zum Esoteriker mutiert. Mich wundert allerdings, dass diese Passage im Buch für so viel Furore sorgt: Wer sich schon länger mit ihm beschäftigt, dem hätte das schon früher auffallen müssen. Fliege ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Szene einen Promi wünscht.

Was macht Jürgen Fliege zu einem solchen «Paradepromi»?

Er ist Pastor, hatte eine Fernsehsendung, in der er jahrelang sämtliche Scharlatane der Szene auf den Präsentierteller setzte und damit hoffähig machte.

Welche Bedeutung hatte die Sendung für die Entwicklung der Szene in Deutschland?

Mit der Talkshow und ihren Angeboten hat Fliege ihr zu unglaublichem Schub verholfen: Er wirkt vertrauenswürdig, ist ein ganz Sanfter und dann auch noch Pastor. Das öffnet Türen. Unverantwortlich ist, dass das alles völlig unkritisch abläuft. Die Szene ist ja auch nicht gerade bekannt dafür, dass sie Kritik an sich zulässt.

Doch 2005 war Schluss.

Nachdem es die Sendung nicht mehr gab, hat er ja nicht aufgehört. Jetzt bewirbt er seine eigenen Produkte oder sein «spirituelles Woodstock» im Internet. Dort lädt er wieder diese Leute ein, zieht weitere Kreise über seine Verbindungen. Die evangelische Kirche fällt ihm dabei nicht in die Arme und mahnt: «Stopp, nicht als Pastor im Namen der evangelischen Kirche!»

Und das, obwohl er – wie Sie schreiben – mit Scientologen Geschäfte macht.

Ein Scientologe der Firma Aquapol aus Österreich ist Flieges Geschäftspartner. Er wirbt für ein fragwürdiges Gerät, einen esoterischen Wandtrockner. Damit finanziert er indirekt die Organisation. Scientology versucht, sich Prominente zu eigen zu machen.

Gehören diese Prominenten denn auch zu Scientology?

Diese müssen nicht unbedingt Mitglied der Organisation werden – es reicht vollkommen aus, dass sie Scientology verharmlosen, der Kritik an der Organisation entgegentreten, um so das Feld für ein positives Image zu gestalten. Genau diese Rolle erfüllt Jürgen Fliege. In einem Zitat sagte Fliege gegenüber der Presse, dass er Scientology mit dem Christentum, dem Judentum und dem Islam gleichsetzt.

Warum zieht die evangelische Kirche nicht die Reissleine?

Das frage ich mich auch. Diese Diskussionen führe ich schon ewig. Es gibt in der evangelischen Kirche Weltanschauungsbeauftragte, die schon seit längerem darauf drängen. Stattdessen pflegt Jürgen Fliege gute Beziehungen zur Spitze der evangelischen Kirche in Deutschland.

Inwiefern?

Nikolaus Schneider, der jetzige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, sollte bei einer im Herbst stattfindenden esoterischen Grossveranstaltung von Herrn Fliege auftreten. Schneider behauptete später, Fliege hätte da was falsch verstanden. Jürgen Fliege veröffentlichte daraufhin auf seiner Homepage den E-Mail-Austausch zwischen ihm und dem Ratsvorsitzenden, in dem Schneider schreibt: «Ich stehe zu dir, das weisst du ja, aber ich kann leider nicht kommen.» Ich finde, ein solcher Ratsvorsitzender sollte zurücktreten.

Haben Sie seit Erscheinen Ihres Buches schon persönlich mit Jürgen Fliege gesprochen?

Der redet ja nicht mit mir! Ich war am Mittwochabend bei Markus Lanz zu Gast. Dort hatte man sich bemüht, Jürgen Fliege einzuladen, doch er wollte nicht mit mir auftreten. Als mein «Schwarzbuch Scientology» herauskam, waren wir schon mal gemeinsam in einer Sendung. Im Anschluss wollte ich ihm mein Buch schenken. Da ist er drei Schritte zurückgegangen, so nach dem Motto «die gibt mir Teufelswerk in die Hand».

Die Sekten-Expertin Ursula Caberta zeigt in ihrem Buch, wie fundamentalistisch ausgelegte christliche Werte, zweifelhafte Verschwörungstheorien und die Sehnsucht nach schnellen Lösungen für private und globale Probleme Einfluss auf die demokratische Gesellschaft nehmen. Sie beschreibt in ihrem Schwarzbuch Hintergründe und Methoden, Gruppen und Netzwerke, Gefahren und Massnahmen und liefert Hilfestellung im Umgang mit diesem unterschätzten gesellschaftlichen Phänomen.

Über die Autorin:

Ursula Caberta, Jahrgang 1950, ist studierte Volkswirtin und leitete von 1992 bis 2010 die Arbeitsgruppe Scientology bei der Behörde für Inneres in Hamburg. Seit Januar 2011 ist sie Ministerialreferentin für neureligiöse, ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen bei dieser Behörde. Bei dem erfolgreichen Fernsehfilm zur Scientology Organisation «Bis nichts mehr bleibt» war sie als Fachberaterin beteiligt. Bekannt wurde sie durch ihren Bestseller «Schwarzbuch Scientology».

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