Winnenden-Prozess: «Für heute noch nicht alles»
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Winnenden-Prozess«Für heute noch nicht alles»

Nach seiner Bluttat in der Albertville-Realschule in Winnenden plante der Amoktäter Tim K. offenbar ein weiteres Massaker.

Er habe in seiner alten Schule gerade Menschen umgebracht und dies sei «für heute noch nicht alles», soll der 17-jährige Täter auf seiner Flucht nach Wendlingen gesagt haben. Das berichtete am Dienstag der vom Amoktäter entführte Autofahrer im Prozess gegen den Vater von Tim K. vor dem Landgericht Stuttgart. Der Amoktäter hatte den heute 43-Jährigen in seinem Auto entführt, als dieser auf seine Frau vor dem psychiatrischen Krankenhaus in Winnenden wartete. Tim K. habe ihm eine Waffe an den Kopf gehalten und gesagt: «Schnell weg von hier». Andernfalls habe er gedroht, ihn zu erschiessen, sagte der Mann aus.

«Ein bisschen Schiessen und Spass haben»

Zu Beginn der etwa zweistündigen Fahrt versucht der Autofahrer nach eigenen Angaben, durch Lichthupe die Aufmerksamkeit von vorbeifahrenden Polizeiwagen zu ziehen, was jedoch nicht gelang. Der Amoktäter habe sich in dieser Zeit «aggressiv verhalten», aber auch aufgeregt und nervös gewirkt. Er habe sich gewundert, dass die Polizei so schnell in Winnenden war. «Verdammt, sie sind schnell, nicht einmal fünf Minuten und sie sind schon hier. Aber ich war schneller», soll der 17-Jährige gesagt haben.

Anschliessend sollen sie auf Anweisung des Amoktäters die Stadt verlassen haben und durch Stuttgart gefahren sein. Bei einem Stau auf der Autobahn 81 bei Sindelfingen soll der Täter zunehmend nervöser geworden sein und seine Geisel gefragt haben: «Soll ich rausgehen, ein bisschen schiessen und ein bisschen Spass haben?». Dem Fahrer zufolge sei ihm aber gelungen, den Tim K. zu beruhigen.

Tim K. bereitete sich auf nächste Schiesserei vor

Nach Angaben des Zeugen hatte Tim K. während der Fahrt meist entweder seine Waffe auf ihn gerichtet oder das Magazin gefüllt. Der ehemalige Armeeangehörige fügte hinzu, dass der Jugendliche mit der Tatwaffe «wie ein Profi» umging und dass er sich offensichtlich «auf die nächste Schiesserei vorbereitete». Auf die Frage, warum er Menschen umbringen wolle, soll der 17-Jährige geantwortet haben: «So als Spass». Zudem soll er sich darüber geärgert haben, dass er sein Messer nicht mehr bei sich hatte.

Fahrer leidet noch an den Folgen der Entführung

Die Fahrt ging nach der Zeugenaussage über Tübingen nach Wendlingen weiter. Dort lenkte der entführte Fahrer kurz nach der Zufahrt zur Autobahn 8 plötzlich nach rechts und sprang aus dem Auto, wie er sagte. Anschliessend flüchtete er und informierte die Polizei.

Der 43-Jährige leidet heute noch unter den Folgen der Entführung. Nach seinen Angaben wurde ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Über einen Monat lang wurde er in einer psychosomatischen Klinik psychologisch behandelt, teilweise stationär. Bis heute nimmt er Medikamente ein und leidet an Schlafstörungen.

(dapd)

Winnenden-Prozess:

Der Vater von Tim K. muss sich seit Mitte September vor Gericht verantworten, weil er laut Anklage seinem Sohn Zugriff auf eine erlaubnispflichtige Schusswaffe sowie Munition ermöglicht hat. Der 17 Jahre alte Schüler hatte am 11. März 2009 bei einem Amoklauf in Winnenden und seiner anschließenden Flucht in Wendlingen 15 Menschen und dann sich selbst getötet. Viele der Opfer starben durch Kopfschüsse. Die Tatwaffe hatte er aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet.

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