28.11.2016 06:06

Fake-News

«Für jeden Schwachsinn gibts Unterstützung»

Alternative News-Seiten aus der Schweiz verbreiten haufenweise Falschmeldungen. Warum finden diese so viele Anhänger?

von
num
Der gefälschte Eintrag, der SVP-Nationalrat Andreas Glarner verleumdet.

Der gefälschte Eintrag, der SVP-Nationalrat Andreas Glarner verleumdet.

Screenshot Facebook

«Wir können nicht verantworten, dass dieses Pack in unser Land kommt» und: «Vielleicht ist der Schiessbefehl von Frau Petry nicht unangebracht». Diese Zeilen, vermeintlich von SVP-Nationalrat Andreas Glarner zu Flüchtlingen auf Facebook verfasst, machten letzte Woche im Netz die Runde. Doch: Es war eine Fälschung.

Jemand hatte ein Facebook-Profil unter dem Namen Mia Pfister eröffnet und das Bild des gefälschten Eintrags veröffentlicht. Glarner sagt auf Anfrage: «Der Post ist nicht echt.» Er habe derzeit nicht einmal Zugriff auf seinen Account. «Mia Pfister» reagierte nicht auf eine Anfrage. Glarner will sich gegen die Verleumdung wehren und prüft rechtliche Schritte gegen die Urheber des Fake-Posts. «Aber sie werden wohl schwer zu packen sein.»

Fake-News aus der Schweiz

Solche falschen Nachrichten finden in sozialen Netzwerken schnell ihren Weg. Auch in der Schweiz werden Fake-News am Laufmeter produziert. Und sie verbreiten sich durch die sozialen Medien im ganzen deutschsprachigen Raum. Fakten werden bewusst verzerrt und in einen anderen Kontext gesetzt, wie die «Sonntagzeitung» berichtet.

So verbreiten Webseiten wie «Alles Schall und Rauch» oder «Uncut-News.ch» Nachrichten, die die Schweizer Medien «nicht verbreiten dürfen», wie es auf den Seiten heisst. Fakten werden nicht geprüft und mit dubioser – oder gleich ganz ohne – Quelle versehen, journalistische Qualitätsstandards werden weggelassen.

«Entwicklung macht mir Sorgen»

Allerlei Verschwörungstheorien finden so ihre Unterstützer – von Chemtrails über die Steuerung der Schweizer Medien durch die Nato. Generell finanzieren sich die Schweizer Fake-News-Seiten durch Spenden oder Werbung. Viele Leser glauben, dass ihnen von traditionellen Medien Informationen vorenthalten werden, dass diese durch unbekannte Mächte gesteuert werden.

Weshalb finden solche Webseiten breite Unterstützung? Medienpädagoge Thomas Merz, Prorektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau sagt zu 20 Minuten : «Diese Entwicklung macht mir auch Sorgen.» Für den Trend gebe es diverse Gründe, deren Zusammenspiel verstärkend wirke.

Fakten zählen nicht mehr

So sei das Beziehen von Informationen über Facebook in der «Blase» seiner Freunde einseitig: «Sie finden dort für jeden Schwachsinn, der ohne belegte Fakten verbreitet wird, Unterstützung.» Diese Unterstützung aus dem Bekanntenkreis könne dazu beitragen, dass noch mehr falsche Behauptungen verbreitet würden, sagt Merz.

Zudem stünden so genannte «Mainstreammedien» unter Generalverdacht. «Die Leute, die glauben, dass alle traditionellen Medien falsche Tatsachen verbreiten, lassen sich dann auch durch Fakten nicht mehr umstimmen.» Merz nimmt auch die Medien in die Verantwortung: Medien täten nicht immer nur informieren und einordnen, sondern dabei auch emotionalisieren und personalisieren. «Das schadet der Glaubwürdigkeit der Medien extrem», sagt Thomas Merz.

In der Schule lernen

Bei der Fülle an Informationen, die heute für jeden jederzeit verfügbar sind, sei es zudem schwierig, sich überhaupt zu einem Thema umfassend kundig zu machen. Es brauche mehr denn je bereits in der Schule das Fach Medienbildung, bei dem Schüler lernen, wo und wie sie informiert werden. Wie sie Quellen bewerten und Interessen nachverfolgen können.

Lehrplan 21 ist auf Mittel- und Sekundarstufe dafür je eine Wochenlektion pro Jahr eingeplant. Für Merz zwar immer noch zu wenig, aber: «Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.»

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