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Plädoyer der AnklageFür Kachelmann naht die Stunde der Wahrheit

Nach neun Monaten und 41 teilweise turbulenten Verhandlungstagen neigt sich der Prozess gegen Jörg Kachelmann dem Ende zu. Die Staatsanwälte halten am Mittwoch ihre Plädoyers.

von
amc

Nichts Geringeres als die Freiheit steht für Jörg Kachelmann auf dem Spiel. Wenn der Wettermoderator am Mittwochmorgen zum 42. Verhandlungstag erscheint, wird nach über neun Monaten die letzte Runde im Vergewaltigungsprozess gegen ihn eingeläutet. Oberstaatsanwalt Oskar Gattner, Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge und Staatsanwalt Werner Mägerle werden dann ihr Plädoyer halten. Dass sie darin eine Verurteilung von Kachelmann beantragen, scheint für alle Prozessbeobachter klar.

Die Staatsanwälte werden dem Gericht nochmals detailliert schildern, warum sie dem 52-jährigen Meteorologen besonders schwere Vergewaltigung vorwerfen. Sollten an den zahlreichen Prozesstagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit nicht zwingende Beweise aufgetaucht sein, muss Mägerle sich dabei alleine auf Aussagen und Gutachten stützen. Mägerle wird das Plädoyer halten, weil seine Kollegen Oltrogge und Gattner als Zeugen im Prozess befragt wurden und sie ihre eigenen Aussagen nicht selbst würdigen dürfen.

Verteidiger von Kachelmann ist optimistisch

Die Aufgabe wird für Mägrele nicht einfach. Er muss aus dem teilweise widersprüchlichen Rohmaterial der zahlreichen Befragungen und Gutachten für das Gericht ein Szenario vom 9. Februar 2010 erstellen. Dieses muss die Richter zweifelsfrei davon überzeugen, dass Jörg Kachelmann seine langjährige Freundin mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt hat, wie es in der Anklage heisst. Sabine W. sagte mehr als 20 Stunden vor der Strafkammer in Mannheim aus und blieb bei ihrer Anschuldigung der Vergewaltigung - im Gegensatz zu einigen Schilderungen der Tatnacht, welche sie während des Prozesses revidierte (siehe Infobox). Die spannendste Frage bleibt im Vorfeld des Plädoyers: Welches Strafmass fordert die Staatsanwaltschaft? Vergewaltigung im besonders schweren Fall kann mit Haft von fünf bis 15 Jahren bestraft werden. Nebst dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft steht am Mittwoch auch das Plädoyer von Opferanwalt Thomas Franz an.

Der Verteidiger von Jörg Kachelmann sieht den Plädoyers der Anklage und Nebenklage entspannt entgegen. «Ich habe keinen Grund, in Depressionen zu verfallen», sagte Johann Schwenn am Rande des 41. Prozesstages gegenüber den Medien in Mannheim, «im Gegensatz zu der Prognose zur Jahreswende.» Der Optimismus ist unter anderem auf das letzte Gutachten im Prozess gegen Jörg Kachelmann zurückzuführen. Psychologe Günter Köhnken hatte die Glaubwürdigkeit vom mutmasslichen Opfer untersucht. Sein Urteil: Die Erinnerungslücken sind nicht erklärbar, die Aussagen zu wenig detailliert und folglich könnte sich die Glaubwürdigkeit der Schilderung von Sabine W. mit der Methode der Aussagepsychologie nicht bestätigen lassen. Mit anderen Worten: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Sabine W. lügt.

Verteidiger droht mit Schadenersatzforderungen

Die Verteidigung hat sich angesichts dieser Beurteilung die Hände gerieben. Kurz vor dem eigenen Plädoyer am 24. Mai (eine Woche nach der Anklage) ist es ein Steilpass für Kachelmanns Darstellung der Vorkommnisse. Vor allem weil auch die acht Gutachter zuvor keine eindeutigen Aussagen pro oder contra Kachelmann machten – zumindest nicht soweit der Prozess öffentlich war. Sollte das Gericht tatsächlich darauf entscheiden, dass Sabine eine Falschaussage gemacht hat, wie das die Verteidigung im Plädoyer wohl schildern wird, könnte Kachelmann möglicherweise einen Zivilprozess gegen die Ex-Freundin wegen Falschanschuldigung anstrengen und Schadenersatz verlangen (siehe Infobox). Verteidiger Schwenn kündigte solche Schritte jedenfalls bereits an. Sicher müsste dann der deutsche Staat für die Verfahrenskosten von Kachelmann aufkommen.

Letztlich ist der Prozess gegen Jörg Kachelmann vor der geplanten Urteilsverkündung am 31. Mai so offen wie am Anfang. Es steht Aussage gegen Aussage und Gutachten gegen Gutachten. Das Gericht hat das letzte Wort und kann sowohl die Glaubwürdigkeit von Sabine W. als auch die Geschehnisse der mutmasslichen Tatnacht unabhängig von den Gutachten beurteilen. Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung könnten allerdings zum Zünglein an der Waage werden.

20 Minuten Online berichtet am Mittwoch live aus Mannheim.

Eine Nacht, zwei Versionen

Die 38-jährige Radiomoderatorin Sabine W. beschuldigt Wettermoderator Jörg Kachelmann, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann hingegen sagte in seiner einzigen Aussage, die er am 24. März 2010 vor dem Ermittlungsrichter machte, sie hätten einvernehmlich Sex gehabt. Danach habe es einen Streit gegeben und er habe seine vielen Parallelbeziehungen gestanden. Sie hätten sich in der Nacht einvernehmlich getrennt und er sei am Folgetag zu den Olympischen Spielen nach Vancouver geflogen.

Die Glaubhaftigkeit von Sabine W. ist höchst umstritten. Die Ex-Freundin hat zwar den Streit in dieser Nacht ausführlich geschildert, beim Vergewaltigungsgeschehen aber zahlreiche Erinnerungslücken. Die Aussagepsychologin liess es in ihrem Gutachten offen, ob ihre Tatschilderung auf tatsächlichem Erleben beruht oder nicht. Gelogen hatte die 38-Jährige tatsächlich allerdings im Vorfeld: Sie hatte in der fraglichen Nacht Kachelmann mit einem Flugticket konfrontiert, das seinen Namen und den einer anderen Frau trug. Flugschein und ein Schreiben mit dem Satz «Er schläft mit ihr» habe an diesem Tag im Briefkasten gelegen, sagte sie ihm. Dass sie das Ticket schon Monate vorher anonym erhalten und den zusätzlichen Satz selbst geschrieben hatte, verschwieg sie ihm. Ebenso, dass sie unter falschem Namen bereits Kontakt zu der Nebenbuhlerin aufgenommen hatte. Bei ihrer Anzeige am folgenden Morgen blieb sie bei dieser falschen Version. Erst zwei Monate später korrigierte sie nach den entsprechenden Ermittlungen der Polizei die falsche Vorgeschichte.

Verletzungen sind kein sicherer Beweis

Sabine W. hatte am Morgen nach der angeblichen Tat Verletzungen am Hals und ausgedehnte blaue Flecke an den Oberschenkeln. Vor allem diese Verletzungsspuren dürften für die Vertreter der Anklage entscheidend sein. Dass die Halsverletzungen von dem angedrückten Messer stammen - wie sie angibt - , ist laut Gutachten möglich, aber nicht sicher. Auch am sichergestellten Messer gibt es keine eindeutigen Beweise. Die Frau gibt an, sie habe nach der Tat aufgeräumt und das Messer noch einmal angefasst. Auf dem Griff befindet sich eine Mischspur, die Kachelmann nicht eindeutig zuzuordnen ist.

(AP)

Wie kann der Prozess ausgehen?

Das Gericht hat im Prozess gegen Jörg Kachelmann zwei Möglichkeiten: Entweder die Richter verurteilen den Wettermoderator oder sie sprechen ihn frei. Bleiben den Richter nach den Plädoyers noch Zweifel, müssten sie Kachelmann aus Mangel an Beweisen freisprechen. Diesen Freispruch wird gerne Freispruch zweiter Klasse genannt.

Im Falle einer Verurteilung drohen Kachelmann bis zu 15 Jahre Haft.

Im Falle eines Freispruchs hat er Anspruch auf finanzielle Entschädigung. Die Höhe wird aufgrund des erlittenen Vermögensschadens errechnet. Der Wettermoderator könnte also den Ausfall von Moderationen und Aufträgen einverlangen. Hinzu kommt ein allfälliger Schadenersatz, welchen Kachelmann einklagen müsste. Dies ist allerdings - im Falle eines Freispruchs sehr wahrscheinlich - sein Anwalt hat es jedenfalls bereits angekündigt.

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