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«Wardrobing»Für kein Geld der Welt

Grosse Feier und kein Geld für Kleider? Wieso nicht einfach ein Kleid kaufen, es anziehen und einen Tag später wieder zurückgeben? Ein Trend, der in den USA für grossen Schaden sorgt. In der Schweiz blicken die Geschäfte der Entwicklung gelassen entgegen – noch.

von
Elisabeth Rizzi

Ein Kleid zu tragen, in dem man an einer Party von allen bewundert wird; wer träumt nicht davon? In den USA realisieren immer mehr Konsumenten diesen Wunsch auf findige, aber illegale Weise: Sie kaufen ihr Lieblingsstück, tragen es einmal, bringen es anschliessend wieder ins Geschäft zurück und lassen sich den vollen Kaufpreis zurück erstatten. Es handelt sich sozusagen um eine «Miete umsonst» - oder juristisch betrachtet schlicht und einfach um «Betrug». Besonders populär wurde das Phänomen als Folge der Finanzkrise und hat inzwischen sogar einen eigenen Namen: Wardrobing (hergeleitet aus engl. wardrobe = Garderobe und to rob = rauben). Nebst Kleidern ist auch der Bereich Heimelektronik ein beliebtes Feld.

12 Milliarden Dollar Schaden

Die Verkaufsgeschäfte sind die Leidtragenden dieses Booms. Denn selbst einmaliges Tragen oder Nutzen von Gegenständen hinterlässt Spuren: Haare, Parfumrückstände, Knitter, Fingerabdrücke oder gar Flecken. Häufig können diese zurück gegebenen Waren nicht mehr zum vollen Preis wieder verkauft werden. Manchmal müssen die Geschäfte sie sogar entsorgen.

Nach Angaben der Zurich Versicherung entstehen den Detailhändlern in den USA durch Wardrobing inzwischen schon jährliche Verluste in der Höhe von 12 Milliarden Dollar. Einen Schaden von 3,5 Milliarden Dollar verursachen allein die Scheinkäufe in der Weihnachtszeit. Zurich berät Unternehmen in der Frage des Wardrobings: Die Bekämpfungsmassnahmen reichen von einer Verkürzung der Rückgabefristen, Datenerfassung und Tracking von Rückgabe-Kunden bis zur Weigerung der Rücknahme bei entfernten Hersteller- und Verkaufs-Etiketten oder bei Fehlen der Originalverpackung.

Heile Schweizer Welt

Heile Welt herrscht dagegen noch in der Schweiz. Bei Manor bewegt sich laut Mediensprecherin Elle Steinbrecher der aus zurückgegebenen Waren entstehende Verlust im tiefen einstelligen Prozentbereich. Coop-Mediensprecher Nicolas Schmied bestätigt, dass in den Coop-City-Geschäften die Zahl der Rücknahmen nicht zugenommen hat - obwohl das Unternehmen seit zwei Jahren offen kommuniziert, dass alles zurückgenommen werde. In den Interdiscount-Läden spiele Wardrobing überhaupt keine Rolle, bei den Schmuckgeschäften von Christ verzeichne man nur vereinzelte Rückgabefälle.

Ebenfalls stabil tief geblieben sind die Rückgaben bei den Globus-Warenhäusern. Nicht einmal beim Luxus-Versandhaus F. Goldschmidt lässt Wardrobing Alarmglocken schrillen. «Vermutlich liegt es daran, dass wir in der Schweiz eine gute und treue Kundschaft haben», vermutet Geschäftsführer Franz Goldschmidt. Beim Schweizer Detaillistenverband ist das Wort Wardrobing gänzlich unbekannt. «Der KMU-Detailhandel funktioniert sehr personenbezogen. Da sind vermutlich die Hemmschwellen grösser», glaubt Geschäftsführer Max Buholzer.

Entsprechend planen weder der Verband noch die befragten Detailhändler eine Verschärfung ihrer Rückgabepolitik. Das bevorstehende Januarloch bereitet somit in der Schweiz niemandem Sorgen – zumindest aus der Perspektive des Wardrobing.

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