Aktualisiert 31.03.2015 18:58

Psychiater

«Für Lubitz gab es kein Zurück mehr»

Der Co-Pilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war bereits wegen Suizidgefahr behandelt worden. Laut Psychiater Sebastian Haas war die Tat wohl ein Rückfall.

von
vro
Lubitz hat wohl nichts davon mitbekommen, dass der Pilot der Germanwings-Maschine an die Tür hämmerte, sagt Psychologe Sebastian Haas.

Lubitz hat wohl nichts davon mitbekommen, dass der Pilot der Germanwings-Maschine an die Tür hämmerte, sagt Psychologe Sebastian Haas.

Herr Haas, Co-Pilot Andreas Lubitz wurde laut der Staatsanwaltschaft Düsseldorf vor mehreren Jahren wegen Suizidalität psychiatrisch behandelt. Kann ein Mensch davon jemals geheilt sein?

Suizidalität ist ein häufiges Begleitsymptom von schweren Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen, führt aber nur in den seltensten Fällen zu einem vollendeten Suizid. Wenn sich aber jemand einmal versucht hat, das Leben zu nehmen, bleibt das Suizidrisiko bei ihm noch Jahre später deutlich erhöht. Das Problem ist, dass Menschen, die einen Suizidversuch begangen haben, diesen im Kopf als ultimativen Ausweg abspeichern. Deshalb ist es wichtig, dass sich Betroffene bewusst sind, dass sie gefährdet sind, und rechtzeitig Hilfe suchen, wenn sie einen Rückfall erleiden.

Passiert das plötzlich oder geht einem Rückfall ein Ereignis voraus?

Dies kann spontan passieren, häufig wird ein Rückfall aber durch ein äusseres Ereignis ausgelöst. Bei Lubitz trifft das nach derzeitigem Kenntnisstand doppelt zu. Einerseits drohte ihm eine Erblindung und damit der wahrscheinliche Entzug seiner Fluglizenz, andererseits hatte ihn angeblich kurz davor seine Freundin verlassen. Da kam es womöglich zum «Scheuklappeneffekt»: Er geriet in einen psychischen Ausnahmezustand und verfiel in eine Art Trance. Da steckte vermutlich keine kaltblütige Absicht, sondern akute seelische Not dahinter. Hätte er der Nachwelt eine Botschaft im Sinne von «Euch zeige ich es jetzt!» hinterlassen wollen, hätte er nur den Mund aufmachen müssen. Er wusste ja, dass die Geräusche aufgezeichnet werden. Doch er konnte wohl nicht mehr sprechen, weil er derart in seiner Selbstisolation gefangen war.

Bedeutet das, Lubitz hat vom Piloten, der an die Tür klopfte, nichts mitbekommen?

Es ist gut möglich, dass er ihn lange Zeit nicht gehört hat. Er befand sich wahrscheinlich in einer maximalen Selbstisolation. Das war für ihn wie ein Film, in dem er sich klar wurde, dass in dieser vertrauten Umgebung die Chance für ihn gekommen war und er mit dem Flugzeug das Mittel besass, als letzten Ausweg allem ein Ende zu setzen. Irgendwann wurde er sich vielleicht auch bewusst, dass er nicht mehr zurückkonnte. Selbst wenn er die Tür wieder geöffnet hätte, wäre er dann seinen Job los gewesen.

Die Tat war also nicht von langer Hand geplant?

Das ist schwierig zu sagen. Ein Suizid ist grundsätzlich meist ein psychischer Unfall, bei dem man für einen kurzen Moment austickt. Viele Patienten, die einen Suizidversuch überlebt haben, bereuen die Tat im Nachhinein und sind froh, dass sie überlebt haben oder gerettet wurden. Die meisten Menschen, die sich umbringen, machen das allein. Willentlich wollen die wenigsten jemandem sonst schaden. Deshalb kann man davon ausgehen, dass Lubitz wohl ausgeblendet hat, dass er dabei war, 150 Menschen mit in den Tod zu reissen.

* Sebastian Haas ist Psychiater und stellvertretender Ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

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