20-Minuten-Community berichtet: Für manche schmeckt Fleisch nach Corona «wie Papier»
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20-Minuten-Community berichtetFür manche schmeckt Fleisch nach Corona «wie Papier»

Der Albtraum für Gourmets: Die Mehrheit der an Covid-19 erkrankten Menschen ist eingeschränkt beim Riechen und Schmecken, viele nehmen widerwärtige Gerüche wahr. Eine Forscherin sagt, wieso.

von
Ann Guenter
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20 Minuten

Darum gehts

  • Nach einem Aufruf von 20 Minuten haben sich zahlreiche Betroffene gemeldet.

  • Seit ihrer Covid-19- Erkrankung riechen und schmecken sie nichts mehr.

  • Die Geschmacksexpertin Kathrin Ohla erklärt, wieso das so ist – und wie Betroffene sich selbst helfen können.

Genüsslich den Duft von Kerzenwachs, Tanne und Guetsli schnuppern, ein feines Glas Wein geniessen und sich beim Weihnachtsfestessen auf allerlei Delikatessen stürzen – darauf können sich der Basler Yorick (36) und seine Ehefrau dieses Jahr nicht freuen.

Seit sie im Sommer an Covid-19 erkrankt sind, riechen und schmecken sie wenig bis nichts (FOLGT: Hier gehts zur Geschichte). Die beiden sind bei weitem nicht allein. Auf den Aufruf von 20 Minuten haben sich haufenweise Menschen gemeldet: Seit ihrer Covid-Erkrankung schmecke Fleisch «wie Papier», Käse nach rein gar nichts, Gurken «nach verfaultem Gemüse» (siehe Bildstrecke).

Sieben von zehn Covid-Patienten betroffen

Sieben von zehn Covid-19-Patienten leiden unter Geruchs- und Geschmacksstörungen, zumindest zeitweilig. Dass gleich so viele diese Symptome zeigten, hatte die Wissenschaft noch im Sommer kaum glauben können. Auch die Heftigkeit der Empfindungsstörungen überraschte sie: Beim Geschmack können an Covid Erkrankte Einbussen von 70 Prozent erleben und beim Riechvermögen um 80 Prozent.

«Fäkalien, Ausguss, Verbranntes.»

Kathrin Ohla

Andere wiederum wünschen sich, gar nichts mehr riechen zu können. Sie leiden seit ihrer Covid-Erkrankung an Parosmie, der Störung, wenn Dinge plötzlich anders riechen. So nehmen Betroffene statt ihres Lieblingsessens immer wieder einen starken Geruch wahr, etwa von Erbrochenem oder Urin. «Üblicherweise geht eine Parosmie nicht mit angenehmen Gerüchen einher. Es sind eigentlich immer Berichte von üblen Gerüchen: Fäkalien, Ausguss, Verbranntes», sagt Kathrin Ohla, Geschmacksforscherin am Forschungszentrum Jülich. Sie gehört zu einem internationalen Konsortium, das Riech- und Geschmacksstörungen bei Covid-19 erforscht (siehe Box).

Frau Ohla, wieso verlieren Covid-19-Patienten den Geschmacks- und Geruchssinn?

Wir kennen das von anderen Viruserkrankungen. Auch das Grippevirus kann zum Verlust dieser Sinne führen. Das kommt aber so selten vor, dass sich die wenigsten dessen bewusst sind. Bei Covid ist es nun aber so häufig, dass es die Mehrheit der Patienten betrifft. Entscheidend ist dabei der Geruchssinn: Er funktioniert über Riechzellen, die dafür verantwortlich sind, dass wir überhaupt Geruchsstoffe und Duftmoleküle wahrnehmen können. Allerdings liegen sie relativ exponiert in der Nasenschleimhaut. Wenn das Virus, wie es Erkältungsviren so tun, in die Nase und die Nasenschleimhaut eindringt, kann es diese Riechzellen schädigen oder sogar ganz zerstören.

«Es betrifft die Mehrheit der Covid-Patienten.»

Kathrin Ohla

Kann der Geruchsverlust auch ein «gutes Zeichen» sein und für ein gesundes Immunsystem sprechen?

Das kann ich so nicht beantworten. Wir sehen aber wiederholt Publikationen und Berichte, wonach das neue Coronavirus so aggressiv ist, dass es über die Riechzellen wirklich bis ins Gehirn vordringen und dort Schaden anrichten kann. Das haben wir üblicherweise nicht mit den typischen Coronaviren, die wir im Winter so sehen.

Wann kommen Geruchs- und Geschmackssinn nach einer Covid-Erkrankung wieder?

Es gibt noch keine Prognosen über die Dauer dieser Störung. Aber wir sehen, dass nach ungefähr einem Monat die Hälfte der Patienten die Sinne wieder zurückbekommt. Andere Publikationen zeigen, dass es nach drei Monaten bei über 80 Prozent wieder gut ist, was ich für plausibel halte. Bei wie vielen der Zustand dauerhaft bleibt, können wir zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Im Verlauf des nächsten Jahres werden wir dazu sicher mehr wissen.

«Es gibt noch keine exakten Prognosen über die Dauer der Störung.»

Kathrin Ohla

Wie beeinträchtigt der Sinnesschwund das Leben der Betroffenen?

Das fängt schon damit an, dass man sich nicht riechen kann, nicht weiss, ob man sauber ist und gut riecht. Deswegen ziehen sich viele aus Angst sozial zurück. Viele vermissen natürlich die Freude beim Essen, da die Aromen fehlen. Andere sind immer ängstlich, weil sie Dinge wie Gas oder Rauch nicht mehr riechen können. Oder Eltern empfanden als enorm belastend, dass sie ihre Kinder nicht mehr riechen konnten. Grundsätzlich besteht für Menschen mit beeinträchtigtem Geruchs- und Geschmackssinn ein erhöhtes Risiko für Depressionen.

Was raten Sie unserem nichts mehr riechenden Leser Yorick und den vielen anderen Betroffenen?

Die Antwort ist leider etwas traurig, zumal es keine Therapie als solche gibt. Das Einzige, was man empfehlen könnte: versuchen, weiterhin Dinge zu riechen. Ob man das kann, ist allerdings sehr individuell: Manche treibt das in die Verzweiflung, anderen gibt es eher Hoffnung und Unterstützung, sie fühlen sich nicht so hilflos.

Also doch eine Riechtherapie?

Ich würde es nicht Therapie nennen, aber es ist die einzige aktive Massnahme, die man selber unternehmen kann. Eine Reihe von Untersuchungen zu anderen, nicht Covid-19 betreffenden Ursachen von Riechstörungen zeigt, dass ein Riechtraining hilfreich sein kann. Das heisst, man schnuppert ganz bewusst wieder an Dingen und versucht zu erraten, wonach sie riechen. Am besten mit geschlossenen Augen, und jemand reicht einem die Sachen. Diese Konzentration auf die Gerüche kann durchaus hilfreich sein. Aber wie gesagt, es ist von der Persönlichkeit abhängig, ob man das als hilfreich empfindet, wenn sich keine schnelle Besserung einstellt.

Zur Person

Kathrin Ohla ist Teil der Lenkungsgruppe des Globalen Konsortiums für Chemosensorische Forschung (GCCR) und leitet die Arbeitsgruppe «Kognitive Neurophysiologie» am Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich in Nordrhein-Westfalen. Sie und ihr Team haben einen Selbsttest veröffentlicht (hier gehts zum Test). Wer beeinträchtigt ist oder sich sorgt, es zu werden, kann so verfolgen, wie es um seine Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen steht.

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