27.07.2020 20:59

«Nicht wirksam»Für Mathematiker ist Schweizer Tracing-App ein Fail

Der Mathematiker Paul-Olivier Dehaye half mit, die Datenskandale um Facebook und die Firma Cambridge Analytica aufzudecken. Jetzt stellt er der Swiss-Covid-App ein vernichtendes Zeugnis aus.

von
Daniel Graf

Auf Tiktok will das BAG junge Menschen dazu ermuntern, die App herunterzuladen.

Video: @swisspublihealth via Tiktok

Darum gehts

  • Die Tracing-App erfasse maximal 1 Prozent der riskanten Begegnungen in der Schweiz, sagt ein Mathematiker.
  • Der Datenschutz-Aktivist sagt, die App habe aufgrund falscher Annahmen «komplett versagt».
  • Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) wehrt sich: Die Schweizer App sei im Ausland ein Vorbild.
  • Immerhin 9 Prozent der Neuinfizierten geben laut dem BAG einen Warncode ein, um die Kontaktpersonen zu alarmieren.

Hält sich eine Person während mehr als 15 Minuten näher als 1,5 Meter bei einer anderen Person auf, die sich mit Covid-19 angesteckt hat, war das ein Risikokontakt. Davon geht die Swiss-Covid-App aus, die helfen soll, die Pandemie einzudämmen.

Der Mathematiker und Datenschützer Paul-Olivier Dehaye hat berechnet, wie viele dieser Risikokontakte dank der App derzeit tatsächlich registriert werden. Er kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: «Zurzeit wird höchstens ein Prozent der Risikokontakte, die in der Schweiz stattfinden, von der App registriert», schreibt Dehaye auf Twitter.

«Quote liegt wohl sogar noch zu hoch»

Für seine Berechnungen hat Dehaye den Zeitraum vom 13. bis 19. Juli analysiert. Er hat jeweils verglichen, wie viele positiv getestete Personen einen Code in die App eingegeben haben, um die Risikokontakte zu warnen, und wie viele Neuinfektionen die WHO vermeldete. Ebenfalls betrachtete er, wie viele Apps in der Schweiz aktiv sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Im Detail sah seine Berechnung so aus:

Dehaye räumt gegenüber 20 Minuten ein: «Die Berechnung ist vereinfacht und es gibt viele Unsicherheiten.» Er ist aber überzeugt, dass der Wert sogar noch tiefer wäre, wenn all diese Unbekannten berücksichtigt werden könnten.

«App informiert Personen, die es schon längst wissen»

Dehaye nennt ein Beispiel: «Im Moment, in dem jemand ein positives Testresultat hat, wird er wohl zuerst seine Familie informieren. Die hat die App vermutlich auch. Dann geht er zum Arzt, holt sich den Code und gibt ihn ein, was Zeit braucht. Die App verschickt dann eine Warnung an alle Familienmitglieder – die wurden aber so oder so schon vom Infizierten selber informiert. Das verringert die Wirksamkeit der App weiter.»

Um die Effizienz von einem Prozent einordnen und ins Verhältnis zu den Kosten stellen zu können, zieht Dehaye einen Vergleich mit dem manuellen Contact-Tracing heran: «Die App kostete 9,5 Millionen Franken und registriert ein Prozent der Risikokontakte. Das manuelle Contact-Tracing kostet im Monat rund 20 Millionen Franken.»

Auch wenn keine genauen Zahlen zur Wirksamkeit des Contact-Tracing der Kantone bekannt seien, ist für Dehaye klar: «Es wäre viel sinnvoller, sich darauf zu konzentrieren, das manuelle Contact-Tracing zu vereinfachen und zu verbessern, als die App weiter zu pushen.» Dehayes Fazit: «Es ist klar, wofür die App entwickelt wurde. Aufgrund von falschen Annahmen hat sie aber komplett versagt.»

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Mit der Corona-App will der Bund Corona-Infektionsketten unterbrechen.

Mit der Corona-App will der Bund Corona-Infektionsketten unterbrechen.

KEYSTONE
Ursprünglich hätte die Corona-App ab dem 11. Mai verfügbar sein sollen.

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Da das Parlament in der App einen potenziellen Eingriff in die Grundrechte sah, musste zuerst noch eine gesetzliche Grundlage für die App geschaffen werden.

Da das Parlament in der App einen potenziellen Eingriff in die Grundrechte sah, musste zuerst noch eine gesetzliche Grundlage für die App geschaffen werden.

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BAG ist zufrieden

Zu 20 Minuten sagt BAG-Sprecher Marco Stücheli, dass man «grundsätzlich sehr zufrieden mit der App» sei. So wisse man, dass vom 1. bis 22. Juli insgesamt 212 Covid-Codes eingegeben wurden. «Das sind knapp 9 Prozent aller Neuinfizierten, die über die Swiss-Covid-App ihr Umfeld über eine mögliche Ansteckung informieren konnten.» Bis am 23. Juli seien 124 Anrufe an die Infoline SwissCovid getätigt worden. All diese Personen hätten eine Meldung der App erhalten. «Wir gehen davon aus, dass es noch viele mehr sind, da ein Anruf nur eine Möglichkeit ist, auf eine Warnung zu reagieren», sagt Stücheli.

Die App habe in nur 4 Wochen eine Verbreitung von über 1.1 Millionen aktiver Apps erfahren, sei über zwei Millionen Mal heruntergeladen worden, so der Sprecher. «Die Technologie der SwissCovid App ist gleichzeitig das Vorbild für viele ähnliche Anwendungen unserer europäischen Nachbarländern und entfaltet ihre Wirkung und Verbreitung bereits jetzt stärker als vergleichbare Apps.»

Die Kosten-Aussage Dehayes könne man «nicht nachvollziehen», sagt Stücheli. «Die Entwicklung des Prototyps der App-Software für das Mobiltelefon wurde aus den Forschungsbudgets der beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen Lausanne und Zürich finanziert. Für den Bund entstanden hierfür keine zusätzlichen Kosten.» Laut dem BAG budgetierte der Bund die Entwicklungskosten und den Betrieb auf knapp 3 Millionen Franken, hinzu kommen Kosten von maximal 1,8 Millionen Franken für die Weiterentwicklung und den Support.

Mathematiker und Rebell

Paul-Olivier Dehaye (*1981) ist Mathematiker und war bis 2016 Professor an der Universität Zürich. Als Vorstandsmitglied der Organisation MyData Global Network engagiert sich der gebürtige Belgier bei der Aufklärung von illegalen Daten­verstössen. Das Magazin «Republik» bezeichnete ihn darum als «Indiana Jones des Datenschutzes». So war er auch in den Nachforschungen um die Datenanalysefirma Cambridge Analytica involviert, die Daten von Facebook-Nutzern erhalten hatte, um gezielte Wahlwerbung zu machen.

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254 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Lars

28.07.2020, 23:31

Ich habe kein Smartphone kann ich sie auch auf meinem Laptop installieren?

Polyglott

28.07.2020, 11:52

Ich schaffe es gar nicht, länger als 15' näher als 1.5 bei jemandem zu sein. Macht ja keinen Sinn......

René

28.07.2020, 11:09

vielleicht ist die app bei den relativ geringen neuansteckungen nicht so wichtig. Aber bei einer zweiten welle, kann sie enorm wichtig werden und wird garantiert auch von vielen installiert. Denn wenn wir wieder eine zweite welle haben, ist jeder schuld am lockdown, der nicht alles unternimmt, um weitere ansteckungen zu vermeiden.