Schweizerin in Weissrussland: «Für meine Schwester gehen wir bis ans höchste Gericht»
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Schweizerin in Weissrussland«Für meine Schwester gehen wir bis ans höchste Gericht»

Seit Ende September sitzt die St. Gallerin Natalie Hersche in Weissrussland im Gefängnis. Am Dienstag kommt der Fall vor das Berufungsgericht. Ihr Bruder hofft, dass sie nun endlich freikommt.

von
Nathan Keusch
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Natalie Hersche bei ihrem ersten Gerichtstermin im Dezember. Nun steht das Berufungsverfahren an.

Natalie Hersche bei ihrem ersten Gerichtstermin im Dezember. Nun steht das Berufungsverfahren an.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet. 

Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet.

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«Meine Schwester ist sehr optimistisch», erzählt ihr Bruder Kasjan Gennadi. «Wir gehen bis vors höchste Gericht, wenn es sein muss. Sie muss frei kommen.»

«Meine Schwester ist sehr optimistisch», erzählt ihr Bruder Kasjan Gennadi. «Wir gehen bis vors höchste Gericht, wenn es sein muss. Sie muss frei kommen.»

zvg

Darum gehts

  • Natalie Hersche sitzt seit fünf Monaten im Gefängnis.

  • Am Dienstag kommt es zum Berufungsverfahren für die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin.

  • Ihr Bruder hofft auf eine Freilassung und will sich nicht unterkriegen lassen.

  • Beobachter stufen das Verfahren als politische Entscheidung ein.

Seit Monaten sitzt die Ostschweizerin in Minsk hinter Gittern, am Dienstag kommt es zum Berufungsverfahren: Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natalie Hersche verbüsst in Weissrussland eine 2,5-jährige Haftstrafe, weil sie bei einer Demonstration am 19. September einen Polizisten verletzt haben soll. Für ihren Bruder Kasjan Gennadi ist klar, dass seine Schwester eine politische Gefangene ist, die der willkürlichen Gewalt von Staatschef Lukaschenko zum Opfer fiel.

«Natalie ist optimistisch»

Seit fast fünf Monaten ist Hersche bereits inhaftiert. Ihr Bruder Gennadi lebt in Minsk und steht in engem Kontakt mit der Gefangenen. Rund alle zehn Tage erhalte er einen Brief von ihr, in dem sie von ihrem Leben hinter Gittern berichtet. «Es geht ihr den Umständen entsprechend gut und sie schreibt, das Gefängnis sei nicht all zu schlimm», sagt der Weissrusse.

«Meine Schwester ist sehr optimistisch», erzählt Gennadi. Beide hoffen, dass die Ostschweizerin vom Gericht freigesprochen wird. Gennadi schätzt die Chancen aber nicht sehr hoch ein: «Niemand weiss, was am Dienstag geschieht», sagt er. Falls das Urteil bestätigt wird, ist für Gennadi klar: «Wir gehen bis vors höchste Gericht, wenn es sein muss. Meine Schwester muss frei kommen.»

Prozess ohne die Angeklagte

Gennadi wird am Dienstag den Prozess direkt im Gerichtssaal mitverfolgen – nicht so seine Schwester: Sie werde nicht zur Verhandlung eingeladen. «Es wird angenommen, dass die Anwesenheit der Angeklagten bei der Verhandlung nicht notwendig ist.» In Weissrussland sei dies bei Berufungsverfahren leider üblich, sagt Gennadi.

Das letzte Mal gesehen habe Gennadi seine Schwester im Dezember, als er sie im Gefängnis besuchen konnte. Diese Treffen müssten jeweils einzeln beantragt werden. «Ohne Erlaubnis vom Staat geht nichts», sagt Gennadi. Seither habe man ihn nicht mehr zu seiner Schwester gelassen. Nur Anwälte und der Schweizer Botschafter dürften regelmässig zu der Gefangenen.

Politisch motiviertes Urteil

Unterstützt wird Hersche nicht nur von ihrer Familie, sondern auch von der Politik. «Natalie Hersche hat mit der Teilnahme an der Kundgebung lediglich ein demokratisches Recht wahrgenommen. Diese drakonische Strafe ist ungerecht und unmenschlich», sagt die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi (SP). «Die Strafe muss aufgehoben und Natalie Hersche unverzüglich freigelassen werden.» Gemeinsam mit 82 weiteren Schweizer Parlamentariern forderte sie letzte Woche in einem offenen Brief an den weissrussischen Aussenminister Vladimir Makei die Freilassung Hersches. «Als Schweizer Staatsbürgerin muss Frau Hersche eine unverzügliche Rückkehr in die Schweiz ermöglicht werden», heisst es im Schreiben.

Für Lars Bünger, Präsident der Menschenrechtsorganisation Libereco, ist der öffentliche Druck ein gutes Zeichen: «Das Verfahren gegen Frau Hersche ist kein rechtstaatlicher Prozess. Das Urteil wird daher in jedem Fall eine politische Entscheidung sein», erklärt er. Bünger hofft, dass die öffentliche Aufmerksamkeit den Druck auf das Regime erhöht. «Die Chance, dass es zum Freispruch kommt, liegt wohl bei 50/50.»

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Deine Meinung

114 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Hyran

16.02.2021, 08:37

Andere Länder, andere Gesetze. Nichtwissen, schützt vor Strafe nicht!

Putzfee

16.02.2021, 08:33

Diese probleme immer.

HD Läppli auf Anfrage

16.02.2021, 08:31

Also ich marschiere sicher nicht in Minsk (Weissrussland) ein. Ohne mich!