Thurgauer Obergericht kippt die Verjährung - «Für uns war das Seelenmord»
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Thurgauer Obergericht kippt die Verjährung«Für uns war das Seelenmord»

Mit einem wegweisenden Entscheid hat das Thurgauer Obergericht einem Mann recht gegeben, der vor über 50 Jahren durch einen Priester schwer missbraucht wurde.

von
Leo Butie
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Das Obergericht Thurgau hat einen richtungsweisenden Entscheid gefällt. 

Das Obergericht Thurgau hat einen richtungsweisenden Entscheid gefällt.

Obergericht Thurgau
Gemäss dem Entscheid hat Walter Nowak, der von 1962 bis 1972 durch einen Priester im Kloster Fischingen TG missbraucht wurde, Anspruch auf Entschädigung. Dies, obwohl die Taten Jahrzehnte zurück liegen.

Gemäss dem Entscheid hat Walter Nowak, der von 1962 bis 1972 durch einen Priester im Kloster Fischingen TG missbraucht wurde, Anspruch auf Entschädigung. Dies, obwohl die Taten Jahrzehnte zurück liegen.

Obergericht Thurgau
Nowak lebte im Kinderheim des Klosters Fischingen TG, wo er von einem katholischen Pfarrer missbraucht wurde.

Nowak lebte im Kinderheim des Klosters Fischingen TG, wo er von einem katholischen Pfarrer missbraucht wurde.

imago/Arcaid Images

Darum gehts

  • Das Thurgauer Obergericht hat ein wegweisendes Urteil gefällt.

  • Walter Nowak wurde vor über 50 Jahren von einem Priester im Kloster Fischingen TG missbraucht.

  • 2013 reichte Nowak ein Opferhilfegesuch ein.

  • Laut der Auslegung des Obergerichts beginnt die Verjährungsfrist erst dann, wenn sich das Opfer an den Missbrauch erinnert.

In einem wegweisenden Entscheid hat das Thurgauer Obergericht Walter Nowak, der von 1962 bis 1972 durch einen Priester im Kloster Fischingen TG missbraucht wurde, recht gegeben. Gemäss dem Entscheid hat Nowak Anspruch auf Entschädigungen, obwohl die Taten Jahrzehnte zurückliegen. Das Bezirksgericht in Münchwilen TG muss daher erneut prüfen, ob Nowak eine Entschädigung nach Opferhilfegesetz erhält.

Walter Nowak lebte von 1962 bis 1972 im Kinderheim im Kloster Fischingen, wo er von einem katholischen Pfarrer missbraucht wurde. Durch den Missbrauch wurde Nowak schwer traumatisiert. Er wurde in die psychiatrische Klinik in Münsterlingen TG eingeliefert. Doch anstatt ihm zu helfen, wurden an ihm Medikamentenversuche unternommen.

Jahrzehntelange Verdrängung

Über Jahrzehnte hatte Nowak die Erinnerungen verdrängt. Erst 2010, als er von Missbrauchsfällen in einem Kloster im Vorarlberg erfährt, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Neu ist, dass bei der Berechnung der Verjährungsfrist die jahrzehntelange Verdrängung auch mit eingerechnet wird.

Im Fall von Nowak ist die Verjährungsfrist 2015. Da er sein Gesuch für Opferhilfe im Jahr 2013 eingereicht hat, wird diese Frist gemäss dem Obergericht erfüllt. «Für uns war das Seelenmord, was die an uns verbrochen haben. Das verjährt nicht», sagt Nowak zum «Beobachter».

Urteil mit Strahlkraft

Die Thurgauer Justiz hatte ursprünglich entschieden, dass die Verjährungsfrist 1995 abgelaufen ist. Spätestens zwei Jahre nach der Einführung des Opferhilfegesetzes hätte dies der Fall sein sollen. Er hätte beweisen müssen, dass er sich nicht mehr an die Taten erinnern kann. Diese sogenannte Beweislastumkehr wird im Gesetz nicht vorgesehen, was vom Obergericht auch gerügt wurde.

Nowaks Anwalt lässt verkünden, dass dieses Urteil Strahlkraft hat, über den Einzelfall hinaus. Mit dem Entscheid könne man auch anderen Missbrauchsopfern mit posttraumatischen Belastungsstörungen helfen. Denn die katholische Kirche argumentiert oft mit der Verjährungsfrist. Nowak soll einen Betrag von 150’000 Franken, sowie eine Genugtuung von 70’000 Franken erhalten.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

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