EU sistiert Abkommen: «Für unsere Unis geht es um mehr als Milliarden»
Aktualisiert

EU sistiert Abkommen«Für unsere Unis geht es um mehr als Milliarden»

Die EU könnte den Schweizer Universitäten wichtige Forschungsprojekte wegnehmen. Rektoren-Präsident Antonio Loprieno ist alarmiert. Austauschsemester wird es aber weiterhin geben.

von
J. Büchi
Antonio Loprieno, Präsident der Schweizerischen Rektorenkonferenz, ist besorgt.

Antonio Loprieno, Präsident der Schweizerischen Rektorenkonferenz, ist besorgt.

Herr Loprieno*, die EU hat ihre Drohung wahrgemacht und legt die Verhandlungen über das Forschungsabkommen Horizon 2020 auf Eis. Was bedeutet das für Sie?

Ich muss vorausschicken, dass ich immer noch darauf hoffe, dass die Verhandlungen wiederaufgenommen werden. Wenn dies aber nicht gelingt und die Schweiz tatsächlich vom grössten Forschungsprogramm in Europa ausgeschlossen würde, wäre das eine ziemliche Katastrophe. In symbolischer Hinsicht fast noch mehr als in finanzieller.

Den Schweizer Universitäten ginge aber schon ziemlich viel Geld durch die Lappen, oder?

Wir bekommen von der EU etwa eineinhalbmal so viel Geld zurück, wie wir investieren. Es geht also um mehrere Milliarden Franken. Das Entscheidende ist aber: Das Geld, das zurückfliesst, ist für uns viel wertvoller als das, was wir selber in die Hand nehmen. Es hat nämlich eine grosse Bedeutung punkto internationales Renommee. Ohne Horizon 2020 verlören wir die besten jungen Köpfe aus der EU.

Weshalb? Geniessen die Schweizer Universitäten nicht unabhängig von ihrer Finanzierung einen guten Ruf?

Das akademische System der Schweiz gilt als eines der besten – wenn nicht als das beste – in Europa. Bei einem Scheitern von Horizon 2020 wäre es Schweizer Forschern aber nicht mehr erlaubt, EU-Projekte zu koordinieren. Ausserdem müssten sie ihre Projektkosten selbst übernehmen. Damit könnten wir unseren Vorsprung verlieren und ins Mittelmass verfallen.

Die ETH Lausanne führt mit Human Brain derzeit das Flaggschiffprojekt der EU an: Es gilt als das ehrgeizigste neurowissenschaftliche Projekt der Geschichte. Was bedeutete ein Ausschluss aus Horizon 2020 für dieses Projekt?

Heute führt die ETH Lausanne dieses Projekt, an dem die besten Hirnforscher der Welt mitarbeiten und das von der EU mit über einer Milliarde Franken unterstützt wird. Würde die Schweiz aus dem Forschungsabkommen ausgeschlossen, müsste sie den Lead möglicherweise abgeben. Das käme einem enormen Imageverlust gleich. Natürlich wäre das nicht nur bei Human Brain so: Auch sonst wären viele Forschungsprojekte unter Schweizer Führung in Gefahr.

Sie sagen, die Schweizer Universitäten wären damit für ausländische Forscher weniger attraktiv. Welche Konsequenzen müssen denn Schweizer Forscher im Ausland befürchten?

Wie gesagt, dürften sie keine Projekte mehr leiten. Es ist aber nicht so, dass Schweizer künftig nicht mehr im Ausland studieren oder forschen dürften. Auch unsere Abschlüsse wären weiterhin anerkannt, denn dieser Vorgang ist in der sogenannten Lissabon-Konvention und nicht in Horizon 2020 geregelt.

Die EU hat aber auch die Verhandlungen über das Austauschprogramm Erasmus+ sistiert. Wird es für Schweizer Studierende damit künftig schwieriger oder teurer, ein Semester im Ausland zu verbringen?

Nein, Austauschprogramme für Schweizer Studierende wird es auf jeden Fall auch in Zukunft geben. Die Frage ist, in welcher Form. Als Erasmus-Mitglied zahlt der Bundesrat seine Beiträge in Brüssel ein – künftig könnte er die Austauschsemester auch direkt finanzieren. Der springende Punkt ist auch hier das Signal, das man nach aussen sendet. Ein Ausschluss aus Erasmus+ würde heissen: Wir sind eine geschlossene Gesellschaft. Gerade für Leute, die eine akademische Karriere starten wollen, ist das ganz schlecht.

Was muss passieren, damit diese Szenarien nicht eintreffen – müssen die Verhandlungen also, wie von Ihnen erhofft, wiederaufgenommen werden?

Ich hoffe auf die diplomatischen Fähigkeiten des Bundesrates. Er weiss, was für die Schweiz auf dem Spiel steht. Ein Stück unseres Images haben wir schon eingebüsst. Unsere Regierung muss jetzt dafür sorgen, dass wir keine praktischen Konsequenzen erleiden müssen.

*Antonio Loprieno ist Präsident der Schweizerischen Rektorenkonferenz (CRUS).

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