Gefährliche Radioaktivität: Fukushima über Jahrzehnte verstrahlt?
Aktualisiert

Gefährliche RadioaktivitätFukushima über Jahrzehnte verstrahlt?

Greenpeace-Experten sind davon überzeugt, dass im Gebiet rund um das havarierte japanische AKW noch über Jahrzente gesundheitsschädliche Radioaktivität gemessen werde.

von
Patrick von Krienke
dapd

Deutsche Umweltexperten rechnen mit einer über Jahrzehnte anhaltenden Strahlenkontamination in der Evakuierungszone um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima in Japan. Das ist das Ergebnis der Messungen von Greenpeace-Spezialisten in dem japanischen Katastrophengebiet, die die Umweltorganisation am Montag in Hamburg vorlegte. Zudem kritisiert Greenpeace die japanische Regierung scharf für ihre zögerliche Haltung in ihrer Reaktion auf das Reaktorunglück.

Greenpeace habe zwei Wochen nach dem Unglück im Bereich um das Atomkraftwerk Fukushima I an 261 Messpunkten Daten erhoben und dabei verbreitet stark erhöhte Strahlungswerte auch ausserhalb der zurzeit gültigen Evakuierungszone festgestellt, sagte Greenpeace-Energieexperte Thomas Breuer.

Verbreitet habe die festgestellte radioaktive Dosis bei über zwei Mikro-Sievert pro Stunde gelegen. Die meisten Kontaminationen stammten vor allem aus radioaktivem Cäsium 134 und 137. Da es sich um einen sehr langlebigen radioaktiven Stoff handle, werde das Problem über Jahrzehnte bestehen, sagte Breuer. Die Strahlung überschreite die zulässigen Höchstwerte teilweise um das Tausendfache. In mehreren Gebieten sei die Höchstdosis für einen Menschen bereits nach einem Tag erreicht.

Jahreshöchstdosis innerhalb eines Tages

Die höchsten Werte lagen nach Breuers Angaben bei 48 Mikro-Sievert pro Stunde. Dies sei so viel, dass die Jahreshöchstdosis innerhalb eines Tages erreicht werde. Auch etwa 60 Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt, in den Stadtzentren von Fukushima und Koriyama, wurden den Angaben zufolge die Höchstdosen bis zum 35-fachen Wert überschritten. Ein Team der Umweltschutzorganisation entnahm unter Breuers Leitung im Umfeld des Atomkraftwerks Fukushima I auch Boden- und Lebensmittelproben. Mittlerweile sei ein weiteres Greenpeace-Team in Japan gelandet und bereite sich momentan auf den Einsatz in der Region vor.

Die von Greenpeace festgestellte Verstrahlung decke sich zwar mit den offiziell ermittelten Werten zu weiten Teilen, lösten aber bei den Verantwortlichen keine Reaktionen aus. «Das Dramatische ist, dass die Regierung nicht handelt», kritisierte Breuer und forderte Schutzmassnahmen und bessere Aufklärung der gefährdeten Bevölkerung vor Ort. «Das sowjetische Regime hat nach der Katastrophe von Tschernobyl in Evakuierungsfragen schneller gehandelt als die jetzige japanische Regierung», rügte Breuer.

Forderung nach weiteren Evakuierungen

Zudem sei jetzt in Japan wie 1986 auch in Tschernobyl die Tragweite des atomaren Unfalls heruntergespielt worden. So gehe das Leben in Städten wie Fukushima oder Koriyama normal weiter. «Wir hatten erwartet, dass beispielsweise Spielplätze und Kindergärten abgesperrt werden», sagte Breuer. Stattdessen sei durch den sandigen Boden der höchste Wert auf einem freigegebenen öffentlichen Spielplatz gemessen worden.

Auch die Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken sei katastrophal. Zwar würden die Messwerte veröffentlicht, aber den Menschen weder erklärt, was diese bedeuten, noch wie sie sich gegen die Radioaktivität schützen könnten. «Die Bevölkerung muss evakuiert werden. Als erstes Frauen, Kinder und Schwangere», forderte Breuer. Aufgrund der vorgefundenen Strahlung sei es unverantwortlich, die Menschen in Teilen der Region zu belassen.

Auch die Strahlenwerte in den Boden- und Lebensmittelproben seien stark erhöht. Greenpeace fordere daher eine flächendeckende Lebensmittel- und Kontaminationskontrolle für die Region, die auch den starken Durchgangsverkehr umfassen müsse. Strahlung könne sonst leicht in andere Regionen getragen werden. Vor allem in Richtung Nordwesten sei eine Evakuierung bis in 60 Kilometer Entfernung erforderlich.

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