Oben-ohne-Baden: Tamara Funiciello fordert, dass Frauen ohne Oberteil baden dürfen
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Oben-ohne-BadenFuniciello fordert, dass Frauen ohne Oberteil baden dürfen

In Göttingen (D) dürfen Frauen seit Mai mit nacktem Busen baden. SP-Politikerin Tamara Funiciello will den Oben-ohne-Freipass auch in der Schweiz.

von
Gabriela Graber
Zora Schaad
Christiane Binder
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In Göttingen (D) dürfen neu an Wochenenden alle oben ohne baden. (Symbolbild)

In Göttingen (D) dürfen neu an Wochenenden alle oben ohne baden. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto
«Ich fände eine solche Oben-ohne-Regelung auch in der Schweiz absolut notwendig», so SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Es sei problematisch, dass die weibliche Brust bis heute dermassen sexualisiert werde. 

«Ich fände eine solche Oben-ohne-Regelung auch in der Schweiz absolut notwendig», so SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Es sei problematisch, dass die weibliche Brust bis heute dermassen sexualisiert werde. 

Franziska Rothenbuehler
Diese Problematik zeige sich etwa auch darin, dass viele Frauen sich nicht wohl fühlen, ihr Baby in der Öffentlichkeit zu stillen. (Symbolbild)

Diese Problematik zeige sich etwa auch darin, dass viele Frauen sich nicht wohl fühlen, ihr Baby in der Öffentlichkeit zu stillen. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts:

  • Ab sofort dürfen in Göttingen (D) alle oben ohne baden – zumindest an den Wochenenden.

  • Nicht so in der Schweiz: «Es ist problematisch, dass die weibliche Brust bis heute dermassen sexualisiert wird», so SP-Nationalrätin Tamara Funiciello.

  • Sie fordert eine Oben-ohne-Erlaubnis auch für Schweizer Badis.

Seit dem 1. Mai dürfen in den öffentlichen Schwimmbädern Göttingens (D) - also in allen Freibädern und in einem Wasserpark mit Hallenbad – an Wochenenden versuchsweise alle Badegäste mit freiem Oberkörper baden. Auslöser für die Neuregelung war ein Sturm der Empörung, der entbrannt war, nachdem eine non-binäre Person in einem Freibad mit einem Verweis und einem Hausverbot belegt wurde, weil sie ihr Bikini-Oberteil ausgezogen hatte.

Während die Göttinger Badis viel Lob erhalten und in den ersten Tagen seit der Oberteil-Befreiung einen Besuchendenzuwachs verzeichnen, gehen Frauen in der Schweiz weiterhin mit bedecktem Busen in die Badi. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello ist das ein Dorn im Auge: «Ich fände eine solche Oben-ohne-Regelung auch in der Schweiz absolut notwendig, und zwar nicht nur am Wochenende, sondern immer, in Frei- und Hallenbädern. Frauen sollten herumlaufen, baden und sünnelen können, wie sie wollen. Es ist problematisch, dass die weibliche Brust bis heute dermassen sexualisiert wird.» Diese Problematik zeige sich etwa auch darin, dass viele Frauen sich nicht wohl fühlen, ihr Baby in der Öffentlichkeit zu stillen.

«Problematisch sind eher die Spanner und Gaffer»

Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder (VHF), sieht jedoch keinen Handlungsbedarf: «Falls auf der Liegewiese eine Person diskret das Bikini-Oberteil fallen lässt und sich nicht ausstellt, wird das in den meisten Freibädern akzeptiert. Problematisch sind eher Männer, die spannen und gaffen und die wir manchmal aus der Badi verweisen oder sogar mit einem Hausverbot belegen müssen.»

Ein Grund also, der gegen eine Oben-ohne-Regelung spricht? Nein, meint Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt, die eine Neuregelung ebenfalls begrüsst: «Wenn Männer sich an entblössten weiblichen Oberkörpern stören, ist das ihr Problem. Die Frauen sind nicht verantwortlich für die Gedanken der Männer – und erst recht nicht für ihr belästigendes Verhalten.» Gleicher Meinung ist auch Funiciello: «Man kann nicht von den Frauen verlangen, dass sie zu ihrem eigenen Schutz gewisse Kleider anziehen, weil sich die Männer nicht im Griff haben. Mit dieser Argumentation kann man heute schlicht nicht mehr kommen.» Stattdessen solle man aufhören, den Mädchen zu vermitteln, dass sie sich ständig schützen sollen – und die Buben erziehen, so die SP-Nationalrätin.

Auch Helena Trachsel, Leiterin der Gleichstellungs-Fachstelle im Kanton Zürich, erachtet eine Oben-ohne-Erlaubnis für alle als sinnvoll: «Aus Gleichstellungssicht ist es klar, dass für alle Gender die gleichen Regeln gelten und auch Frauen und non-binäre Personen in der Badi ihr Oberteil ausziehen dürfen.»

«Viele Frauen könnten sich davon abschrecken lassen»

Martina Bircher, SVP-Nationalrätin, ist gegen die Oben-ohne-Erlaubnis: «Eine solche Regelung kann indirekten Druck auf Frauen, die mit Bikinioberteil schwimmen und sünnelen wollen, auslösen», so Bircher. «Ich denke, dass sich die meisten Frauen davon abschrecken lassen und vielleicht deshalb gar nicht mehr ins Schwimmbad gehen würden.» Auch erwartet Bircher, dass ein Topless-Freipass Spanner in Badis locke.

Funiciello findet die Debatte absurd: «Die weibliche Brust ist etwas Natürliches und ich sehe den Unterschied nicht zu einer männlichen Brust.» Sie fordert eine Entsexualisierung des Frauenkörpers: «Wir als Gesellschaft müssen endlich damit aufhören, die Frau und ihren Körper ständig zu kontrollieren, zu kommentieren und als Objekt zu betrachten.» Brüste seien ein sekundäres Geschlechtsorgan - genau wie der Adamsapfel bei Männern: «Hat jemals jemand von einem Mann verlangt, seinen Adamsapfel zu verdecken?»

Oben-ohne in Schweizer Badis

1978 erlaubte Bern als erste Schweizer Stadt, «das ganze oder teilweise Entblössen der weiblichen Brüste in öffentlichen Badeanstalten» – andere Städte zogen später nach. Ob in öffentlichen Badis die Benutzerordnung das «Blütteln» verbiete ist Sache jedes Betreibers, so Martin Enz, Verband Hallen- und Freibäder (VHF). Sonnenbaden ohne Oberteil werde in einigen Anlagen in speziellen Bereichen auch offiziell toleriert. Generell gebe es in der Schweiz kein Gesetz, das das Herumlaufen ohne Kleider in Badeanlagen verbietet. Die Nacktheit dürfe allerdings von anderen Personen nicht als anstössig empfunden werden. Was als anstössig respektive «unanständig» gilt und was nicht, sei von den Bädern unterschiedlich geregelt, so Enz. 

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Hier findest du Hilfe:

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Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

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