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Fusionsreaktor soll nach Frankreich

Die EU beharrt darauf, dass der Fusionsreaktor ITER in Frankreich stehen soll. Die Zustimmung Japans soll mit weiteren Zugeständnissen erreicht werden. Der Ausgang des Seilziehens hat auch Folgen für den Forschungsstandort Schweiz.

Kernfusion gilt als denkbare langfristige Lösung der weltweiten Energieprobleme. Deshalb einigten sich Ende 80er-Jahre die führenden Industrienationen, entsprechende Forschung voranzutreiben.

Standortfrage spaltet

Man will möglichst gemeinsam vorgehen. Denn bereits die Baukosten für den thermonuklearen Experimentalreaktor (ITER) werden auf 4,57 Mrd. Euro geschätzt. Doch die Standortfrage spaltet. Die EU, unterstützt von China und Russland, will den Reaktor in Cadarache bauen. Auch Japan will jedoch ITER und setzt, zusammen mit den USA und Korea, auf den Standort Rokkasho-Mura.

Ende Woche will der EU-Ministerrat die definitive Verhandlungsposition festlegen. Es geht darum, ob die EU allenfalls mit einer kleineren Gruppe vorwärts machen will, falls die Verhandlungen nicht zu einer baldigen Einigung führen.

Schweiz steht hinter EU

Die Schweiz unterstützt das Beharren der EU auf Cadarache - sowie das Drängen auf einen baldigen Entscheid. Minh-Quang Tran, Direktor des Forschungszentrums für Plasmaphysik (CRPP) der ETH Lausanne, ist überzeugt: «Vom Technischen her ist der Standort überlegen.»

Tran, der zudem die gemeinsamen europäischen Entwicklungen im Fusionsbereich leitet, geht davon aus, dass früher oder später alle zusammenarbeiten werden: «Das Projekt ist zu wichtig, als dass sich Partner entscheiden werden, nicht dabei zu sein, wenn das Schiff losfährt.»

Mitarbeit an Standort gekoppelt

Das CRPP wird dabei sein: «Es gibt Objekte, die wir sicher machen können - ob für Cadarache oder für Rokkasho. Doch anderes, wofür wir spezialisiert sind, ist an den Bau und gekoppelt und muss somit in der Region entwickelt werden.» Was für die ETH gilt, ist auch ein zentraler Punkt für Hightech-Unternehmen.

«Es wäre für unsere Industrie viel schwieriger, in Japan Sachen zu liefern», sagt Jean-François Conscience, zuständiger Experte im Bundesamt für Bildung und Wissenschaft (BBT). Die Schweiz will zudem weitere Mittel locker machen, damit die Privatwirtschaft möglichst vom Aufschwung profitieren kann, den man sich vom Projekt erhofft.

Energiegewinnung: Verschiedene Optionen

Doch bei ITER geht es um Grundlagenforschung. Der praktische Nutzen, die wirtschaftlich sinnvolle Energiegewinnung, ist nicht garantiert. Und sicher steht sie nicht in den nächsten 20, 30 Jahren bereit. Lohnt sich denn die Investition in diese Technologie überhaupt?

Conscience vergleicht die 8 Mio. Franken, welche die Schweiz zurzeit in die Fusionsforschung investiert, mit den Ausgaben für das CERN in Genf oder einigen Bereichen der Medizin. «Man darf auch nicht übertreiben: So teuer ist es auch nicht im Vergleich mit vielen anderen Forschungsrichtungen», sagt er.

Der Fusionsexperte Tran verweist auf die «enormen Fortschritte», welche die Forschung bereits erreicht habe. Dies lasse berechtigte Hoffnungen zu. Zudem zeigten alle Voraussagen zum künftigen Energieverbrauch und den begrenzten Ressourcen die Notwendigkeit zu handeln: «Es geht um allzu viel, als dass wir es uns leisten könnten, nicht in verschiedene Forschungsbereiche zu investieren.» (sda)

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